Symbolbild. Foto Tamar_Tal / Pixabay
Symbolbild. Foto Tamar_Tal / Pixabay

Ein wissenschaftliches Gutachten stellt geringes Problembewusstsein und Engagement in der Antisemitismusbekämpfung bei schulischen Akteuren und Bundesländern fest.

 

Prof. Dr. Samuel Salzborn vom Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin und Dr. Alexandra Kurth vom Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Giessen haben eine erste bundesweit vergleichende Bestandsaufnahme zum Themenfeld „Antisemitismus in der Schule“ vorgelegt. Ausgehend von antisemitischen Vorfällen an deutschen Schulen in den vergangenen Monaten wird in dem Gutachten der bisherige Wissensstand zusammengetragen und auf Herausforderungen für Forschung und Politik hingewiesen.

Das von Prof. Dr. Samuel Salzborn und Dr. Alexandra Kurth jetzt vorgelegte wissenschaftliche Gutachten erfasst das Feld „Antisemitismus in der Schule“ nach systematischer Sichtung bisher verfügbarer Erkenntnisse aus anderen Studien und der Fachliteratur. Es zeigt auf, an welchen Stellen welche Erkenntnisse der Forschung über Antisemitismus und politische Bildung umgesetzt werden müssen, will man gegen Antisemitismus an Schulen unter Berücksichtigung unterschiedlicher Altersstufen und Schulformen vorgehen. Es wird deutlich: Eine erfolgreiche schulische Intervention gegen Antisemitismus kann nur durch eine Mischung aus Aufklärung, Prävention, Intervention und Repression gewährleistet werden.

Eine direkte, faktenbasierte Auseinandersetzung mit Themenfeldern wie Antisemitismus, Nationalsozialismus und dem Staat Israel sowie mit jüdischer Religion, Kultur und Geschichte in den geistes- und gesellschaftlichen Schulfächern liegt nahe und ist in vielen Lehrplänen bereits vorgesehen. Ebenso relevant ist aber auch die indirekte Thematisierung, wodurch antisemitischen Handlungen die kognitiven und emotionalen Grundlagen entzogen werden könnten. Das heisst, die Vermittlung von abstraktem Denken und konkretem (Mit-)Fühlen in künstlerisch-musischem, sportlichem und naturwissenschaftlichem Unterricht kann gerade bei jungen Schülerinnen und Schülern entscheidend zur Antisemitismusprävention beitragen.

Mangelndes Problembewusstsein und schlechte Schulbücher

Neben der universitären Ausbildung von Lehrkräften und den Herausforderungen für Schulleitungen und Schulaufsichtsbehörden werden im Gutachten auch die bisherigen und geplanten Massnahmen der einzelnen Bundesländer beleuchtet. Die Kultusministerien der Länder und die Kultusministerkonferenz (KMK) haben das Problem zwar grundsätzlich erkannt, die Umsetzung dieser Erkenntnis in konkrete Massnahmen und strukturelle Veränderungen ist laut Gutachten aber noch erheblich ausbaufähig.

„Die angefragten Stellungnahmen der Kultusministerien fielen sehr unterschiedlich aus“, so Antisemitismusforscher Samuel Salzborn. Während zum Beispiel Rheinland-Pfalz seinen Fokus fast ausnahmslos auf ausserschulische und freiwillige Angebote, wie etwa Gedenkstättenfahrten, richtet und ein Meldeverfahren für antisemitische Vorfälle an Schulen nicht existiert, verfügt Berlin über ein statistisch präzises Erhebungs- und Meldesystem sowie konkrete behördliche Ansprechpartner. Um zudem das Thema Judentum nicht auf den Nationalsozialismus zu verengen, ist im Rahmenlehrplan Berlin und Brandenburg für den Jahrgang 7/8 im Fach Geschichte beispielsweise ein Längsschnittmodul „Juden, Christen und Muslime“ verankert. Keine Auskunft über ihre Massnahmen in der schulischen Bekämpfung von Antisemitismus gaben die Bundesländer Bayern und Hamburg.

Laut Gutachten sind antisemitische Vorfälle oft nicht allein durch pädagogische Massnahmen zu lösen. Zudem sind bedenkliche Tendenzen im pädagogischen Feld auszumachen: einerseits, wenn Kompetenzorientierung vor Faktenlernen gestellt wird, andererseits, wenn aus einer falsch verstandenen Multiperspektivität heraus Antisemitismus toleriert wird, konstatiert das Gutachten. Gerade mit Blick auf die Kultusministerien der Länder besteht im strukturpolitischen Bereich konkreter Handlungsbedarf, will man nicht immer nur auf antisemitische Vorfälle reagieren, sondern diese bereits präventiv verhindern und Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Schulleitungen dazu befähigen, Antisemitismus an Schulen langfristig und dauerhaft zu reduzieren.

Ausserdem blieben ein Dreh- und Angelpunkt des Problems die Schulbücher, die oftmals hinter den Rahmenrichtlinien und Lehrplänen zurückbleiben und in gravierender Weise verkürzen. Das Fehlen von Zulassungsverfahren für Schulbücher in vielen Bundesländern sollte überdacht werden, denn Schulleitungen, Fachkonferenzen und oftmals auch Schulbuchautoren hätten faktisch nicht die Kompetenzen in den Bereichen Antisemitismus, Judentum und Israel, um eine entsprechende Qualität von Unterrichtsmaterialien zu garantieren, so Prof. Salzborn und Dr. Kurth.

Das Gutachten ist online abrufbar unter:
https://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Dokumente/Antisemitismus-Schule.pdf

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