Marianne Binder-Keller. Foto zVg
Marianne Binder-Keller. Foto zVg

Etwa 80 Jahre nach einem der grössten Massenmorde in Europa werden zwei Rapper, die gewaltverherrlichende und antisemitische Texte absondern, mit der Verleihung des wichtigsten deutschen Musikpreises geehrt. Ausgerechnet anlässlich des Holocaust-Gedenktages in Israel! Ausgerechnet in Deutschland. Ausgerechnet in Berlin.

 

Ein Kommentar von Marianne Binder-Keller

Vor der Preisverleihung hatte der Ethikrat des Bundesverbandes der Deutschen Musikindustrie die Texte diskutiert. Statt sie zu verurteilen, segnete er die Nominierung mit der Berufung auf die künstlerische Freiheit ab. Ausgerechnet in der Nähe einer Hausfassade mit einem Gedicht, das als beispielloser Übergriff auf die Kunst gerade überstrichen wird. Es handelt davon, dass jemand Alleen und Blumen bewundert und Frauen. Letzteres sei voyeuristisch. Es gibt Nachrichten, die machen mich fassungslos. Vor einer Woche wurde in Frankreich eine Holocaustüberlebende ermordet von einem arabischstämmigen jungen Mann. Die «Zeit» berichtete von jüdischen Kindern, die gemobbt werden in Wohnquartieren mit vielen Migranten. In Berlin musste man ein jüdisches Kind von der Schule nehmen. Man hat ja nichts gegen Juden, aber… Aber was!

Ich gehöre einer Generation an mit Eltern, die im Krieg geboren wurden. Meine Grossmutter, sie war Witwe, führte in Baden ein Hotel, wo sie jüdischen Flüchtlingen Unterkunft bot. Ihre Tochter, meine Mutter, die Schriftstellerin Rosemarie Keller, schrieb über diese Zeit in ihrem Buch, „Die Wirtin“. Damit die Flüchtlinge nicht abgeschoben wurden in den sicheren Tod, es waren Deutsche und Holländer, bürgte meine Grossmutter dafür, dass sie mit ihnen verwandt sei. Damit riskierte sie ihr Wirtepatent. Grossmutter war kein Einzelfall. Auch wenn wir wissen, das Boot war leider längst nicht voll, die Schweiz hätte viel mehr Menschen aufnehmen können, habe ich grosse Achtung vor der Zivilcourage der Generation unserer Grosseltern. Sie lebten in einer aussergewöhnlichen Zeit. Ihre Erzählungen über den Nationalsozialismus und das Bedrückende eines Krieges vor unserer Landesgrenze, über ihr Bangen, die Nazis würden auch in die Schweiz einmarschieren, die Schilderungen ihrer Ängste vor der Zukunft haben meine Kindheit geprägt.

Die Entsetzlichkeit des Unrechtes

Anne Franks Tagebuch gehörte zu unserer Standardlektüre. Ich las «Das siebte Kreuz» von Anna Seghers, las unzählige Familiengeschichten und Zeugenberichte über die Zeit des Nationalsozialismus. Ich besitze einen Fotoband über eine versunkene Kultur in Europa. Erschütternde Bilder von drei Generationen jüdischen Menschen, die ermordet worden sind. Was von ihnen blieb, ist erfasst zwischen den Buchdeckeln. Später las ich die Protokolle des Nürnberger Prozesses. Etwa: Eine junge, elegant gekleidete Frau kam mit ihren beiden Knaben in Dachau an. Ein Soldat nahm sie betont höflich in Empfang: «Bitte begrüsst den Herrn», ermahnte die Mutter ihre Kinder. Der Mann führte die Knaben ein paar Meter weg und erschoss den einen. Dann den anderen. Vor ihren Augen. Sie selbst überlebte als Einzige. Ihr Mann, ihre Eltern, ihre Schwester und die einzige Tante kamen alle um. Ihr Bruder verhungerte kurz vor Ende des Krieges. Und weiter: Mengele operierte Mädchen und jungen Frauen Steine in die Gebärmutter… Die Entsetzlichkeit des Unrechtes und auch die Frage, wie solches in einer zivilisierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts möglich ist, hat mich umgetrieben. Für mich war selbstverständlich. Nie wieder!

Sich über die geschundenen Körper von Auschwitz-Insassen zu mokieren, erachte ich als absolute Verrohung von Leuten, deren Hirn offenbar nicht einmal eine Spanne von 80 Jahren Geschichte absorbiert. Man anerkenne den Leuten doch um Himmels willen diesen Preis wieder ab, damit nicht vergessen geht, was unvergessen bleiben muss.

Marianne Binder-Keller ist Grossrätin im Kanton Aargau und Parteipräsidentin der CVP Aargau. Dieser Kommentar erschien auch in der „Schweiz am Wochenende“ am 14. April 2018.

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