Jüdisches Museum Berlin. Foto Assenmacher, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11859477
Jüdisches Museum Berlin. Foto Assenmacher, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11859477
Lesezeit: 4 Minuten

Das Jüdische Museum Berlin dürfe „kein Ort der Anti-Israel-Agitation, der Förderung von Antisemitismus und der Unterstützung von Israels Feinden“ sein. Mit dieser Forderung wenden sich 500 Wissenschaftler und Künstler aus dem In- und Ausland – unter ihnen der international gefeierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Lior Shambadal – an Kulturstaatsministerin Monika Gruetters, den Zentralrat der Juden in Deutschland und das Jüdische Museum Berlin.

 

Initiiert wurde die Petition vom internationalen Ausschuss der Scholars for Peace in the Middle East (SPME). Die Akademikerorganisation, der weltweit 50.000 Mitglieder und Freunde angehören, wurde als Antwort auf Aufrufe zum Boykott israelischer Wissenschaftler und der dortigen Hochschulen gegründet und sieht es als ihre Mission, einen ehrlichen, auf Fakten gegründeten zivilen Diskurs über Themen des Nahen Ostens zu fördern.

Die Unterschriften seien in sehr kurzer Zeit zusammengekommen, sagt Dr. Elvira Grözinger, die stellvertretende Vorsitzende und Sprecherin des Vorstandes der deutschen Sektion von Scholars for Peace in the Middle East (SPME) und Mitinitiatorin der Petition, gegenüber Mena-Watch. „Darunter sind Historiker, Mediziner, Judaisten, Naturwissenschaftler, Literaturwissenschaftler, Orientalisten, Juristen, Rabbiner, Journalisten, Museumsfachleute und Musiker, jüngere und Emeriti.“ Die Unterzeichner kämen u.a. aus Deutschland, Polen, Italien, Israel, USA und Frankreich. Der international bekannte israelische Generalmusikdirektor Lior Schambadal sei ein „engagierter Künstler gegen Antisemitismus“, so Grözinger. „Dass ihm wie den anderen über 500 Unterzeichnern das antiisraelische und zuweilen antisemitische Treiben am Jüdischen Museum Berlin nicht gefallen konnte, verwundert nicht.“

Was will die Petition bewirken? „Die zahlreichen namhaften Wissenschaftler auf den Gebieten, die für die Museumsarbeit wichtig sind, sind über die problematische Entwicklung des Jüdischen Museums in Berlin sehr besorgt und hoffen nun, dass die neue Leitung dem Gründungsziel und den Aufgaben eines solchen Museums gerechter wird“, sagt Grözinger. Das Jüdische Museum Berlin solle wieder ein Besuchermagnet unter den Berliner Sehenswürdigkeiten werden. Es sei eine „Visitenkarte“ Berlins aber zugleich auch Deutschlands. Leider habe es seinen guten Ruf in den letzten zehn Jahren verloren. „Die Tatsache, dass innerhalb von drei Wochen in den Sommerferien die Petition so viele Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland unterzeichnet haben, zeigt, dass die Linie dieses Museums fachlich sachkundige und kulturbeflissene Menschen nicht gleichgültig lässt“, so Grözinger.

Im Text der Petition heisst es, lange Jahre sei das Jüdische Museum Berlin eine „international angesehene und im In- und Ausland respektierte Institution“ gewesen. „Die Aktivitäten der ehemaligen Programmdirektorin und stellvertretenden Direktorin des Museums, Frau Kugelmann, und des ehemaligen Direktors Prof. Peter Schäfer haben jedoch erhebliche Bedenken ausgelöst, über die in den internationalen Medien berichtet wurde.“ Ein jüdisches Museum in Berlin „sollte wie überall in erster Linie Kenntnisse über das Judentum vermitteln, insbesondere in Deutschland sollte der Schwerpunkt auf der jüdischen Geschichte in Preussen und Deutschland liegen. Es sollte über die Kultur und den Beitrag der deutsch-jüdischen Bürger zur deutschen Kultur und Geschichte bis in die Gegenwart informieren und die enorme Lücke aufzeigen, die die Zerstörung des jüdischen Lebens in Ihrem Land hinterlassen hat und die sich allmählich zu schliessen beginnt.“

Die Tatsache, dass so viele Kinder von in Israel geborenen Holocaust-Überlebenden Deutschland besuchten oder sich in Deutschland und insbesondere in Berlin niederliessen, sollte als „positives Zeichen“ für neues „Vertrauen in die deutsche demokratische Gesellschaft gesehen werden, die ihre jüdischen Bürger schützen kann und in der der Staat Israel einen zuverlässigen Freund und Verbündeten“ habe. Doch stattdessen müssten jüdische Besucher des Museums „schockiert“ feststellen, dass das „Gegenteil“ der Fall sei.

