Links: Hamas-Anhänger während einer Wahlkundgebung an der Bir -Zeit-Universität in der Nähe von Ramallah am 20. April 2015. Rechts: An einer Universität in Tulkarem wurde in diesem Monat ein Student suspendiert, der seine Verlobte in der Öffentlichkeit umarmte. Der Student wurde einem Disziplinarverfahren unterzogen. Foto Gatestone
Lesezeit: 4 Minuten

Wir leben in einer Zeit, in der sich anscheinend alles rückwärts entwickelt. Will man heute „pro-palästinensisch“ sein, so muss man offenbar „anti-israelisch“ sein.

Von Khaled Abu Toameh

Für die selbsternannten Anwälte der Palästinenser auf westlichen Hochschul-Campussen ist der palästinensische Konflikt nichts weiter als ein Mittel, um den Hass gegen Israel weiter zu schüren. In guter, altbewährter Manier wird Israel an den Pranger gestellt, während die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) und die Hamas die Freiheit geniessen, ihr eigenes Volk zu misshandeln.

Anscheinend sollen die Palästinenser, nach Ansicht der anti-israelischen Aktivisten, keine Hoffnung auf die Wahrung von Menschenrechten unter den palästinensischen Regimes vergeuden.

Während also die anti-israelischen Aktivisten damit beschäftigt sind, auf den westlichen Hochschulgeländen gegen Israel zu protestieren, werden palästinensische Studenten und Professoren von ihren eigenen Regierungen verfolgt.

Anstatt Kampagnen für Reformen und Demokratie im Westjordanland und dem Gazastreifen auszurufen, vergeuden diese Aktivisten wertvolle Energie, indem sie versuchen, Israel fertig zu machen. Die palästinensischen Studenten und Akademiker überlässt man einfach sich selbst.

Palästinenser, die unter der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas leben, erfahren ein gegen Null gehendes Mass an Meinungsfreiheit – und das war schon immer so.

Dies ist die traurige Realität, die die internationale Gemeinschaft und die protestierenden Studenten vorziehen zu ignorieren. Für sie müssen Menschenrechtsverletzungen das Etikett „Made in Israel“ tragen.

Hier ein Vorschlag: Definieren wir „pro-palästinensisch“ einfach neu. Anstatt auf Israel herum zu hacken, werden wahre Befürworter der Palästinenser sich dadurch offenbaren, dass sie Demokratie für die verlangen, für die sie sich einsetzen. Wahre pro-palästinensische Aktivisten werden öffentliche Freiheiten für die Palästinenser unter dem Regime der PA und der Hamas fordern, die widersprüchliche Meinungen schon immer mit eiserner Faust zerschmettert haben.

In den vergangenen Tagen wurden Palästinenser an Hochschulen im Westjordanland und im Gazastreifen einmal mehr daran erinnert, dass sie so weit davon entfernt sind wie eh und je, einen Staat zu errichten, der sich auch nur im Geringsten von den anderen arabischen Diktaturen in der Region unterscheiden würde. Die Vorfälle auf den Campussen, die in den internationalen Medien und bei den anti-israelischen Aktivisten im Westen kaum Beachtung gefunden haben, zeigen einmal mehr die Doppelmoral der Medien, wenn es um Menschenrechtsverletzungen in den umstrittenen Gebieten geht.

Im jüngsten Fall verhafteten die Sicherheitskräfte der Hamas eine Reihe von Studenten an der University of Palestine im Gazastreifen. Sie hatten gegen die Verwaltung protestiert, weil diese sich geweigert hatte, sie an Prüfungen teilnehmen zu lassen, da sie die Studiengebühren nicht vollständig bezahlt hatten.

Die Studenten beschwerten sich darüber, dass die Sicherheitskräfte „entwürdigende“ Leibesvisitationen durchgeführt und ihre Mobiltelefone beschlagnahmt hatten. Einige gaben an, tätlich angegriffen worden zu sein.

In einem anderen gravierenden Vorfall im Gazastreifen wurde vergangene Woche der in Grossbritannien ausgebildete Professor Salah Jadallah von der Islamischen Universität suspendiert, weil er die Hamas und die Universitätsverwaltung auf Facebook kritisiert hatte. Dieses Vorgehen wurde von zahlreichen palästinensischen Studenten und Lehrkräften verurteilt, die ihrer Entrüstung über die Suspendierung in sozialen Netzwerken Luft machten.

Professor Jadallahs Suspendierung ist jedoch im von der Hamas regierten Gazastreifen keineswegs etwas Ungewöhnliches – Studenten, Journalisten und Social-Media-Aktivisten wurden dort wiederholt Opfer des scharfen Vorgehens der islamistischen Bewegung.

Bis vor Kurzem hielt man Professor Jadallah für ein Mitglied des inneren Kreises der Hamas, da er einer der Mitbegründer der Hamas im nördlichen Gaza war. Seine scharf kritisierenden Bemerkungen über die Hamas, die er auf seiner Facebook-Seite postete, machten ihn jedoch zu einer Persona non grata auf dem Campus, und von seinen ehemaligen Kollegen bei der Hamas wird er wie eine „Fünfte Kolonne“ behandelt. Professor Jadallah wurde zur Zielscheibe: Was, so fragt man sich, geschieht dann wohl mit gewöhnlichen Palästinensern?

Die Universitäten im Westjordanland stehen nicht besser da. Die Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde gehen unter verschiedenen Vorwänden systematisch gegen Studenten und Lehrkräfte vor. Hunderte von Studenten wurden in den vergangenen Jahren im Rahmen von Razzien gegen Kritiker und angebliche „Anhänger“ der Hamas von diesen Sicherheitskräften verhaftet.  Viele der Studenten sind nach wie vor in Haft, ohne die Möglichkeit zu haben, mit einem Rechtsanwalt oder Familienmitglied zu sprechen.

Erst diese Woche inhaftierten palästinensische Sicherheitskräfte vier weitere Studenten und Lehrkräfte der Universität: Izaddin Zaitwai, Ehab Ashour, Zuhdi Kawarik und Awni Fares.

Es sind jedoch nicht nur Kritiker der PA und der Hamas, für die sich die Sicherheitskräfte des palästinensischen Regimes interessieren.

In einem ersten Fall dieser Art unter der Palästinensischen Autonomiebehörde suspendierte die Khadouri Universität in Tulkarem einen Studenten, der seine Verlobte in der Öffentlichkeit umarmt hatte, nachdem er ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte. Dem Studenten, dessen Identität man nicht bekannt gab, wurde „unbescheidenes Verhalten“ vorgeworfen und ihm steht eine Anhörung bevor. Ein Sprecher der Universität beschuldigte den „umarmenden“ Studenten, den Ruf der Universität „verunglimpft“ zu haben und verteidigte damit die Strafe.

Die Entscheidung, den Studenten zu suspendieren, löste in den Sozialen Medien einen Sturm der Entrüstung aus, in dem zahlreiche Palästinenser die Palästinensische Autonomiebehörde und die Khadouri Universität beschuldigten, sie wollten „mehr Hamas sein, als die Hamas selbst.“

Wenn die vermeintlichen Fürsprecher der Palästinenser im Westen weiterhin die Augen davor verschliessen, dass die palästinensischen Menschenrechte von der PA und der Hamas mit Füssen getreten werden, dann gibt es möglicherweise bald keine Palästinenser mehr, für die sie sich einsetzen können.

Zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent, der sich in den letzten drei Jahrzehnten palästinensischen und arabischen Angelegenheiten gewidmet hat. Er erhielt 2014 den Daniel Pearl Award vom renommierten Los Angeles Press Club verliehen.