Wie Täter und Opfer sich wandeln

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Ein kurzer Abriss des palästinensischen Terrors.

Die Klischees sind bekannt:

  1. Palästinenser führen einen Befreiungskampf gegen die « Besatzung».
  1. Die weltweit verfolgten Juden behaupten sich mit einem waffenstarrenden Ministaat gegen Vernichtungsdrohungen aus mehreren Richtungen. Nebenbei unterdrücken Sie „die“ Palästinenser (wie man im Ausland auch israelische Araber pauschal nennt) angeblich im eigenen Staat. Dass die rund 2 Millionen Araber (von 8 Millionen Einwohnern Israels) mit 17 (von 120) Abgeordneten und eigener Partei im Parlament vertreten sind, wird bei der Betrachtung meist grosszügig übersehen.
  1. Als ganz schlimm gilt die Siedlungspolitik, weil sie „den“ Palästinensern in den seit 1967 besetzten Gebieten angeblich Land stiehlt. Dass dieses Land nie offiziell zu einem Palästinenserstaat gehört hat und grundsätzlich kein palästinensischer Privatboden angerührt wird, interessiert keinen.
  1. Palästinenser besitzen in genau abgesteckten Gebieten (Gaza, Autonomiegebiete) eine vollgültige Selbstverwaltung mit Regierung, Parlament, eigenen Gesetzen und anderen Zutaten eines selbstständigen Staates. Genau wie alle anderen Menschen müssen sie sich bei einer Auslandsreise einer Passkontrolle fremder Staaten unterziehen. Anderswo ist das eine unkomplizierte Formalität. Aber für Palästinenser gilt es als „erniedrigend“, sich ausgerechnet vom verhassten Feind kontrollieren lassen zu müssen.

Fazit: Man hat es offenbar als Palästinenser schwer. Dass diese Kränkungen deshalb seit Jahrzehnten mit Terror kompensiert werden, trifft weltweit auf grosses Verständnis.

Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass sich dabei die Palästinenser als Täter genauso gewandelt haben, wie die Zielgruppen ihrer Opfer.

Weltweiter Terror
Ende der sechziger Jahre verfolgte die PLO unter Jassir Arafat zusammen mit anderen Organisationen eine Politik, sich ins „Bewusstsein der Menschheit“ zu bomben. Mit dem Beistand einer „Internationale des Terrors“, darunter der deutschen RAF oder der Roten Armee Japans, waren Zivilisten aus allen Nationen bei Flugzeugentführungen betroffen. Zwar war die EL AL ein bevorzugtes Ziel, aber genauso wurden andere Fluggesellschaften angegriffen und deren Flugzeuge nach Beirut, Zarka oder Entebbe entführt. Eine Swissair wurde mit einer Briefbombe im Flug zur Explosion gebracht, was wegen Geheimabkommen zwischen der PLO und der Schweiz heute ein politisches Nachspiel hat. Selbst der Anschlag auf die israelischen Sportler 1972 in München sollte vor allem grösstmögliche weltweite Aufmerksam bewirken. Die Attacke auf die israelische Delegation war nur ein Vorwand.

Sein Ziel erreichte Jassir Arafat 1974 mit seinem Auftritt vor der UNO und mit der Anerkennung eines „Selbstbestimmungsrechts der Palästinenser“ durch die Europäische Gemeinschaft in Venedig 1980. Er veränderte dabei seinen Kampfstil auch nicht nach Rückschlägen, wie dem Rauswurf der PLO aus Jordanien 1970 nach dem schwarzen September oder der Verschickung ins Exil nach Tunis nach dem Einmarsch der Israelis in Beirut 1982. Der Spiegel titelte damals, dass die PLO die grösste und reichste Terrororganisation der Welt sei.

Die PLO, ein Dachverband aller palästinensischen Parteien mit Ausnahme der Hamas, hatte sich längst etabliert, auch als verlängerter Arm der Sowjet Union und als aktiver Mitspieler in der Welt. Das war eine Revolution des Völkerrechts. Bis dahin hatten speziell in der UNO nur Staaten das Sagen. Jetzt wurden auch Befreiungsorganisation und Völker ohne Selbstbestimmungsrecht beachtet wie Staaten, mit dem Unterschied, dass sie sich selber nicht ans Völkerrecht halten mussten. Mangels Status als Staat konnten sie nicht zur Verantwortung gezogen werden. Dieses Phänomen gilt heute für „Befreiungsorganisationen“ jeder Couleur, darunter die Hisbollah, Hamas und IS (Daesch).

