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Deutschlands Fantasiewelt

von Manfred Gerstenfeld

Fahndungsplakat BKA

Im vergangenen Monat wurde in Deutschland eine Neo-Nazi Bande aufgedeckt, die in den letzten zwölf Jahren zehn Morde, 14 Banküberfälle und zwei Briefbombenanschläge verübt hat. Die meisten Mordopfer waren türkischer Herkunft. Die Amadeu-Antonio- Stiftung hat die Namen von 182 Personen veröffentlicht, die aufgrund rechtsextremer Gewalt seit 1990 in Deutschland ums Leben gekommen sind.[1]

Die Aufdeckung dieser mörderischen Neo-Nazi Gruppe hat neben realen, auch psychologische Konsequenzen für Deutschland. Und das Image des Landes im Ausland ist ebenso davon betroffen; sie birgt zudem spezielle israelische Aspekte. Dass eine kleine Gruppe wie diese über einen solch langen Zeitraum in Deutschland morden konnte, wirft viele Fragen auf – unter anderem die zwielichtige Verbindung zu Mitgliedern des Bundesnachrichtendienstes.

Der psychologische Einfluss zeigt sich auf andere Weise. Seit geraumer Zeit versuchen viele Deutsche sich von der Geschichte ihres Landes freizusprechen. In den vergangenen Jahren waren sie an der Schönmalerei dessen beteiligt, was unter dem Nazi-Regime passierte. Das kann nur teilweise durch die ausgeglichen werden, denen es darum geht, die historische Wahrheit offenzulegen.

Die Historikerin Susanne Urban beschreibt, wie deutsche Familien systematisch das Verhalten ihrer Vorfahren und Verwandten verfälscht haben. Dabei vermitteln sie den Eindruck, dass die deutsche Gesellschaft als Ganzes zwischen 1933 bis 1945 nicht mit den Nazis kollaboriert habe.[2]

Bereits vor zehn Jahren wurde dargelegt, wie dieses zu einem vollständig verzerrten Geschichtsbild geführt hat. Demnach hätten 26 Prozent der Deutschen verfolgten Personen geholfen, dreizehn Prozent seien aktiv im Widerstand gewesen, um die neun Prozent hätten für die Verfolgten gebetet und 17 Prozent der Deutschen hätten stets öffentlich gegen die Nazi-Propaganda protestiert. Und nur ein  Prozent der Deutschen sei in Verbrechen verwickelt gewesen, nur drei Prozent Antisemiten.[3] Der Historiker Jörg Friedrich spielt dabei eine wichtige Rolle; in seinen neuesten Büchern vergleicht er beispielsweise die Bombardierung deutscher Städte mit den Krematorien von Auschwitz. [4] Zehntausende seiner Bücher wurden verkauft.

Diese deutsche Fantasiewelt erlebte jetzt ein unsanftes Erwachen. Es gibt Informationen über Dutzende radikale Neo-Nazis Gruppen, die in Deutschland aktiv sind. Die Linksextremisten stehen wegen ihrer gewalttätigen Vergangenheit unter Beobachtung; die Baader- Meinhof- Gruppe (oder Rote-Armee- Fraktion, RAF) war ihre bekannteste Vertreterin. Zu Recht steht auch der muslimische Radikalismus unter Beobachtung, den mörderischen Aspekten der deutschen Fremdenfeindlichkeit jedoch wurde bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

In der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in Europa spielt Deutschland eine ausschlaggebende Rolle, auch aus internationaler Perspektive. Deutschland wird die grössten finanziellen Anstrengungen unternehmen müssen, um das Überleben des Euros zu sichern. Etablierte Stimmen fordern sogar ein wesentlich grösseres Mitspracherecht Deutschlands in den europäischen Organen wie beispielsweise der Europäischen Zentralbank (EZB). Angesichts ansteigender neonazistischer Gewalt wirft die Forderung nach mehr Einfluss zusätzliche Fragen danach auf, wie einige Deutsche die Rolle ihres Landes im zukünftigen Europa sehen.

Norbert Blüm, Foto: BMAS

Eine wichtige Rolle in den Bemühungen, Deutschlands unermessliche Verbrechen der Vergangenheit vom Negativen zu befreien, spielt die Strategie, Israel zu beschuldigen, sich ähnlich zu verhalten. Beispiele hierfür reichen Jahre zurück. Der frühere CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm sprach 2002 in einem Brief an den damaligen israelischen Botschafter Schimon Stein von Israels „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser; mit diesem Begriff haben die Nazis zum Beispiel ihren Angriffskrieg gegen die Sowjetunion bezeichnet, der auf rassenideologischen Motiven beruht. In einem Interview mit dem Stern hat Blüm diese Aussage wiederholt.[5]

Israel sollte den aktuellen Entwicklungen in Europa gegenüber sehr viel aufmerksamer sein. Vielfältige Kräfte in Europa fügen Israel auf verschiedene Weise erheblichen Schaden zu, und dieser Schaden ist viel grösser, als viele Israelis annehmen. Selten äussert er sich in Form antiisraelischer Terrorangriffe von Europäern. Eine grosse Rolle spielt die  europäische finanzielle Unterstützung für Palästinenser, die teilweise in der Unterstützung von Terrorgruppen landet. Auch europäische Verbalangriffe auf verschiedenen Ebenen müssen dazu gezählt werden. Deren zentrale Erscheinungsform ist die Dämonisierung Israels durch ungerechtfertigte Verurteilungen, Hasspropaganda, Diskriminierung und Doppelstandards und moralische Gleichsetzung.

Israel ist ein wichtiger Zeuge für die Offenlegung der vielseitigen ideologischen Kriminalität, die in Europa heimisch geworden ist. Sie hat grosse Teile der europäischen Gesellschaft durchsetzt, die noch vor einigen Jahrzehnten viel weniger davon beeinflusst war.

Israelis und ihre Unterstützer sollten sich die Wirklichkeit in Europa besser bewusst machen, um die europäischen Verbalangriffe gegen Israel abwehren zu können. Wichtiger als die Selbstverteidigung ist bei einem Verbalangriff, den vielen hässlichen Aspekten der derzeitigen europäischen Gesellschaft entgegenzutreten und sie offenzulegen. Die nun weit bekannt gewordene deutsche Neo-Nazi Gruppe ist nicht mehr als ein winziger Teil des ganzen Bildes.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Aufsichtsratsvorsitzender des Jerusalem Center for Public Affairs.


[1] Antonio Stiftung,  “182 Todesopfer durch extrem rechte Gewalt in Deutschland ” Die Welt, 20 November 2011 [German]

[2] Susanne Y. Urban, “Representations of the Holocaust in Today’s Germany: Between Justification and Empathy,” in Manfred Gerstenfeld, The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses, 202.

[3] Harald Welzer, Sabine Moller, und Karoline Tschuggnall, eds., Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis (Frankfurt am Main: Fischer, 2002). [German].

[4] Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg (Berlin: Propyläen Verlag, 2002) [German]; idem, Brandstätten (Berlin: Propyläen Verlag, 2003) [German].

[5] “Der Vorwurf des Antisemitismus wird auch als Knuppel benutzt,” Stern, 18 June 2002 [German].

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