Am 27. Oktober wählen die Israelis erstmals seit dem Streit um die Justizreform, dem Massaker vom 7. Oktober und dem längsten, an mehreren Fronten geführten Krieg ihrer Geschichte. Nach Jahren heftiger Auseinandersetzungen über Israels Staatsordnung ist das Land tief gespalten. Die Stimmzettel dürften dennoch sicher sein. Israel setzt auf Papier, physische Wahlurnen und manuelle Auszählung unter Aufsicht von Parteienvertretern. Ein vernetztes Wahlsystem, das ein ausländischer Geheimdienst aus der Ferne manipulieren könnte, gibt es nicht.
Der wahrscheinlichste Angriff richtet sich deshalb gegen das Vertrauen in den Wahlprozess. Er dürfte sich in sozialen Netzwerken, Messengerdiensten und auf Nachrichtenseiten entfalten. Dabei muss es nicht darum gehen, einen bestimmten Kandidaten ins Amt zu bringen. Es genügt, den Eindruck zu erzeugen, keiner Information sei zu trauen und jedes Ergebnis manipuliert.
Im Juli warnte Schin-Bet-Direktor David Zini Berichten zufolge hochrangige Amtsträger, dass der Iran und andere Staaten bereits versuchten, die Wahl zu untergraben. Laut Channel 13 stufte er ausländische Einmischung als zweitgrössten Anlass zur Sorge für die Behörde ein, gleich hinter schweren Terroranschlägen.
Likud-Abgeordneter Boaz Bismuth, Vorsitzender des Aussen- und Verteidigungsausschusses, warnte, der Iran werde versuchen, »einen Bürgerkrieg zu schüren, den Riss zu vertiefen« und die Wahl in eine weitere Front zu verwandeln. Nach einem Treffen von Präsident Isaac Herzog mit Zini und Wahlkommissionschef Noam Sohlberg warnte Herzogs Büro vor »zahlreichen feindlichen digitalen Einflussversuchen aus dem Ausland«.
Diese Warnungen treffen auf eine Gesellschaft, die dem Wahlprozess bereits mit erheblichem Misstrauen begegnet. Der jüngste Israeli Voice Index des Israel Democracy Institute, erhoben zwischen Ende August und Anfang September, zeigt dabei ein differenzierteres Bild: 59 Prozent der Israelis halten eine unzulässige Einmischung durch israelische politische Akteure für wahrscheinlich, 51 Prozent erwarten dies von ausländischen Akteuren. Unter jüdischen Israelis liegen die Werte bei 63 beziehungsweise 54 Prozent, unter arabischen Israelis bei 43 und 38 Prozent. Besonders alarmierend ist ein weiterer Befund: 56 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass Teile der unterlegenen Seite das Wahlergebnis nicht akzeptieren und versuchen könnten, es mit Gewalt zu verändern.
Dieses Misstrauen ist selbst eine Schwachstelle. Eine gefälschte Rückzugserklärung, falsche Angaben über Wahllokale oder der Ausfall der offiziellen Ergebnisseite könnten rasch als Beweis für Betrug dargestellt werden. Ein Angreifer muss lediglich jedem politischen Lager einen eigenen Grund liefern, das Resultat abzulehnen.
Lehren aus den Wahlen von 2019 und 2022
Einen Vorgeschmack gab es 2019. Zwei Tage nach der Wahl wies die Website der Zentralen Wahlkommission für die Neue Rechte von Naftali Bennett und Ayelet Shaked kurzzeitig 3,26 Prozent aus, knapp oberhalb der Sperrklausel. Später wurde der Anteil auf 3,22 Prozent korrigiert. Ursache war ein Darstellungsfehler bei den manuell ausgezählten Sonderstimmen, nicht die Auszählung selbst. Die Papierstimmzettel blieben überprüfbar. Politisch wirkte es dennoch, als sei eine Partei in die Knesset eingezogen und anschliessend wieder verschwunden. Der Vorfall lieferte Material für Behauptungen über eine »gestohlene Wahl«.
Auch ausländische Spionage drang 2019 in den Wahlkampf ein. Der Iran soll Benny Gantz’ Mobiltelefon vor dessen Einstieg in die Politik gehackt haben. Die Enthüllung löste unbelegte Gerüchte aus, Teheran könne Netanyahus wichtigsten Herausforderer erpressen. Netanyahu nutzte den Vorfall, um Gantz’ Regierungsfähigkeit infrage zu stellen. Ausländische Spionage, ein innerisraelisches Leck und parteipolitische Ausbeutung gingen ineinander über.
Eine Studie des Institute for National Security Studies stellte im Umfeld der Wahl von 2022 systematischere Bemühungen fest. Dutzende gefälschte Twitter-Konten gaben sich als Israelis aus und sollten Itamar Ben-Gvir dazu bewegen, Otzma Yehudit aus der gemeinsamen Liste mit dem Religiösen Zionismus zurückzuziehen. Eine weitere Operation koordinierte Hunderte Konten, darunter arabischsprachige Profile, um die Wahlbeteiligung vor und am Wahltag zu senken. Nach der Abstimmung verbreitete ein kleineres Netzwerk Betrugsvorwürfe, rief zu Protesten auf und nutzte Tausende falsche Follower, um glaubwürdiger zu erscheinen.