Zwar sollte eine dem Museum angegliederte Akademie „keinesfalls auf Vorträge oder Diskussionen zu den vielfältigen Themen verzichten, die mit dem heutigen jüdischen Leben und Israel als jüdischem Staat zu tun haben“. Aber dies müsse den „Antisemitismus als massive Bedrohung für die wieder entstandenen jüdischen Gemeinden im heutigen Deutschland einschliessen“. Auch die Bedrohungen von Israels Existenz – „die ja, wie wir alle wissen, deutsche Staatsräson ist“ – könnten thematisiert werden. Keinesfalls aber dürften das Jüdische Museum und seine Akademie „Ort antiisraelischer Agitation“ sein:

„Es sollte nicht den Antisemitismus fördern und Feinde des Staates Israel unterstützen. Diese in erster Linie kulturelle Institution sollte objektives und exaktes Wissen präsentieren und die Erinnerung an das Leben vor der Shoah mit den gegenwärtigen Entwicklungen verbinden, nicht ohne die moralische Verpflichtung, aus der Vergangenheit zu lernen.“

Den Auftrag des Museums wiederbeleben

All dies aber sei leider „viel zu lange vernachlässigt“ worden. Museumsmitarbeiter hätten stattdessen „den Museumsbesuchern ihre persönlichen politischen Ansichten aufgezwungen“ und „ihre Position missbraucht, um die Institution in eine antiisraelische Indoktrinationsplattform zu verwandeln“. Dies habe sich etwa bei der Jerusalem-Ausstellung gezeigt, die „besser informierte Besucher in hohem Masse irritiert“ habe.

Und diese sei „nur eines der Symptome in einer Reihe von sichtbar antiisraelischen Veranstaltungen“ im Jüdischen Museum Berlin. Erinnert wird auch an eine Veranstaltung mit der für ihre Aufrufe zum Israelboykott bekannten Judith Butler – die es wichtig findet Organisationen wie Hamas und Hisbollah als Teil der progressiven globalen Linken zu betrachten – und an den Empfang eines Vertreters des iranischen Regimes durch Museumsdirektor Schäfer. Dass das Museum dann auch noch einen Pro-BDS-Text getwittert hat, habe „das Fass zum Überlaufen gebracht“. „Viele unserer Mitglieder, darunter Fachleute für Nahost- und Jüdische Studien, haben den Niedergang dieser Institution bedauert und aufgehört, sie bei ihren Berlinreisen zu besuchen.“ Das Museum sei für sie zu einer „No-Go-Area“ geworden. Vonseiten der Unterzeichneten, ergeht darum der Appell:

„die Gründungsidee und den Auftrag des Museums wiederzubeleben und seinen Ruf wiederherzustellen, damit es wieder ein guter Ort für Besuche und Besichtigungen wird, ein Ort, an dem Juden und Nichtjuden ihr Wissen über das Judentum erweitern können, ohne gezwungen zu sein, die politischen Kämpfe und Konflikte, die auf so vielen anderen Schlachtfeldern stattfinden und grösstenteils die Kultur negieren, mitansehen oder an ihnen teilnehmen zu müssen.“

Die Unterzeichner erinnern daran, dass das Museum kurz nach den islamistischen Anschlägen vom Elften September eröffnet wurde. „Dies sollte als Verpflichtung angesehen werden, für Frieden und Verständigung zu arbeiten, niemals durch Weitergabe verzerrter Informationen und Förderung von Hass – wie dies in den letzten Jahren hier der Fall war.“

Auf Deutsch zuerst erschienen bei „Mena-Watch“.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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