Die Särge mit den drei Israelis die bei einem Selbstmordanschlag in Istanbul ums Leben kamen auf der Frachtrampe eines Flugzeugs. Foto Aussenministerium Israel
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Nachdem im Jahr 1492 Sultan Beyazid II. von der Ausweisung der Juden aus Spanien gehört hatte, nahm er die Vertriebenen freundlich im Osmanischen Reich auf. Da tausende von ihnen in die heutige Türkei zogen und dem Land zum Wohlstand verhalfen, sagte der Sultan später über seinen spanischen Kollegen König Ferdinand: „Es heisst er sei klug, doch er hat sein eigenes Land arm gemacht und meins reich.“

Dies war der Beginn eines harmonischen jüdisch-türkischen Verhältnisses, das seit dem letzten Jahrzehnt angeschlagen ist, doch nach dem Terroranschlag in Istanbul schon bald wieder zu einer guten Freundschaft werden könnte.

Die Juden fühlten sich in der Türkei zuhause, konnten ihre Religion frei praktizieren, Handel treiben und es gab keinerlei antisemitische Verfügungen. 450 Jahre Toleranz bilden auch die Grundlage für die einzigartige Beziehung zum Staat Israel.

Im Jahr 1949 war die Türkei das erste Land mit muslimischer Mehrheit, das Israel als Staat anerkannte und im darauffolgenden Jahrzehnt schloss die Türkei ein Bündnis mit dem jüdischen Staat.

Unter David Ben-Gurion wurde ein Gegenpol zum zunehmend prosowjetischen Nahen Osten geschaffen, die sogenannte Allianz der Peripherie, die die prowestlichen Regierungen von Israel, der Türkei, Äthiopien und dem Iran vereinte.

Israel entsandte Fachleute für Landwirtschaft und andere Bereiche in die Türkei und die beiden Länder entwickelten auch eine militärische Beziehung. Bis in die 1990er Jahre hielten Ankara und Jerusalem ein strategisches Bündnis aufrecht. Ihre Streitkräfte tauschten Aufklärungsinformationen aus und führten binationale Wehrübungen durch, während israelische Touristen in Scharen in die Türkei strömten und türkische Unternehmen den Zuschlag bei Bauausschreibungen erhielten.

Diese „grosse Liebe“ überstand sogar den politischen Fall der säkularen türkischen Staatsführung, die eine wichtige Grundlage für die Freundschaft mit Israel war. Doch der neue, islamistische Staatsführer Recep Erdogan, nun Präsident und damals Premierminister, beschloss dann, das Bündnis zu beenden.

Es begann 2009 in Davos, als Erdogan den damaligen israelischen Präsidenten Schimon Peres öffentlich demütigte und der Höhepunkt dieser schwierigen Zeit war im Folgejahr, als türkische Bürger versuchten, die Seeblockade zu durchbrechen, mit der Israel Lieferungen von Raketen und anderen Waffen in den Gazastreifen abfangen will.

Der Tod von neun Türken bei diesem Konflikt führte zur Ausweisung des israelischen Botschafters und zur Abberufung des türkischen Botschafters aus Tel Aviv. Die militärischen Verbindungen waren bereits zuvor gekappt worden und Ankara lud später Hamasführer ein, ihre Arbeit von der Türkei aus fortzusetzen.

Seitdem hat sich die Lage in der Türkei allerdings dramatisch verändert.

Nachdem die Türkei in den syrischen Bürgerkrieg hineingezogen wurde, versagte sie bei ihrem Bestreben, eine sunnitische Alternative zu Baschar al-Assad an die Macht zu bringen. Stattdessen befand sie sich plötzlich in einem Konflikt mit Russland und dem Iran, während aufrührerische türkische Kurden sich möglicherweise ihren siegreichen Glaubensbrüdern jenseits der syrischen Grenze anschliessen.

In der Zwischenzeit hat der Konflikt mit Russland die essentielle Erdgasversorgung der Türkei bedroht. Daher hat die Türkei nach einem anderen Gaslieferanten gesucht. Israel wäre dafür in Frage gekommen, war allerdings für diese Aufgabe nicht verfügbar, und zwar aufgrund seines ebenfalls angespannten Verhältnisses zur Türkei. Und ausserdem hatte Israel einen wichtigen Gasversorgungsvertrag mit langjährigen Feinden der Türkei abgeschlossen: Griechenland und Zypern.

Unter diesen disparaten, aber auch vereinenden Umständen, hat Ankara sich um eine erneute Annäherung an Israel bemüht.

Es ist ziemlich eindeutig, wer hier die treibende Kraft ist: Israel. Israel entschuldigte sich nach Aufforderung bereits bei der Türkei für den Vorfall im Jahr 2010 und wird die Familien der Opfer finanziell entschädigen. Ankara wird seinerseits alle Rechtsansprüche fallen lassen und die diplomatischen Beziehungen werden vollständig wiederhergestellt.

Die Sache hat allerdings zwei Haken: Die Türkei will immer noch im Gazastreifen Einfluss nehmen, während Israel will, dass die Hamas aus der Türkei verschwindet. Diplomaten sind der Ansicht, dass die Türkei sich bewusst ist, dass sie zu viele Gegner provoziert hat und nun nach einem Weg sucht, sich aus der schwierigen Lage herauszuwinden, in die sie sich im Verhältnis zu Israel selbst gebracht hat.

Anzeichen eines Mentalitätswandels der türkischen Regierung zeigten sich nach den Terroranschlägen in Istanbul, bei dem unter den vier Toten drei Israelis waren. Auch 11 der 36 Verletzten kommen aus Israel.

Ankara hat sich sehr bemüht, den Opfern und ihren Angehörigen beizustehen. Ebenso den israelischen Diplomaten, die medizinische Nothilfe in die Türkei einfliegen liessen und die verletzten Israelis nach Israel brachten. Die türkische Regierungspartei AKP schloss kurzerhand ein Parteimitglied aus, das auf Twitter seine Hoffnung geäussert hatte, dass die verletzten Israelis sterben würden.

Möglicherweise beschreibt die Situation nach den Terroranschlägen von Istanbul die Tragik, Ironie und auch Hoffnung der belasteten türkisch-israelischen Beziehungen. Vielleicht sind sie für die Türkei aber auch ein Wegweiser, der ihr zeigt, wie sie sich wieder ihrem fremd gewordenen Verbündeten Israel annähern kann.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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