Zusammen deckten diese Operationen den gesamten Wahlzyklus ab, von der Einflussnahme auf Parteienbündnisse bis zur Delegitimierung des Ergebnisses. Sie zeigen auch, warum die Frage, welchen Kandidaten der Iran unterstütze, am Kern vorbeigeht. Die scheinbar Begünstigten wechseln, das Ziel jedoch nicht. Israels innere Gräben sollen vertieft und das Land geschwächt werden.
Von Bots zu glaubwürdigen Online-Gemeinschaften
Seither sind die Methoden raffinierter geworden. Facebook-Gruppen wie »Mütter kochen gemeinsam«, »Ein Segen pro Tag« und »Psalmen, ein tägliches Kapitel« lockten 2025 konservative und traditionell orientierte Nutzer mit Rezepten, religiösen Botschaften und KI-generierten Bildern an. Einige zeigten erfundene Beerdigungen gefallener Soldaten.
Die Betreiber leiteten Tausende Nutzer in WhatsApp-Gruppen, sammelten persönliche Daten und konnten später auf politische Inhalte umschwenken. Welcher Staat dahinterstand, blieb unbekannt.
KI erschwert es, solche Kampagnen zu erkennen. Während des israelisch-iranischen Krieges von 2025 fand die Israel Internet Association KI-Spuren in einem Fünftel der von ihr überprüften Desinformationsinhalte und bei 41 Prozent der falschen Bilder. Gefälschte Videos zeigten israelische Soldaten bei der Kapitulation und Demonstrationen, die nie stattgefunden hatten.
Das Hamas-nahe ISNAD-Netzwerk verdeutlicht das mögliche Ausmass. Laut einer Untersuchung des Israel Democracy Institute hatte sein operativer Telegram-Kanal mehr als 15.000 Mitglieder. Tausende arabischsprachige Freiwillige nutzten gefälschte israelische Profile, koordinierte Hashtags und KI-generiertes Hebräisch für täglich Tausende Beiträge und Kommentare. Sie griffen in Debatten über den Krieg, die Geiseln und die Regierung ein, um Verzweiflung und Misstrauen zu vertiefen.
Iranische Operationen verbinden digitale Einflussnahme mit Aktivitäten in der physischen Welt. Im Januar 2024 deckte der Schin Bet iranisch betriebene Seiten auf, die Bürger aufforderten, Plakate aufzuhängen, die Häuser von Sicherheitsvertretern zu fotografieren und Geiselkundgebungen zu dokumentieren. Agenten warben Israelis zudem mit einfachen bezahlten Aufträgen an, bevor sie zu Überwachung, Vandalismus und Sabotage übergingen. Im Jahr 2024 stieg die Zahl der Festnahmen in Spionagefällen um 400 Prozent. Der Schin Bet meldete 13 vereitelte Fälle mit iranischem Bezug und 27 Anklagen.
IDI-Forscherin Tehilla Shwartz Altshuler nennt die unwissentliche Verbreitung ausländischer Botschaften durch inländische Akteure »virtuelle Kollusion«. In einem Fall präsentierte ein Minister iranische Aufrufe zur Ermordung Netanyahus als Beweis für inländische Hetze. Israelische Politiker vollendeten die Operation unwissentlich, indem sie die Fälschungen gegen ihre Gegner einsetzten.
Britische Einmischung
Die Debatte über ausländische Einmischung in Israel beschränkt sich längst nicht mehr auf den Iran oder andere feindliche Staaten. Anfang September weitete sie sich deutlich aus, nachdem Grossbritannien ein Importverbot für Waren aus israelischen Siedlungen im Westjordanland (Judäa und Samaria) sowie weitere Sanktionen gegen Personen und Unternehmen angekündigt hatte, die am Siedlungsausbau beteiligt sind. Frankreich und Kanada schlossen sich den Handelsbeschränkungen an, während mehrere weitere Regierungen zusätzliche Massnahmen unterstützten. Grossbritannien stellte den Schritt als Reaktion auf die israelische Politik im Westjordanland und als Beitrag zur Bewahrung der Zweistaatenlösung dar.
Israels politische Führung bewertete dies anders. Präsident Isaac Herzog bezeichnete die britische Massnahme, weniger als zwei Monate vor der Wahl, als »grobe Einmischung« in den israelischen Wahlprozess. Aussenminister Gideon Sa’ar warf London ebenfalls eine unzulässige Einmischung in die Angelegenheiten eines souveränen Staates und dessen bevorstehende Wahl vor.
Grossbritannien kann argumentieren, dass es sich nicht um Einmischung im herkömmlichen Sinne handle, da die Massnahmen offen und nicht verdeckt erfolgen. Doch Transparenz macht sie nicht politisch neutral. London verknüpfte weitere Massnahmen ausdrücklich mit dem Verhalten der israelischen Regierung. Damit können die Israel auferlegten politischen und wirtschaftlichen Kosten unmittelbar von Entscheidungen einer Regierung abhängen, die gerade um ihre Wiederwahl kämpft. Das ist nicht mit iranischen Desinformationskampagnen oder Cyberoperationen gleichzusetzen. Es zeigt jedoch, dass ausländische Einflussnahme auch in Form offenen wirtschaftlichen und diplomatischen Drucks auftreten kann, der in einem sensiblen Moment darauf zielt, die Entscheidungen einer gewählten Regierung zu beeinflussen.
