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Der Zynismus des palästinensischen „Widerstandes“ kennt keine Grenzen. Ende Dezember erhielt Mohammed Saber Abu Amsha aus dem Gazastreifen eine Genehmigung, nach Israel zur Behandlung seines Augenleidens einzureisen, wie rund 12.000 andere Palästinenser aus dem Küstenstreifen, trotz Raketenbeschuss, Terror und Blockade. Die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) führt Buch über die Zahl der Palästinenser, die am Grenzübergang verhört oder gar verhaftet werden. Nicht erwähnt wird, warum Israel das tut. Abu Amsha zum Beispiel ist von „Beruf“ Scharfschütze der extremistischen El Aksa Brigaden und hat schon mehrere Israelis entlang der Grenze zum Gazastreifen erschossen. Wegen seines Augenleidens mussten von ihm geplante weitere Anschläge „verschoben“ werden. Jetzt macht Israel ihm den Prozess wegen Mordes und versuchten Mordes.

Die erste palästinensische Selbstmordattentäterin, Wafa Idris, liess sich im Januar 2002 unkontrolliert mit einer palästinensischen Ambulanz mitsamt Bombe nach Jerusalem fahren. Seitdem winken die israelischen Soldaten keine Ambulanzen mehr an Checkpoints durch.

Einmal kam eine „schwangere“ Frau mit umgeschnallter Bombe zum Grenzübergang Erez beim Gazastreifen. Sie war wegen schwerer Verbrennungen in Beer Schewa behandelt worden. Nun kam sie mit der Absicht, das Soroka-Hospital mitsamt ihrer behandelnden Ärzte zu sprengen. Dennoch geht die humanitäre Hilfe Israel an Palästinenser aus Gaza und dem Westjordanland weiter.

In keinem anderen Bereich funktioniert offenbar die Kooperation zwischen Israel und den Palästinensern so reibungslos, trotz Sabotage und dem Versuch, diese humanitäre Hilfe zu missbrauchen. Vielleicht reden deshalb die Israelis ungern darüber, und nur im „Hintergrundgespräch“ ohne Namensnennung.

Auf Antrag erhielten wir die Genehmigung, einen jener Beamten zu interviewen, die im Jahr 2013 für den Transfer von 96.450 palästinensischen Patienten plus Begleitern und nicht mitgezählten Kleinkindern allein vom Westjordanland zuständig waren. Die Patienten werden auf Hospitäler in Israel und in Ost-Jerusalem verteilt. Den Anlass lieferte Audiatur-Online, das einen Bericht von K. Murmann über angeblich erschwerte Krankentransporte kritisierte: „Die Chefärztin Hiyam Marzouqa hilft Murmann dann auch tatkräftig dabei, das Leben unter Besatzung artgerecht ins Bild zu setzen: Krankentransporte nach Jerusalem seien heute viel schwieriger, da der Krankenwagen beim Checkpoint gewechselt werden. Die Überweisung in ein israelisches Krankenhaus sei „ein echtes Abenteuer“.“

Tatsächlich ist es israelischen Ambulanzen aus Sicherheitsgründen strikt verboten, in palästinensische Gebiete hineinzufahren. Deshalb bringen palästinensische Krankenwagen die Patienten zum Grenzübergang, wo sie dann „Rücken an Rücken“ in israelische Ambulanzen umgeladen werden. Voraussetzung ist eine vollständige und genau geregelte Absprache. Der behandelnde Arzt in Bethlehem oder Ramallah wendet sich an seine israelischen Kollegen, zum Beispiel am Hadassah-Hospital in Jerusalem und schickt ihnen die Patientenakte. Sowie die israelischen Ärzte einer Behandlung zustimmen, wird der Koordinator der „militärischen Zivilverwaltung“ informiert. Der wiederum benachrichtigt die Grenzposten, damit alles reibungslos abläuft. Gefordert ist auch eine Garantie für die Kostenübernahme durch die palästinensische Regierung oder durch den Patienten.

Wie sich herausstellt, versuchen Palästinenser immer wieder,  Sterbepatienten nach Israel zu schicken, „um die Todesstatistik in den eigenen Hospitälern zu senken und Israel dann Vorwürfe zu machen.“ Wenn die israelischen Ärzte das rechtzeitig bemerken, verweigern sie die „Einladung“. In anderen Fällen werden solche Patienten „umgehend“, innerhalb von Stunden, wieder in die palästinensischen Gebiete zurückgeschickt. Ein Beispiel lieferte kürzlich die hirntote Enkelin des Hamas-Chefs Ismail Haniye im Gazastreifen. Das Kleinkind wurde nach Israel gebracht und rechtzeitig wieder nach Gaza zurückgeschickt, wo es verstarb. „Vielleicht wollte Hanije die Publizität und behaupten, dass die Israelis seine Enkelin umgebracht hätten….“ Die Mutter eines palästinensischen Ministers hatte einen schweren Schlaganfall erlitten und wurde innerhalb von Stunden nach Ramallah zurückgebracht, nachdem israelische Ärzte bemerkten, dass sie nur zum Sterben nach Jerusalem geschickt worden war. Israel verweigert die Annahme von Sterbepatienten, um nicht die knappen Krankenhausbetten zu überlasten.

Nicht alle Patienten müssen an den Grenzübergängen „umgeladen“ werden. Gelegentlich sieht man auf Jerusalems Strassen auch heute noch Ambulanzen des Roten Halbmonds mit palästinensischen Nummernschildern. Soldaten an den Grenzübergangen lassen sie in „Notfällen“ durch, obgleich seit Ausbruch der Zweiten Intifada grundsätzlich keine Fahrzeuge mit solchen Nummernschildern nach Israel eingelassen werden. Zusätzlich gibt es zudem eine Abmachung zwischen dem „Roten Davidstern“ und dem „Roten Halbmond“. Fünf Ambulanzen des „Roten Halbmonds“ haben israelische Nummernschilder. Sie können in die Autonomiegebiete fahren und dürfen die Patienten nach Israel bringen. Auch hier ist Voraussetzung, dass die Transporte angemeldet und genehmigt sind. „Falls eine nicht-angemeldete Ambulanz, vielleicht gar mit palästinensischer Nummer, bei Hadassah vorfährt, werden sofort alle Schranken geschlossen. Es könnte sich um eine Autobombe handeln.“ Problematisch sei es, wenn die Patienten ohne Papiere und Kostengarantie kommen. Weder israelische noch arabische Hospitäler in Jerusalem dürfen sie aufnehmen.

Auch bei Geburten wird Israel ausgenutzt. Viele schwangere Frauen kämen für die Geburt nach Jerusalem, um sich die Kosten von der israelischen Nationalversicherung finanzieren zu lassen und ihren Neugeborenen israelische Papiere zu verschaffen. Bei der Gelegenheit erfahren wir von unserer israelischen Quelle, dass zum letzten Mal 1998 eine palästinensische Frau bei einem Checkpoint „steckengeblieben“ war und dort ihr Kind zur Welt gebracht hat. Gleichwohl wird dieser Zwischenfall in der palästinensischen Propaganda immer wieder als Hauptargument gegen israelische Sicherheitskontrollen angeführt.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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