Afghanistan und das Wiederaufleben von Al Qaida

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Taliban-Kämpfer steht Wache, bevor der Taliban-Sprecher Zabihullah Mudschahid zu seiner ersten Pressekonferenz in Kabul, Afghanistan, am Dienstag, 17. August 2021, eintrifft. Foto IMAGO / UPI Photo
Taliban-Kämpfer steht Wache, bevor der Taliban-Sprecher Zabihullah Mudschahid zu seiner ersten Pressekonferenz in Kabul, Afghanistan, am Dienstag, 17. August 2021, eintrifft. Foto IMAGO / UPI Photo
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Der Abzug der US- und NATO-Streitkräfte und der Vormarsch der Taliban in Afghanistan hat auch bei den US-Verteidigungsbehörden zu ernsten Sicherheitsbedenken geführt. Die Übernahme des Landes durch die Taliban wird es der Terrororganisation Al-Qaida ermöglichen, sich neu zu formieren und zu konsolidieren, so dass sich das Land zu einem Zentrum des Terrorismus entwickeln könnte. Obwohl die Präsenz von Al-Qaida in Afghanistan in den letzten zwei Jahrzehnten auf schätzungsweise 200 bis 300 Personen geschrumpft ist, könnte das Sicherheitsvakuum, welches durch den Abzug der US-Streitkräfte entstanden ist, Al-Qaida und anderen terroristischen Gruppen die Möglichkeit geben, sich neu zu organisieren.

von Salah Uddin Shoaib Choudhury

Da Afghanistan praktisch vollständig von den Taliban eingenommen wurde, wird es eine schwierige Herausforderung sein, das Wiederaufleben von Al-Qaida und dem Islamischen Staat (IS) im Land zu bekämpfen, auch wenn die US-Militärpolitiker nach weiteren Offensiven gegen Al-Qaida und ISIS suchen. Das Fehlen einer robusten US-Präsenz vor Ort wird jedoch die Identifizierung potenzieller Ziele erheblich erschweren, da Al-Qaida und der IS in der afghanischen Gesellschaft oder den Taliban aufgehen könnten.

Kürzlich erklärte Marinegeneral Frank McKenzie, der Chef der US-Streitkräfte in Afghanistan, dass Al-Qaida nach wie vor ein Hauptaugenmerk des US-Militärs in der Region ist. „Wir sind hier, um zu verhindern, dass sich Al-Qaida und der IS in den unkontrollierten Gebieten, vor allem im Osten Afghanistans, neu formieren und Anschläge gegen unsere Heimat planen können“, sagte McKenzie in der Hauptstadt Kabul. „Diese Bedrohung besteht auch heute noch“.

McKenzie sagte, US- Antiterroreinheiten hätten es der Al-Qaida unmöglich gemacht, sich zu reorganisieren und ihre Ziele im Westen zu verwirklichen.

„Wenn dieser Druck wegfällt, glaube ich, dass sie wieder aufleben werden“, so McKenzie.

„Und ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich bemerkbar machen und Angriffe auf unser Heimatland planen“.

Zum Risiko von Al-Qaida-Angriffen auf westliche Länder sagte Marinegeneral Frank McKenzie, dass die Ideologie von Al-Qaida zwar Angriffe auf die westliche Welt vorsehe, dies aber nicht die aktuelle Strategie ihrer Kämpfer in Afghanistan sei.

Andere Offizielle betonten, es sei unwahrscheinlich, dass die Al-Qaida in Afghanistan in absehbarer Zeit in der Lage sei, einen Angriff auf fremdem Boden gegen die USA oder ein anderes westliches Land zu verüben.

„Wir glauben, dass die Gefahr gering ist, dass sie innerhalb der nächsten 12 Monate versuchen werden, von Afghanistan aus grenzüberschreitende Anschläge gegen den Westen zu verüben“, sagte ein Regierungsvertreter.

Die Behörden sind jedoch der Ansicht, dass eine Taliban-Regierung in Afghanistan Al-Qaida nicht davon abhalten würde, sich neu zu formieren, und dass sie schliesslich wieder auf Anschläge auf fremdem Boden hinarbeiten wird.

In den letzten Jahren wurde Al-Qaida durch Luftangriffe und Antiterrormassnahmen stark geschwächt. Die führenden Köpfe und operativen Planer von Al Qaida sowie viele Kämpfer wurden getötet oder sind aus dem Land geflohen. Osama bin Laden, der Gründer der Bewegung, der die Anschläge vom 11. September 2001 geplant hatte, wurde 2011 getötet. Der derzeitige Anführer von Al-Qaida, Ayman al-Zawahiri, ist laut einem Bericht des UN-Sicherheitsrats vermutlich noch am Leben, aber nicht gesund. Gleichzeitig wird Al-Qaida dem Bericht zufolge in mindestens 15 afghanischen Provinzen vermutet, vor allem im Osten und Süden.

„Obwohl es nur eine begrenzte Verlagerung ausländischer terroristischer Kämpfer aus [Syrien und Irak] in andere Konfliktgebiete gegeben hat, sind die Mitgliedstaaten besorgt über die Möglichkeit einer solchen Verlagerung, insbesondere nach Afghanistan, falls das Umfeld dort für ISIL oder mit Al-Qaida verbündete Gruppen günstiger wird“, heisst es in dem Bericht des UN-Sicherheitsrats. ISIL ist, wie ISIS/IS, eine von mehreren Bezeichnungen für die Terrororganisation Islamischer Staat.

Das Wiederaufleben von Al-Qaida und anderen islamistischen Gruppierungen sowie die Gefahr, dass Afghanistan zur nächsten terroristischen Hochburg wird, geben Anlass zu grosser Sorge. Dieses Mal würde sich das Risiko noch erheblich erhöhen, da der Iran die schiitischen militanten Gruppen im Lande unterstützt und finanziert. Meiner Meinung nach würde Afghanistan nicht nur eine Bedrohung für den Westen darstellen, sondern auch eine massive Sicherheitsbedrohung für Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und andere Länder im Nahen Osten sowie für südasiatische Staaten, insbesondere Indien.

Salah Uddin Shoaib Choudhury ist ein Experte für Terrorismusbekämpfung und Herausgeber von Weekly Blitz. Übersetzung Audiatur-Online.

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