Schutz ohne Verantwortlichen
Israel verfügt über fähige Sicherheitsbehörden, doch niemand trägt die Gesamtverantwortung für die Abwehr ausländischer Wahleinmischung. Der Staatskontrolleur berichtete im Juli, es fehle sowohl eine umfassende Strategie als auch eine Behörde zur Koordinierung der Reaktion. Der Nationale Sicherheitsrat stellte seine Arbeit an dem Thema im August 2025 ein. Der Schin Bet begann Berichten zufolge erst im Januar 2026 mit wahlspezifischen Vorbereitungen. Eine zentrale Meldestelle fehlt weiterhin.
Ganz untätig ist Israel allerdings nicht geblieben. Im Juli verabschiedete die Knesset Sonderregelungen für die Wahl zur 26. Knesset. Wahlkampfinhalte müssen deutlich gekennzeichnet werden, wenn Personen, Orte, Ereignisse, Dokumente oder andere Inhalte digital erzeugt oder wesentlich verändert wurden und dadurch authentisch erscheinen können. Die Regelung erfasst ausdrücklich auch KI-generierte Inhalte und bezeichnet solche Manipulationen in Anlehnung an den Begriff „Deepfake“ als „deep semblance“ (Nachasut Amuka). Die Kennzeichnungspflicht wurde als befristete Sonderregelung für die bevorstehende Wahl beschlossen.

Das ist bedeutsam, weil 58 Prozent der Israelis regelmässig Nachrichten über soziale Medien beziehen. Zugleich stieg die Zahl der Anträge, die Sicherheitsbehörden und Ministerien der Cyberabteilung der Staatsanwaltschaft zur freiwilligen Entfernung von Online-Inhalten übermittelten, von rund 8.600 im Jahr 2021 auf mehr als 106.000 im Jahr 2024. Zwischen 15 und 25 Prozent der anschliessend an die Plattformen weitergeleiteten Anfragen blieben unbeantwortet. Fälle ausländischer Einflussnahme wurden jedoch nicht gesondert erfasst. Der Staat kann deshalb weder das genaue Ausmass solcher Einflussoperationen noch die Reaktion der Plattformen darauf zuverlässig bestimmen.
Eine Politisierung könnte das Problem verschärfen. Bei der Anhörung stellte Bismuth Ernennungen in der Zentralen Wahlkommission infrage, die Sohlberg als professionell verteidigte. Zini forderte, den Schin Bet aus politischen Auseinandersetzungen herauszuhalten. Seine Ernennung durch Netanyahu war jedoch selbst umstritten, obwohl der Oberste Gerichtshof sie bestätigte. Weitere Kritik löste seine Aussage aus, er habe das Amt aus »Loyalität gegenüber der gewählten Führung« angenommen. Wird ausländische Einmischung zur Waffe gegen Richter, NGOs oder politische Gegner, verstärken israelische Politiker genau das Misstrauen, das feindliche Akteure erzeugen wollen.
Die Antwort kann nicht in staatlicher Kontrolle der politischen Debatte liegen. IDI-Experten haben vorgeschlagen, die Gesamtverantwortung bei der Zentralen Wahlkommission anzusiedeln, die von einem Richter des Obersten Gerichtshofs geleitet wird. Die Sicherheitschefs sollen dem Vorsitzenden und nicht dem Ministerpräsidenten Bericht erstatten. Der Wahlprozess sollte als kritische nationale Infrastruktur behandelt werden, Parteien sollten Cybersicherheitsstandards erfüllen. Plattformen müssten offenlegen, wer politische Werbung bezahlt, und rasch gegen Identitätsvortäuschungen und falsche Wahlinformationen vorgehen. Parteien sollten von feindlichen Akteuren beschafftes Material nicht nutzen.
Die Behörden sollten die offiziellen Kanäle zur Überprüfung von Wahlinformationen bekannt machen und vor gefälschten Angaben über Wahllokale, erfundenen Rückzügen von Kandidaten und synthetischen Aufnahmen warnen. Die Zuordnung verdächtiger Aktivitäten muss schnell, aber sorgfältig erfolgen. Nicht jedes anonyme Konto ist iranisch, und nicht jede ausländische Meinungsäusserung stellt eine Einmischung dar.
Die grösste Gefahr besteht nicht darin, dass ausländische Akteure Stimmzettel manipulieren. Sie besteht darin, dass sie Israels vorhandene Spaltungen so erfolgreich ausnutzen, dass ein grosser Teil der Bevölkerung das Ergebnis nicht mehr akzeptiert. Israel muss daher nicht nur die Stimmabgabe sichern, sondern auch die Glaubwürdigkeit des gesamten Wahlprozesses.























