Norwegen: Image und Wirklichkeit

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Jens Stoltenberg

Die abscheulichen, von Anders Breivik verübten Terroranschläge in Oslo und auf der Insel Utøya haben Norwegen auf die Hauptbühne der internationalen Aufmerksamkeit katapultiert. Normalerweise zieht Norwegen nur sehr wenig Aufmerksamkeit auf sich und sogar Schweden und Dänen, die Norwegisch lesen können, sind generell eher desinteressiert an den Geschehnissen in Norwegen. Der einzige öffentlichkeitswirksame Jahresevent ist die Verleihung des Friedensnobelpreises.

So bewegt sich das internationale Image der norwegischen Gesellschaft, in einem Land mit viel natürlicher Schönheit, eher an der Oberfläche und hebt sich von der Realität ab. Es gibt Entwicklungen in Norwegen, die viel mehr Aufmerksamkeit erregen würden, ereigneten sie sich nur in anderen westlichen Ländern.

Die aktuelle Norwegen-Berichterstattung in den internationalen Medien vermittelt den Eindruck, dass die 5-Millionen Bevölkerung, die sich auf einem Gebiet verteilt, welches 20 Mal so gross ist wie Israel, das Gute auf dieser Welt repräsentiert. Statistiken scheinen dies zu belegen. So steht Norwegen nicht nur auf Platz 9 der friedlichsten Länder[1], auch nimmt es den zweiten Platz im Press Freedom Index ein[2] und gehört mit Platz 10 zu den am wenigsten korrupten Ländern dieser Welt. [3] Norwegen steht auf Platz 4 eines Index, der „21 reiche Länder nach ihrer Hilfe beim Aufbau von Wachstum, guter Regierung und Sicherheit in armen Ländern bewertet.“ [4]

Die Öl- und Gasvorkommen machen Norwegen zu einem reichen Land. Das Länderranking des United Nations Development Program deklariert Norwegen, basierend auf Faktoren wie Einkommen, Ausbildung und Lebenserwartung,  zum Land mit der höchsten Lebensqualität weltweit. [5]

So wird das Image unterstützt, welches die norwegische Elite der Welt präsentieren möchte: Ein progressives Paradies, aufgeschlossen, tolerant, moralisch, demokratisch, fair und menschenfreundlich.  Doch lädt dieses falsche Image in diesen tragischen Tagen oftmals zur Verbreitung von Mythen ein.

Eine genaue Untersuchung zeigt, dass Norwegen ein anders Bild reflektiert. Es ist durchaus schwierig, komplexe Einheiten wie Nationen zu analysieren. Eine Betrachtung durch die Lupe ist dabei hilfreich. Oftmals kann die Einstellung eines Landes zu Juden und Israel ein ebenso hilfreicher Indikator sein. Wie überraschend es auch sein mag, aber in Norwegen ist gerade dies der Fall. In Norwegen leben weniger als 2‘000 Juden, von denen gehören 800 den zwei bestehenden Gemeinden in Oslo und Trondheim an. Und Israel ist, in der Realität, ein kleines und weitentferntes  Land.

Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage der Osloer Stadtverwaltung hat ergeben, dass 33% der jüdischen Schüler und Schülerinnen mindestens 2 – 3 Mal pro Monat physisch bedroht oder misshandelt werden.

Ein jüdisches Mädchen erklärte, dass alle ihr bekannten jüdischen Schüler in der Schule belästigt worden seien. Keine andere Religionsgruppe wird annähernd so stark diskriminiert. Dieses Phänomen ist seit zehn Jahren öffentlich bekannt, doch die Behörden haben sich dazu entschieden, es zu ignorieren.

Die grössten norwegischen Medien lassen sich als seicht und “politisch korrekt” charakterisiert. Fälschlicherweise gilt Norwegen als eines der führenden Länder in Bezug auf Pressefreiheit. Das liegt daran, dass die Zensur von den Zeitungsverlegern und nicht vom Staat durchgeführt wird.

