Zwischen Schtreimel und Kefiya

Warum innerjüdischer Antizionismus die gefährlichste Form des Antisemitismus ist.

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Symbolbild. Neturei Karta an Pro-Palästina Demo. Foto IMAGO / NurPhoto
Symbolbild. Neturei Karta an Pro-Palästina Demo. Foto IMAGO / NurPhoto
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Es gibt zwei Wege, jüdische Verantwortung zu vermeiden – beide gut getarnt. Der eine trägt Kaftan, der andere trägt moralische Überlegenheit. Die einen tragen eine Kefiya mit einer Wassermelonen-Kippa, die anderen einen Schtreimel und weisse Socken, während sie eine Palästina-Fahne schwenken.

Ein Kommentar von Dan Deutsch

In Israel protestierten Hunderttausende Ultraorthodoxe gegen die Wehrpflicht und erklären den Staat für gottlos. In Europa und den USA diskutieren progressive Juden über „Dekolonisierung“ und erklären denselben Staat für unmoralisch. Unterschiedliche Sprachen, gleiche Flucht: Man will dazugehören, aber keine Verantwortung tragen. Für die einen ist das Exil Gottes Wille, für die anderen moralischer Stil. Beide leben bequem vom System, das sie ablehnen – und beide liefern dem Antisemitismus neue Argumente.

Der religiöse Rückzug: Glauben ohne Missbrauch

Der Streit um die Wehrpflicht der Haredim ist längst mehr als ein sicherheitspolitisches Detail. Er steht für Israels innere Zerreissprobe – und für die Spannung zwischen Glaube, Geschichte und Verantwortung. Nicht der Glaube selbst steht hier zur Debatte, sondern seine Instrumentalisierung. Die Vorstellung, nur Gott dürfe Israel beschützen, wird von manchen Strömungen theologisch begründet – von anderen aber politisch ausgeschlachtet. Gruppen wie Satmar oder Neturei Karta vertreten ihre Überzeugung konsequent und in eigener religiöser Logik. Problematisch wird es dort, wo diese Haltung zur Vorlage für antijüdische Rhetorik wird – wo Medien, Aktivisten oder Politiker sie als Beweis dafür nutzen, dass selbst Juden angeblich gegen Israel seien. In Wahrheit sind es nicht ihre religiösen Prinzipien, sondern deren öffentliche Verzerrung, die Teil eines globalen Narrativs geworden sind: Israel als moralischer Irrtum, Judentum als Argument gegen sich selbst.

Die moralische Flucht: Haltung ohne Zugehörigkeit

Ganz anders, aber strukturell erstaunlich ähnlich, verhalten sich viele moralisch „aufgeklärte“ Juden der westlichen Welt. Sie erklären sich zu Anwälten der Unterdrückten, solange diese nicht sie selbst sind. Ihre Distanz zu Israel gilt als Ausweis von Integrität: Wer Israel kritisiert, zeigt Haltung; wer Israel verteidigt, gilt als befangen.

Ironischerweise stammen viele dieser Stimmen aus zutiefst zionistischen Wurzeln – etwa aus der Bewegung Hashomer Hatzair, die einst den Zionismus als moralisches Projekt verstand: Arbeit, Gleichheit, Verantwortung. Ein Teil ihrer westlichen Abgänger hat sich jedoch so weit nach links bewegt, dass sie sich heute in einem Dilemma wiederfinden: Zu links für die Zionisten, zu zionistisch für die Linken. Seit dem 7. Oktober fühlen sich viele von ihnen verraten –von politischen Freunden, mit denen sie einst marschierten, und von moralischen Kreisen, die plötzlich Israels Vernichtung relativieren. Sie stehen im luftleeren Raum, ohne Zugehörigkeit, ohne Kompass.

Diese Tragik verdient Mitgefühl, nicht Spott. Denn was sie verloren haben, ist das Selbstverständnis, dass man beides zugleich sein kann: links und zionistisch, kritisch und loyal, liberal und patriotisch.