Volksaufstand zur Erneuerung alter „Grenzen“
Die erste Intifada war ein spontaner Volksaufstand, ausgelöst durch einen Autounfall. Anfangs richtete sich der Protest auch gegen die korrupte und politisch untätige Führung der PLO. Palästinenser in den besetzten Gebieten versuchten eigenhändig, vor allem durch Steinewerfen, aber auch durch Steuerverweigerung, Streiks und dem Verbrennen von Bussen, die Tagelöhner zur Arbeit nach Israel bringen sollten, Israel hinter die „Grüne Linie“, die vermeintliche „Grenze“ bis 1967, zurückzudrängen. Beteiligt waren alle Palästinenser mit fast risikolosem Steinewerfen, während die Opfer im Wesentlichen Israelis in Fahrzeugen mit den gelben Nummernschildern in den besetzten Gebieten waren. Als Arafat wieder die Zügel an sich reissen konnte, wurde diese erste Intifada blutig. Altgediente palästinensische Mitarbeiter in jüdisch-israelischen Unternehmen ermordeten mindestens 12 ihrer Arbeitgeber. Die Aufständischen erreichten damit mehrere ihrer Ziele: die Tagelöhner wurden in Massen entlassen; Israel errichtete Strassensperren entlang der längst verwischten und unkenntlich gewordenen Grenzen. Arbeitslosigkeit in den besetzten Gebieten und Niedergang der bis dahin blühenden Wirtschaft nahmen die Palästinenser damals als „Preis“ in Kauf. Das eigentliche Ziel, nämlich die „Siedler“ zu verdrängen, erreichten sie freilich nicht. Israel reagierte mit fortgesetztem Siedlungsbau.

Israel terrorisieren
Die zweite, von Arafat „El Aksa“ genannte Intifada war ein wohlgeplanter „Krieg“ gegen Israel. Als Vorbild diente der Rückzug Israels aus Südlibanon im Mai 2000. Die libanesische Miliz Hisbollah hatte behauptet, dass Israel abgezogen sei, weil es durchschnittlich 23 tote Soldaten pro Jahr nicht aushalte. Nach diesem Prinzip wollte Arafat einige Israelis umbringen lassen, in der Erwartung, dass sie sich aus dem Westjordanland zurückziehen würden. Das lässt sich mit erstaunlichen Dokumenten, offenen und geheimen Politikeraussagen sogar belegen.

Arafat liess bewusst die Friedensgespräche im Juli 2000 in Camp David platzen, um die Intifada im Herbst 2000 ausbrechen zu lassen. Das wird gerne alles unterschlagen, um die falschen Eindruck zu belassen, als hätte Ariel Scharon mit seinem Besuch auf dem Tempelberg den vermeintlich „spontanen“ zweiten Volksaufstand der „verzweifelten“ und von Israel so unterdrückten Palästinenser ausgelöst. Tatsache ist, dass dieser zweite Aufstand von oben organisiert worden war und zum Ziel hatte, den Staat Israel und seine Bevölkerung zu terrorisieren.

Kennzeichen dieser Intifada waren die Selbstmordattentate in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa, wobei die Opfer bewusst völlig willkürlich gewählt wurden: Kinder, Besucher von Restaurants, Passagiere in städtischen Bussen. Angemerkt sei hier, dass die Selbstmordattentäter stets mit einer Organisation hinter sich zuschlugen, die ihnen die Sprengsätze bastelte, sie zum Ort des Geschehens brachte und posthum die Bekennerbriefe oder Videos veröffentlichte. Ausnahmslos zählten sie zur intelligenten, wohlsituierten Mittelschicht und waren keine „verzweifelten Flüchtlinge“.

Israel reagierte mit Strassensperren, erheblich verstärkten Sicherheitsmassnahmen (in Bussen und auf öffentlichen Plätzen) und verfeinerte zudem seine geheimdienstlichen Aktivitäten unter den Palästinensern. Weil es sich hier um organisierten Terror handelte, gelang es Israel schliesslich, diese Intifada zu stoppen und die Täter (Bombenbauer) wie auch die Drahtzieher entweder umzubringen (Scheich Jassin) oder ins Gefängnis zu stecken, teilweise mit umstrittener „Administrativhaft“.

Kinder werden Märtyrer
Bei der jetzigen, seit etwa 3 Monaten andauernden Gewaltwelle, die manche schon 3. Intifada nennen, sind die politischen Ziele der palästinensischen Täter diffus, während die (meist jüdischen) Opfer teilweise klar ausgewählt werden. Neben den für die europäische Presse „verständlichen“ Attacken auf „Siedler“ in den besetzten Gebieten, etwa durch Auffahrangriffe mit dem Auto und nachfolgendem Abstechen der Verletzten, lassen sich die Opfer dieser Gewaltwelle in drei Kategorien einteilen.

