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Hochzeit in Paris ca. 1907, Foto: René Loeb

Familienforschung betreiben Menschen in vielen Ländern – die Frage also nach den Vorfahren, bzw. wo und wie sie gelebt haben. Das jüdische Volk, das im Lauf der Geschichte eine deutlich höhere Mobilität als andere Ethnien aufwies, steht hier auf eine gewisse Art besonders im Fokus.

Erstaunlicherweise gibt es aber – zumindest in Mitteleuropa-  nur gerade in der Schweiz einen Verein, der Genealogie betreibt – und der feierte vor kurzem mit einem Festakt sogar seinen 25. Geburtstag. Konkret heisst das Gebilde „Schweizerische Vereinigung für Genealogie“. Sein Gründervater, wenn man so sagen darf, ist René Loeb. Von der eigenen Familienforschung, der er schon seit längerem betrieben hatte, beflügelt, liess René Loeb 1985 eine kleine Notiz ins „Israelitische Wochenblatt“ rücken, in der er Interessenten für jüdische Familienforschung dazu aufrief, sich bei ihm zu melden. Gesagt – getan. Rund ein halbes Jahr später waren einige Dutzend Personen bei der eigentlichen Vereins-Gründung dabei. Fast gleichzeitig wurde die Gründung einer eigenen Zeitschrift beschlossen – „Maajan“ – hebräisch für „ Quelle“ heisst diese und existiert bis heute. Raymond Jung war für die ersten 50 Ausgaben der Zeitschrift verantwortlich, heute heisst der Chefredaktor Daniel Teichman.

Aber was macht eigentlich ein Genealoge? Raymond Jung weiss dazu zu berichten, dass die Interessierten zunächst einmal vor allem offizielle Dokumente wie Geburts-, Beschneidungs-, Heirats- oder Todesregister durchsehen würden. Dann aber geht es darum, diese Informationen mit historischen Daten in einen Einklang zu bringen. Das Ende des Dreissigjährigen Krieges, also 1648, sei in etwa der Beginn der jüdischen Ahnenforschung, so Raymond Jung. Vorher seien Juden weniger sesshaft gewesen und die Forschung sei darum oft schwierig.

Wer Vereinsmitglied ist – der jährliche Beitrag beträgt gerade mal 75 Franken – erhält nicht nur den „Maajan“ sondern kann auch am regelmässigen Stammtisch teilnehmen, der jeweils in Zürich stattfindet. Der Ort ist eigentlich gegeben, denn der Hauptharst der heute ca. 80 Vereinsmitglieder kommt aus Zürich, einige wenige finden sich auch in der Westschweiz oder in anderen Deutschschweizer Städten.

Der Stammtisch ist gedacht für einen regelmässigen Austausch der Ahnenforscherinnen und –forscher: organisiert wird dieser von Ariane Mil und Anne-Marie Kahn. Dazu gehören aber auch Stadtführungen – z.B. eine Führung durch den „Chreis Cheib“ mit Chasan Bernard San, der rund 70 Interessierte anzog – oder dann gemeinsame Ausflüge.

Allerdings: wie viele Vereine in der Schweiz plagen auch die Genealogen Nachwuchssorgen – Mitglieder unter 45 Jahren seien eher selten, sagt Gründungsmitglied René Loeb: „Wer aktiv im Berufsleben steht, hat halt wenig Zeit für eine Beschäftigung, die man auch als `nice to have` einordnen kann“ so der frühere Verkaufsdirektor Loeb.

Einen gewissen Aufschwung erhoffte man sich vom eigentlichen  feierlichen Jubiläumsanlass  Mitte Juli in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ): nicht zuletzt wegen des Hauptredners, dem bekannten  Schriftsteller Charles Lewinsky, der mit „Melnitz“ ja vor einigen Jahren einen Roman geschrieben hat, der sich irgendwie ja auch mit jüdischer Familiengeschichte befasste.

Falls die aktuelle Publizität dem Verein aber doch nicht neue Mitglieder bringt, überlegen sich die Verantwortlichen, ihr know-how auch ins deutschsprachige Ausland zu verlegen. Dort gibt es eben keinen Verein, der Aehnliches anbieten würde. Darum, so René Loeb, der heute Ehrenpräsident des Vereines ist, überlege man sich, in deutschen und österreichischen Kehillot (Gemeinden) zum Beispiel Bar- und Bat-Mizwa-Kurse für jüdische Genealogie zu veranstalten, falls die entsprechende Nachfrage bestehe.

Ludwig Gall

1 KOMMENTAR

  1. Zum Thema Genealogie gibt es ein hochinteressantes Buch des Historikers Shlomo Sand, Professor an der Universität Tel Aviv: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Propyläen Verlag, 2010. Originalausgabe in Hebräisch bei Resling Publishing, Tel Aviv 2008. – Schade nur, dass die persönlichen Genealogien kaum bis ins 9. Jahrhundert zurückführen, denn dort wäre es besonders interessant.

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