Israels liberale Linke – von Mapai bis Meretz – sind durch und durch patriotisch. Sie stellen die Existenz ihres Staates nicht infrage; sie verteidigen ihn mit Herzblut, Debatte und Dienst in der IDF. Ihr Liberalismus ist nicht selbstverleugnend, sondern selbstbewusst –Humanität ohne Selbsthass.

Die paradoxe Allianz der Antikolonialisten

Wer heute von „Antikolonialismus“ spricht, meint selten, was er sagt. Die Parole ist zur moralischen Eintrittskarte geworden – eine, die im Westen funktioniert, solange der Gegner Israel heisst. So marschieren in London, New York oder Zürich postkoloniale Akademiker neben islamistischen Aktivisten – und dazwischen, kaum zu glauben, in manchen Städten fromme Haredim mit Antizionismus-Plakaten.

Ein besonders entlarvendes Beispiel zeigte sich kürzlich in New York: Dort unterstützten Vertreter der Satmar-Gemeinde öffentlich den linken Politiker Zohran Mamdani, einen erklärten Gegner Israels, der den Gazastreifen als „belagertes Opfer“ und Israel als „Apartheidstaat“ bezeichnet.

Rabbi Moshe Indig, einer der einflussreichsten Satmar-Vertreter, verteidigte diese Unterstützung in einem Interview mit Belaaz News: „Wir sind Gäste hier … wir kämpfen nicht gegen jemanden, wir versuchen eine Beziehung aufzubauen.“ Der Satz klingt harmlos – ist aber politisch brisant. Denn er zeigt, wie sich religiöser Anti-Zionismus und linker Antizionismus längst die Hand reichen. Der eine beruft sich auf göttliche Ordnung, der andere auf moralische Überlegenheit, doch beide finden ihren gemeinsamen Nenner im Widerstand gegen jüdische Souveränität. Mamdani steht dabei exemplarisch für diese neue Form des „progressiven Antizionismus“: jung, akademisch, eloquent – und ideologisch blind für das, was er beschönigt. Er inszeniert sich als Freiheitskämpfer, während er mit jenen koaliert, die Freiheit nur für sich selbst beanspruchen. Dass er von ultraorthodoxen Antizionisten unterstützt wird, zeigt die moralische Absurdität dieser neuen Koalition: der Schulterschluss zwischen den Gegnern der Moderne und ihren lautesten Verfechtern.

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Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani (Mitte) besuchte am 10. Oktober 2025 führende Vertreter der Satmar-Gemeinde in Williamsburg, Brooklyn. Foto Screenshot X / @ZOHRANKMAMDANI

Ein weiterer Beleg kam kürzlich hinzu: Mamdani versuchte, mit seinem Gesetzesentwurf „Not On Our Dime“ Spenden an israelische Siedlungen zu verbieten – ein Schritt, der moralische Rhetorik in politische Realität überführt. Wie die Jerusalem Post berichtete, blieb das Gesetz erfolglos, zeigte aber, wohin diese Logik führt, wenn sie Macht bekommt. Es geht längst nicht mehr nur um Worte, sondern um die gezielte Einschränkung jüdischer Souveränität.

Wenn Antizionismus zur Komplizenschaft wird

Diese „Koalition der Reinheit“ – zwischen religiösen Absonderern und politischen Anklägern – bildet das Rückgrat des modernen Antizionismus. Beide leben von derselben Logik: Die einen erklären Israel für gottlos, die anderen für kolonial –und beide entlasten sich damit von Verantwortung.

Unter dem Deckmantel des moralischen Widerstands entsteht ein Konsens der Feigheit. Antizionismus wird zur Währung, mit der man sich in westliche Diskurse einkauft. Er funktioniert, weil er universell klingt –aber nur dort moralisch gilt, wo er gegen Juden gerichtet ist.

