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Die Schweizer Medien beschäftigen sich im April wenig mit dem Nahostkonflikt. Noch am Anfang des Monats erörtert Ulrich Schmid in einem NZZ-Artikel die Erschiessung eines palästinensischen Attentäters durch einen israelischen Soldaten.

Auch das SRF berichtet von dem Vorfall. Dieses Vergehen des Soldaten ist nicht entschuldbar. Musste Schmid indes diesen Vorfall und das verhaltene Echo einiger rechtsgesinnter Politiker Israels nutzen, um den Rückschluss zu ziehen, dass ein „nicht dominierender, aber beträchtlicher Teil der israelischen Wählerschaft […] offen rassistisch“ sei? Umso richtiger ist es, dass der Autor am Ende des Artikels betont, wie sehr der Vorwurf der PLO, es handele sich um eine „brutalen Exekution“, grotesk anmutet, denkt man an jene vorsätzliche Brutalität, mit der junge Palästinenser in den letzten Monaten immer wieder versuchten, Israelis zu ermorden.

Derselbe Journalist verlässt (oberflächlich betrachtet) den Nahostkonflikt, indem er in seinem Artikel vom 15.4. jungen Palästinensern in Israel und den Palästinensergebieten „ein säkulares […], manche[n] ein leidenschaftlich hedonistisches“ Leben bescheinigt. Das Erscheinen dieses Artikels ist begrüssenswert, da das Gros der Schweizer Medienberichte in Bezug auf den Nahen Osten ausschliesslich den Konflikt thematisiert und damit Israel lediglich als Konfliktpartner, wenn nicht gar als dessen Verursacher darstellt. Umso wichtiger ist es, in den Medien auf den besonders in Israel lebendigen kulturellen Austausch zwischen Juden, Muslimen und Christen hinzuweisen.

Schmid, der in seinem Artikel das Dasein junger palästinensischer Künstler und Intellektueller vorstellt, beschreibt aber eine Kurve, indem er diese Szene mit dem in Europas Medien dominanten Bild der „an der Besetzung und Perspektivelosigkeit [sic!] verzweifelnden Messerstecher“ konterkariert. Der Autor greift für diese Beobachtung (und das mehrfach in diesem Bericht und auch in seinen anderen Artikeln) auf verzerrende Vergleiche Israels mit einer Besatzungsmacht zurück. Warum diese Zuschreibung die Realität massgeblich verfehlt, habe ich in anderen Artikeln herausgestellt.

Der Kern des Problems ist aber vielmehr Folgendes: Die lebenshungrigen „säkularen“ Palästinenser, die er nacheinander vorstellt, bestätigen genau dieses Bild von Israel. Die einseitige Dämonisierung Israels kommt dieses Mal aber nicht von europäischen Medien oder von arabischen Fundamentalisten – es sind Künstler und Intellektuelle, die sich im regen Austausch mit ihrer interkulturellen Umwelt befinden. Nichtsdestotrotz reden diese von „Besatzung“ durch Israel – den „Unterdrücker“, den einige von ihnen nie besuchen würden. Man wähnt sich in der Nähe der Boykott-Bewegung BDS, die in Europa und den USA für Schlagzeilen sorgt, da sie nicht nur jüdische Israelis, sondern auch aus anderen Ländern kommende Juden ausgrenzt. Daran erkennt man die allzu deutliche Verknüpfung zwischen Israelhass und Antisemitismus.

Einige von Schmids Interviewpartnern werden aber im selben Atemzug als „Freund[e] der Juden“ vorgestellt, was jeden kritischen Interviewer eigentlich stutzig machen sollte, dient dieses Argument (auch in Europa) häufig dazu, jedem Vorwurf des Antisemitismus zuvorzukommen.

Und sie werden nicht müde zu betonen: „Unsere arabische Liberalität ist nicht wegen, sondern trotz Israel möglich“. An dieser Stelle wäre es ratsam gewesen, die Sprecher zu fragen, was aus ihrem säkularen Lebens- und Kunstverständnis geworden wäre, wenn sie in Gaza Stadt unter Hamas-Doktrinen leben müssten – das im Laufe des Artikels vorgestellte Interview mit der Professorin Ghada reisst zumindest die islamistische Unterdrückung von Homosexuellen sowie Andersdenkenden an. Dennoch, es ist den Befragten immer wieder wichtig zu betonen, dass ihre Liberalität nichts mit dem Westen und schon gar nichts mit Israel zu tun hat.

Schmid geht bis auf wenige Stellen leider recht unkritisch mit solcherlei Äusserungen um. Am Ende des Artikels weist er auf die Beschränktheit gewisser Argumente hin (wie jener problematisch affirmative Bezug zu Arafat, der sich als links ausgab, aber ein Frauen- und Demokratiefeind war). Schmid ist Journalist und weiss nur zu gut, wie selten Leser einen Artikel bis zur letzten Zeile lesen. Die zuvor unwidersprochen übernommenen Vergleiche und Vorwürfe Israels werden erneut ihren Anteil dazu beitragen, in Israel einen Unterdrücker sowie eine selbstverherrlichende Pseudo-Demokratie zu sehen – nur dieses Mal von einer Gruppe lebenszugewandter Gebildeter, was den Leser überrascht und den Vorwurf noch erhärtet. Schmid hätte gut daran getan, die Wahrnehmung anderer progressiv gestimmter Palästinenser stärker mit einfliessen zu lassen, die nicht einfach nur die altbekannte Schwarz-Weiss-Malerei betreiben.