  1. Israelische Sicherheitsleute: Polizisten, Grenzschützer oder Soldaten. Wer diese trainierten wie bewaffneten Sicherheitsleute mit Messern und in einigen Fällen sogar mit Schusswaffen angreift, kann mit ziemlicher Gewissheit davon ausgehen, erschossen zu werden. Die palästinensischen Angreifer handeln –Ausnahmen bestätigen die Regel – alleine, ohne Organisation hinter sich und deshalb auch ohne erkennbares Motiv. Vielleicht wollen sie den posthumen Ruhm, der ihnen als „Märtyrer“ in der Autonomiebehörde und bei der Hamas gewiss ist.
  2. Orthodoxe Juden, an ihrer Kleidung leicht erkennbar: Hier haben sich die Palästinenser eine bislang fast ausgesparte israelische Bevölkerungsgruppe ausgesucht. Auch Palästinensern ist bekannt, dass orthodoxe Juden teilweise den Staat Israel ablehnen, den Wehrdienst verweigern und sich mit Rabbi Hirsch im Kabinett von Jassir Arafat oder als „Neturei Karta“ Sekte auf Demonstrationen mit den Palästinensern, Iran und anderen Israel-Hassern solidarisieren. Angriffe ausgerechnet auf diese Bevölkerunggruppe kann ihre Ursache nur in dem blinden Antisemtismus haben, wie er in Moscheen und den palästinensischen Medien propagiert wird.
  3. Wehrlose Frauen in Siedlungen.

Einige, darunter auch Frauen und Kinder, manche nur 13 Jahre alt, benutzen willkürliche Attacken auf Israelis als Mittel, Selbstmord zu verüben. Streit mit der Familie ist oft der unmittelbare Anlass, mit dem Messer loszuziehen, um „Juden umzubringen“. Auch hier spielt die antisemitische Propaganda auf Facebook und in Youtube-Filmchen im Internet eine wichtige Rolle, wie das Verhör verhafteter Kinder ergeben hat.

Dschibril ar-Radschub, Vorsitzender des palästinensischen Fussballbundes und palästinensischer Politiker. Beim FIFA Kongress in Zürich im Mai letzten Jahres versuchte er vergeblich den Ausschluss Israels aus der FIFA zu erreichen.

Auffallend ist, dass sich die palästinensische Führung deutlich hinter die Attentate stellt. So dass man diese als Teil der offiziellen Politik betrachten muss. Minderjährigen Selbstmordattentätern ist immer Mitleid sicher, vor allem, wenn sie von den Israelis aus Notwehr erschossen werden. Die palästinensische Propaganda nennt das „aussergerichtliche Hinrichtung“. Gleiches gilt für junge Frauen. Das passt auffällig zu weltweiten Delegitimierungskampagnen, die den israelischen Staat zum gewissenlosen Kindermörder stilisieren. Wenn man die palästinensische Führung international wegen Kindesmissbrauch und Rekrutierung von Jugendlichen anklagen würde, wäre der Spuk vermutlich schnell vorbei.

Selbstverständlich können auch Israelis „Täter“ sein. Allerdings werden Mordanschläge von der israelischen Gesellschaft wie in jeder anderen funktionierenden Demokratie geächtet, polizeilich verfolgt und mit hohen Strafen belegt. Dieser Tage erst wurde ein jugendlicher Extremist zu lebenslänglicher Haft verurteilt wegen der Ermordung des jungen Palästinensers Abu Khadair.

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Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Sahm Nahost-Korrespondent für deutsche Medien mit Sitz in Jerusalem. Er berichtet u.a. für n-tv, die Stuttgarter Zeitung, Hannoversche Allgemeine, NRZ, Berliner Morgenpost und die Katholische Nachrichten-Agentur KNA.

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  • Gute Zusammenfassung. Vielen Dank dafür!

  • Scheuher

    Sollte man nicht von 1964 und Ahmed Shukeiri anfangen, wenn es um die PLO geht?

  • Ein Must read und ein Antidot gegen die palästinensische und – angeblich Palästina solidarische – Propaganda.
    Übrigens wurde ich wegen solcher Argumente und der Kritik an der antisemitischen Propaganda im Standardforum zum zweiten Mal gesperrt.

    Wenn sich dumme rechtspopulistische Arschlöcher von Pegida bis NPD über die „Lügenpresse“ echauffieren, kann man sicher sein, dass Widerstand da ist, aber bei der Kritik am linken Antisemitismus knicken die Medien ein.