Pittsburgh Mahnwache. Foto Governor Tom Wolf Harrisburg, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73939441
Pittsburgh Mahnwache. Foto Governor Tom Wolf Harrisburg, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73939441

An jedem einzelnen Tag ist der Antisemitismus um uns herum lebendig, wie eine eiternde Wunde greift er immer weiter um sich, wächst und wird immer schrecklicher und gewalttätiger. Und es gibt Menschen – viel zu viele Menschen – welche diesen Hass schüren.

 

von Justin Amler

Seit Stunden starre ich auf meinen Bildschirm und versuche, mir meiner Gefühle in Anbetracht auf das Massaker in einer Synagoge in Pittsburgh am heutigen Vormittag klar zu werden. Ich habe versucht, die richtigen Worte zu finden, um auszudrücken, was ich fühle. Aber wie erklärt man das Grauen, welches wir heute erlebt haben?

Wie erklärt man den Schmerz, der sich nicht nur auf unserem Bildschirm sondern auch in unserem Leben entlud? Wie kann man das Böse in nur wenigen Zeilen transportieren – denn das Böse war es, dessen Zeuge wir heute wurden.

Ja, das Böse.

In seiner vollen Härte, seiner ganzen Hässlichkeit, seinem ganzen Schrecken und seinem ganzen Hass. Vielleicht sagt sich der ein oder andere in einer hoffnungsvollen Geste des Selbsttrostes, dies sei die Tat eines geistesgestörten Irren gewesen. Ein Einzeltäter. Jemand mit psychischen Problemen. Aber so war es nicht.

Denn an jedem einzelnen Tag ist der Antisemitismus um uns herum lebendig… wie eine eiternde Wunde greift er immer weiter um sich… wächst… und wird immer tödlicher, schrecklicher und gewalttätiger. Und es gibt Menschen – so viele Menschen, viel zu viele Menschen – welche diesen Hass schüren.

Louis Farrakhan nannte mich vor einer lachenden und johlenden Menschenmenge eine „Termite“. Er wurde nicht von der Gesellschaft geächtet, sondern man spendete ihm Applaus, so wie Tamika Mallory, die ihn nicht nur verteidigte, sondern in den Sozialen Medien überschwänglich lobte.  Sie hält sich selbst für eine Art Frontfrau in Sachen Menschenrechte.

Linda Sarsour, eine weitere Person, die der Ansicht ist, sie verfüge über eine gewisse moralische Autorität, sagt, ich sei unheimlich. Sie sagt ausserdem, Israelis dürften nicht „humanisiert“ werden.  Dasselbe sagten die Nazis über mein Volk – und löschten am Ende 6 Millionen Juden aus, während die Welt mit niedergeschlagenen Augen daneben stand und Däumchen drehte und mit den Füssen scharrte.

Der Premierminister von Malaysia, Mahathir Mohamad sagt, ich hätte eine Hakennase, versuche die Welt zu regieren und wolle alle Muslime töten. Und doch hat die Gesellschaft auch ihn nicht geächtet.

Mahmoud Abbas, der Diktator der Palästinensischen Autonomiebehörde sagt, er würde nicht erlauben, dass meine „schmutzigen Füsse“ ihre heiligen Stätten schänden.  Er sagt ausserdem, ich habe selbst den Holocaust über mich gebracht – und leugnet gleichzeitig, dass dieser überhaupt stattgefunden hat.  Dennoch spricht man von ihm immer noch als einem ehrbaren Mann des Friedens, der von Staatsoberhäuptern aus der ganzen Welt warmherzig begrüsst wird.

Mitglied des House of Lords und renommierte Judenhasserin, Jenny Tonge, gibt Israel die Schuld an dem Anschlag und verkündet, die Aktionen der israelischen Regierung würden den Antisemitismus neu entfachen.

David Duke sagte vor einigen Jahren bei einer Kundgebung: „In Amerika gibt es ein Problem mit einer sehr starken, einflussreichen Stammesgruppe, die nicht nur unsere Medien sondern auch unser internationales Bankwesen dominiert.“  Das Problem, von dem er sprach, waren die Juden.

Naziflaggen wehten öffentlich auf Kundgebungen der Rechten in Charlottesville und an der Grenze zum Gazastreifen, wo sich nach wie vor zahlreiche Araber in der Erwartung eines bevorstehenden Massenmordes versammeln.

Diese Aufzählung liesse sich beliebig fortsetzen …

Der Antisemitismus ist nicht erst heute ausgebrochen – er bricht schon seit Jahren immer wieder aus. Es ist der älteste Hass der Welt – und auch der, der am meisten vereint. Denn er ist das Einzige, in dem sich die Extremisten auf der Linken sowie die Extremisten auf der Rechten einig sind. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte er häufig am Rande der Gesellschaft, aber das ist schon seit einiger Zeit nicht mehr so. Inzwischen ist er Mainstream geworden. Er gärt in den politischen Parteien auf der ganzen Welt und wird von denen, die sich selbst als Führer von Moral und freiheitlichen Werten bezeichnen, verbreitet.

Der Hass vereint und die Juden stehen einmal mehr – wie so oft in der Geschichte – in der Mitte gefangen.

Heute wurden Juden angegriffen, nicht weil sie auf dem politischen Spektrum links oder rechts standen. Nicht, weil sie konservativ oder liberal waren. Nicht, weil sie Trump oder Clinton unterstützten. Sie wurden angegriffen, weil sie Juden waren – so einfach ist es.

Und sie wurden angegriffen, während sie einem Gottesdienst inmitten der ältesten Tradition zwischen Gott und dem jüdischen Volk beiwohnten – der Brit Mila. Die älteste Zeremonie des Judentums, durch die Gott seinen Bund mit seinem Volk schloss – einen Bund für die Ewigkeit.

Es sind zu viele Tränen, die heute fliessen werden. Es ist ein zu grosser Schmerz, den die Menschen ertragen müssen. Es ist ein zu grosses Trauma, das in der ganzen jüdischen Welt und der Welt aller anständigen Menschen nachhallen und uns bis in den Kern erschüttern wird.

Und unsere Herzen, unsere Herzen werden brechen, wie es so oft in der Vergangenheit geschehen ist und wie es auch in der Zukunft noch oft der Fall sein wird. Aber unsere Herzen werden nicht aufhören zu schlagen. Sie werden nie aufhören zu schlagen. Sie werden voller Narben sein, voller blauer Flecken und verletzt und dennoch werden sie weiter schlagen, so, wie sie es immer getan haben und so, wie sie es immer tun müssen.

Wir, das jüdische Volk, werden weiterleben, so, wie wir es immer getan haben und so, wie wir es immer tun müssen.

Justin Amler ist ein in Südafrika geborener und in Australien lebender Schriftsteller und Kolumnist. Auf Englisch zuerst erschienen bei MiDA. Übersetzung Audiatur-Online.

Diesen Beitrag teilen
  • 343
  •  
  •  
  •  
  • 1
  •  
  •  
  •  
  •  
  •