Kommen wir zur Schweiz: Antisemitismus ist und bleibt präsent, so der „Antisemitismus-Bericht 2015“, den Martin Sturzenegger vom Tagesanzeiger vorstellt. Zwar gingen antisemitische Vorfälle von 2014 bis 2015 zurück – diese Zahlen sagen aber wenig über den latenten Antisemitismus in der Schweizer Gesellschaft aus, der sich bei gewissen Anlässen wie der Gaza-Krise im Sommer 2014 Luft macht. Auch Nina Kunz in der NZZ nimmt sich diesem bedrohlichen Thema an. Die Gefahr, mit der sich die jüdische Gemeinde Zürichs konfrontiert sieht (ohne dass sie bisher mit einer staatlichen Kostenbeteiligung für die notwendigen Schutzmassnahmen rechnen durfte), habe ich in meiner Medienschau vom 11. Februar besprochen.

Allerdings lauert der Antisemitismus nicht nur auf der Strasse, wie Sturzenegger zurecht herausstellt: Hass gegen Juden in Social Media ist seit Langem ein Problem. Die jüdische Gemeinde fängt inzwischen damit an, Web-User wegen Aufrufen zu Gewalt oder Mord anzuzeigen. Allerdings kommt der Grossteil antisemitischer Kommentare von anonymen Web-Usern, deren wahre Identität man kaum offenlegen kann, da hierfür Unternehmen wie Twitter und Facebook mitspielen müssten. Hassrede wird in den USA häufig anders interpretiert als gemäss Schweizer Rechtsprechung. Eine äusserst lesenswerte Einführung in die Rolle des Internets für die Ausbreitung von Hass bietet ein Interview, welches der Tagesanzeiger mit dem Psychologen Nils Böckler führt.

Die Debatte um die Händedruck-Verweigerer wurde in verschiedenen Medien intensiv geführt (Schweiz am Sonntag, NZZ, Aargauer, 20 Minuten etc.). Was bei der Debatte jedoch auffällt: Sie wirkt konstruiert, wie ein Nebenschauplatz. Vorstellungen einer Schweizer Identität sind in der Gesellschaft klar gesetzt – gleichzeitig vermeidet man längst fällige Diskussionen zu Integrationsfragen. Die Political Correctness erzeugt eine Kultur, die sich bei Anlässen wie dieser aktuellen Debatte Luft macht. Erst dann wird die Nervosität der Gesellschaft im Umgang mit dem Fremden transparent und spürbar.

Bezogen auf diese Vorgänge bringt die Weltwoche am 14.04. einen lesenswerten Artikel von Rico Bandle mit dem Titel „Pingpong mit orthodoxen Juden“. Das Zusammenleben mit ebendieser religiösen Gruppe wird hier aus einer überraschend persönlichen Perspektive geschildert. Auch der ausbleibende Handschlag wird thematisiert. Doch Bandle beschreibt am Ende die Unterschiede zwischen orthodoxen Juden und strenggläubigen Muslimen und fasst diese auf einleuchtende Weise zusammen. Dies ist umso relevanter, als dass die Nahostberichterstattung immer wieder beide Gruppen gleichsetzt – gerade hinsichtlich ihrer Haltungen zu Kategorien Gewalt, Rache und Rückständigkeit.

Es gibt den Diskurs des Ausweichens, sei es aus politischer Korrektheit (wie bei der Handschlag-Debatte), sei es aus einem Dünkel, dass beispielsweise Israelhass nur aus der rechten Ecke kommen kann. In der Art und Weise, wie die Debatte um den verfehlten Vergleich des SVP-Politikers Christoph Blocher („Berichterstattung zur Durchsetzungsinitiative mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung“) u.a. in NZZ und Blick geführt wird, wird dies deutlich. Zum einen sind Vergleiche dieser Art hochproblematisch und zudem in rechtspopulistischen Kreisen äusserst beliebt (siehe entsprechende Äusserungen des österreichischen FPÖ-Politikers Strache). Zum anderen zeigen die Artikel nicht auf, dass NS-Vergleiche nicht nur in rechtsgerichteten Kreisen vorherrschen, sondern – wenn es um Israel geht – gesellschaftsübergreifend immer wieder artikuliert werden. Dies muss nicht so explizit geschehen, wie es Blocher tat, um den Opferstatus seiner Partei herauszustellen. Aber auch wenn liberale Medien von Palästinenserfrage oder Gaza-Ghetto sprechen, treten diese Szenarien ebenso vor die Augen der Leser. Ein (selbst)kritischer Blick in den Medien wäre wünschenswert, auch um zu verstehen, mit welcher Motivation Sprecher Vergleiche dieser Art immer wieder ziehen müssen. Die Fixierung auf eine Gruppe der Gesellschaft, wenn es um Antisemitismus oder Relativierung der NS-Zeit geht, entspricht jedoch nicht gutem journalistischen Stil und verstellt den Blick auf das Ausmass des Problems.

Über Matthias J. Becker

Matthias J. Becker ist Doktorand an der Technischen Universität Berlin. Er studierte Romanische Philologien, Philosophie und Linguistik an der Freien Universität. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dämonisierenden Analogien im deutschen und britischen Nahostdiskurs (Web-Kommentare auf Die Zeit und The Guardian), um die verschiedenen Qualitäten eines israelbezogenen Entlastungsantisemitismus’ anhand des Online-Diskurses in liberalen Medien zu erforschen.

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