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Der befürchtete Flächenbrand in Nahost

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Plakat ausserhalb eines Restaurant in Damaskus (2010). Neben der Flagge Syriens und der Hisbollah Porträts von Mahmud Ahmadinejad, Bashar al-Assad, und Hassan Nasrallah. Foto: © istcok/Joel Carillet

„Der Westen ist alarmiert, fürchtet einen Flächenbrand in Nahost.“ Solche Sätze stehen fast in jedem Aufsatz zu dem angeblich bevorstehenden israelischen Angriff auf das iranische Atomprogramm. Aus deutschen Medien erfährt man, dass in Israel darüber „laut nachgedacht“ werde, obgleich in Israel selbst von diesem „lauten Nachdenken“ nicht viel zu bemerken ist. Bis ins letzte technische Detail wird in Europa spekuliert, wie sich der israelische Lauftangriff gestalten werde. Während der Bau einer iranischen Atombombe bezweifelt wird, wird der israelische Wille, Iran angreifen, als Tatsache in den Raum gestellt. Beigefügt wird stets auch der befürchtete „Flächenbrand in Nahost“. Die Möglichkeit, dass Iran seine offen ausgesprochenen Absichten ernst meint, Israel und die Juden bis zum Jahr 2014 physisch auszulöschen, wird übergangen. Man findet kaum Analysen, wie die Welt ohne Israel aussehen würde und ob das einen „Flächenbrand“ zur Folge hätte.

Für die Flächenbrand-Theorie werden meistens nur herkömmliche Klischees einer Feindschaft zwischen Israel und arabischen Staaten herangezogen. Die Umwälzungen des „Arabischen Frühlings“ werden kaum oder gar nicht beachtet. Ausgerechnet russische Experten wie Alexander Skakow scheinen da einen sachlicheren Durchblick zu haben als die meisten westlichen Analytiker. Skakow spekuliert, dass Israel, wenn überhaupt, erst nach dem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar Assad im Iran angreifen würde. Das ist eine einsichtige Beobachtung. Denn die Vorstellung eines nahöstlichen Flächenbrandes macht nur Sinn, wenn neben Iran auch seine Verbündeten mitspielen.

Mit dem Wegfall des derzeitigen syrischen Regimes in Syrien würde es für die Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gazastreifen eher eng werden. Vor allem die mit iranischen Raketen hochgerüstete Hisbollah wäre dann vom Nachschub aus Iran über Syrien abgeschnitten. Ob die voraussichtlich isolierte Hisbollah dann noch bereit wäre, zugunsten des Iran mit einem Krieg gegen Israel „Selbstmord“ zu begehen, wird laut israelischen Beobachtern bezweifelt. Jetzt schon sei die Hisbollah wegen dem ungewissen Ausgang der Unruhen in Syrien vorsichtig geworden. Sie könnte deshalb aus Eigeninteresse auch zu Iran auf Distanz gehen. Gleiches gilt für die Hamas. Die klagt schon über finanzielle Engpässe wegen dem Ausbleiben von Geldern aus Iran.

Die demokratische Machtergreifung der Moslembrüder und der noch radikaleren Salafisten in Ägypten könnte zusätzlich den palästinensischen Moslembrüdern, der Hamas, die Hände binden. Solange die neuen Herrscher in Kairo aus pragmatischen Erwägungen kein Interesse haben, den Friedensvertrag mit Israel aufzukündigen, dürften sie ihren Brüdern im Gazastreifen kein grünes Licht geben, durch „legitimen Widerstand“ etwa mit Raketenbeschuss die Front gegen Israel anzuheizen.

Der russische Experte Skakow erwähnt andere Entwicklungen, die sonst bei Spekulationen rund um einen israelischen Angriff auf Iran kaum beachtet werden. Spätestens seit dem Libanonkrieg 2006 gegen die Hisbollah verwandelte sich Israel zum stillen Verbündeten der arabischen Emirate am Persischen Golf und Saudi Arabiens. Weil diese sunnitischen Staaten auf einen Sieg Israels gegen den schiitischen Verbündeten des Iran im Libanon hofften, drängte die Arabische  Liga 2006 nicht zu einen sofortigen Waffenstillstand. Die USA boten den Saudis und anderen verbündeten arabischen Staaten Waffenlieferungen im Wert von Dutzenden Milliarden Dollar an, damit die sich gegen eine mögliche iranische Aggression besser schützen könnten. Im Juli 2011 äusserte Israel angeblich keine Bedenken gegen die Lieferung deutscher Panzer an Saudi Arabien. Es ist offenkundig, dass sich die Kräfteverhältnisse, die Interessen und die stillen Bündnisse im Nahen Osten geändert haben.

Laut der  Prognose von Skakow werden „Georgien, die Türkei und Israel sowie einige Golf-Monarchien, unter anderem Saudi-Arabien und Katar, zur Anti-Iran-Koalition gehören“. Die Feindseligkeit zwischen Schiiten und Sunniten steckt tiefer, als die traditionelle Kriegslust gegen Israel und die ohnehin nur vorgeschobene Solidarität mit den Palästinensern.

Das mag manchen Analytikern in Mitteleuropa abwegig klingen. Gleichwohl ist kaum bekannt, dass Israel in Katar eine Botschaft unterhält, bei der alle Diplomaten einen nicht-israelischen Pass in der Tasche tragen. Auch die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei sind längst nicht mehr so schlecht, wie noch vor einigen Monaten. Von einem Flächenbrand im Nahen Osten, wie er an die Wand gemalt wird, kann also keine Rede sein. Neben Israel wären in erster Linie die Ölemirate, Saudi Arabien, die amerikanischen Truppen in Kuwait und Bahrein sowie der ganze Westen durch eine von Iran angedrohte Schliessung der Strasse von Hormus unmittelbar betroffen.

Laut Sergej Michejew, Generaldirektor des Instituts für die Zusammenarbeit im Raum des Kaspischen Meeres, erhalte vielmehr Russland als Folge eines Kriegs gegen Iran „einen ohnehin instabilen Nordkaukasus, ein in den Krieg einbezogenes Aserbaidschan, die aserbaidschanisch-armenischen Probleme um Berg-Karabach und Probleme im Süden des Kaspi-Raums“. Dies würde „separatistische terroristische Bewegungen im Nordkaukasus anspornen“.

So machten diese russischen Experten Moskau bei einer von RIA-Novosti veröffentlichten Pressekonferenz auf Aspekte aufmerksam, die von westlichen Experten der arabischen Welt und des Nahostkonflikts kaum jemals beachtet werden.

© Ulrich W. Sahm

One Response

  • david sagt:

    Shalom. die lage für israel ist sehr schlecht.Seit monaten
    schreibe ich<<israel soll mit luftangriffen die Atommeiler
    des iran vernichten,bevor sie unter die Erde gelegt werden.
    Sobald der iran die Bombe hat,ist es für israel zu spät.Hilfe durch die EU länder-auch Deutschland ist nicht
    zu erwarten. Gott schütze israel und sein volk.david

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