Auch Israels Diplomaten warnen vor dieser Dynamik. Botschafter Ron Prosor nannte den linken Antisemitismus in Deutschland jüngst den gefährlichsten „weil er seine Absichten verschleiert“.

Er hat recht: Dieser Antisemitismus kommt nicht mit Parolen, sondern mit Prinzipien. Er trägt das Vokabular der Menschenrechte und benutzt es, um jüdische Selbstbestimmung moralisch zu entwerten. Dass ultraorthodoxe Gruppierungen wie Satmar dieselbe Haltung theologisch begründen, macht das Paradox komplett: Was als Frömmigkeit beginnt, endet in politischer Instrumentalisierung –und wer glaubt, das sei nur ein amerikanisches Phänomen, sollte auf Europas Universitäten, NGOs und Kulturinstitutionen blicken, wo dieselbe Allianz längst angekommen ist.

Jüdische Einheit statt Lagerdenken

Mir geht es in all dem nicht darum, zwischen links und rechts zu unterscheiden, oder zwischen religiös und säkular. Das eine ist politisch, das andere spirituell – aber keines davon entscheidet über Zugehörigkeit. Worauf es ankommt, ist das gemeinsame Verständnis, dass wir ohne Israel nicht existieren könnten –nicht als Volk, nicht als freie Menschen.

Ich sage das aus eigener Erfahrung: Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, der eher traditionell war, zwischen Bnei Akiva und säkularer Weltoffenheit. Ich habe religiöse und nichtreligiöse Familienmitglieder, orthodoxe, säkulare, israelische, amerikanische und europäische. Und wir alle wissen, trotz aller Unterschiede: Unsere Freiheit, unsere Identität, unsere Stimme –sie alle existieren durch Israel, nicht trotz Israel.

Man muss nicht „für Israel“ sein, um gegen Antisemitismus zu sein. Aber man kann nicht gegen Israel sein, wenn man wirklich gegen Antisemitismus ist. Denn wer den jüdischen Staat delegitimiert, delegitimiert zwangsläufig die Existenz der Juden, die ihn tragen. Die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft – in Israel wie in der Diaspora – wird davon abhängen, ob wir lernen, uns nicht durch unsere Unterschiede spalten zu lassen, sondern durch unsere Verantwortung zu verbinden. Nicht, weil wir alle gleich sind, sondern weil wir alle dasselbe Schicksal teilen.

Wenn Moral zur Mode wird

Das Ergebnis ist eine gesellschaftliche Umkehr, die kaum noch auffällt: Wer heute pro Israel ist, gilt schnell als radikal, während jene, die ihre eigene Herkunft und Geschichte verleugnen, als moralische Autoritäten gefeiert werden. Diese Verdrehung ist kein Zufall –sie ist das Symptom einer westlichen Kultur, die moralische Haltung mit Selbstverneinung verwechselt. In ihr wird nicht mehr gefragt, wer Verantwortung übernimmt, sondern wer sich am überzeugendsten von sich selbst distanziert. So entsteht eine paradoxe Hierarchie: Diejenigen, die für das Überleben eines bedrohten Volkes eintreten, werden als militant oder gar „faschistisch“ diffamiert, während jene, die ihre eigene Geschichte ablehnen, als „humanitär“ und „aufgeklärt“ gelten. Das sagt mehr über unsere Gesellschaft als über Israel. Denn wenn die Verteidigung des Lebens als Extremismus gilt und die Preisgabe des Eigenen als Tugend, dann ist nicht Israel das Problem, sondern unser moralischer Kompass.

Dan Deutsch ist Creative Director und Produzent in Zürich. Er gründete im Oktober 2023 die Nonprofit-Organisation NAIN Switzerland (Never Again Is Now) sowie 2024 Mishelanu, ein DACH-weites Netzwerk, das jüdische Resilienz im Alltag stärkt. Er engagiert sich gegen Antisemitismus im Sinne der IHRA-Definition und für sachliche Aufklärung im öffentlichen Diskurs.

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