Unter der norwegischen Elite gibt es bedeutende Zulieferanten von Israel-Hass. Einige Regierungsminister der linken sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind Teilzeit-Antisemiten; antiisraelische Vorurteile  des Staatsfernsehens und des öffentlichen Rundfunksenders NRK sind vom Rundfunkrat offiziell anerkannt. In den norwegischen Medien gibt es eine vorherrschende antiisraelische Haltung und in der akademischen Welt ist eine bedeutende antiisraelische Gesinnung zu finden. Gewerkschaften lassen sich besser als „Hassschaften“ beschreiben. Einige norwegische lutherische Bischöfe zählen zu bedeutenden Hass-Anstiftern.

Die Utøya-Tragödie ist von solch gewaltigem Ausmass, dass der Tatsache, dass vor der Schiesserei im Jugendlager die Teilnehmer gegen Israel angestachelt wurden, zu Recht wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, weil es keinen Einfluss auf die Schrecken der Tötungen hat. Für die Anstachelungen sorgten die Organisatoren des Jugendlagers und die Jugendbewegung der Arbeiterpartei AUF und Referenten, darunter Aussenminister Joan Gahr Stoere. Schilder mit der Aufschrift „Boykott Israel“ sind deutlich auf Pressefotos vom Ort zu erkennen.

Glücklicherweise gibt es viele wahrhaftige und politisch aktive Freunde Israels in Norwegen, meistens oppositionelle Politiker und Parteien, als auch zionistische Christen. Dennoch können sie nicht das Böse wettmachen, das stetig von der kulturellen Elite verbreitet wird. Wenn norwegische Juden in einer Debatte herausgefordert würden, bliebe ihnen keine andere Wahl als zuzugeben, dass sie kaum – wenn überhaupt jemals – als integraler Bestandteil Norwegens gälten, und nur von der Gesellschaft „toleriert“ sind. Sogar in Israel möchten norwegische Juden, die mich bei meinen Recherchen unterstützt haben, lieber anonym bleiben.

Wie eingangs gesagt, bietet die Haltung zu Juden und Israel einen genaueren Blick auf die norwegische Gesellschaft. Sodann lassen sich ähnliche Phänomene, die sich auf andere beziehen, eher erkennen. Nichtjüdische Akademiker mit abweichenden Meinungen sagten mir, wie sie selber an Universitäten diskriminiert werden. Christen, insbesondere evangelikale, berichten, wie sie von der Elite verachtet und marginalisiert werden. Das christliche Wochenblatt Norge Idag – das einzige, das sich wagt, einen kritischen Blick auf die norwegische Elite zu werfen – wird auf viele Arten und Weisen behindert. Grosse Buchhandlungen verkaufen seine Publikationen nicht, darunter auch Alan Dershowitz‘ Buch „Plädoyer für Israel“. Öffentliche Bibliotheken weigern sich, seine Bücher anzukaufen. Wenn erst einmal eine Studie über dieses und auch andere Phänomene durchgeführt wird, wird die sehr tiefgründige Intoleranz der momentanen Machthaber  durchschaubar.

Letzte Woche erklärte Ministerpräsident Jens Stoltenberg öffentlich, dass Norwegens Antwort auf die Freveltat „mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit, aber nie mehr wieder Naivität“ sein wird. Wenn diese Aussage mehr als nur Propaganda ist, haben die norwegische Regierung und die kulturelle Elite des Landes einen langen, schweren Weg vor sich. Denn dieser besteht aus der systematischen Entwicklung der Selbstkritik und die Fähigkeit, das eigene Handeln in Frage zu stellen. Ob die aktuellen Machthaber dazu fähig sind, ist äussert zweifelhaft.

 

Dr. Manfred Gerstenfeld veröffentlichte 20 Bücher. Zwei davon handeln vom norwegischen Anti-Israelismus und Antisemitismus.


[1] http://www.guardian.co.uk/news/datablog/2011/may/25/global-peace-index-2011

[2] http://www.freedomhouse.org/template.cfm?page=668

[3] http://www.transparency.org/policy_research/surveys_indices/cpi/2010/results

[4] http://www.cgdev.org/section/initiatives/_active/cdi/.

[5] http://www.norway.org/ARCHIVE/policy/news/undp/