Kann ein Staatsbürger aus Bangladesch jetzt Israel besuchen?

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Die Informationsseite des Reisepasses von Bangladesch. Foto Tusharkb2, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87202319
Die Informationsseite des Reisepasses von Bangladesch. Foto Tusharkb2, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87202319
Lesezeit: 4 Minuten

Vor Kurzem hat die Regierung von Bangladesch den berüchtigten Satz «Dieser Pass ist für alle Länder der Welt ausser Israel gültig» aus ihren neuen Pässen gestrichen. Diese Worte waren seit der Unabhängigkeit des Landes von Pakistan im Jahr 1971 an prominenter Stelle eingraviert. Vor sechs Monaten, als die bangladeschische Regierung einen neuen maschinenlesbaren Reisepass mit elektronischem Chip einführte, wurde die Klausel «ausser Israel» klammheimlich und ohne öffentliche Ankündigung gestrichen. Die Änderung war in gewissem Sinne eine Geheimsache.

von Mohshin Habib

Anfang Mai ging ein Mann zum Hauptquartier der Passbehörde, um die Pässe seiner Mutter und seines Bruders abzuholen, als er bemerkte, dass die Klausel weggelassen worden war. Über die sozialen Medien ging die Nachricht viral. Jetzt ist es zu einer landesweiten Debatte geworden.

Nachdem er über die Nachricht informiert wurde, twitterte der stellvertretende Generaldirektor für Asien und den Pazifik des israelischen Aussenministeriums, Gilad Cohen, freudig: «Grossartige Neuigkeiten! #Bangladesch hat das Reiseverbot nach Israel aufgehoben. Dies ist ein willkommener Schritt & ich rufe die bangladeschische Regierung dazu auf, vorwärts zu gehen und diplomatische Beziehungen mit #Israel aufzubauen, damit unsere beiden Völker davon profitieren und gedeihen können.» Die Kommentare von Muslimen auf seinen Tweet sind bezeichnend.

Die Jerusalem Post schrieb: «Bangladesch hat Berichten zufolge sein Reiseverbot in einem unerwarteten Schritt aufgehoben.» In Bangladesch fühlten sich jedoch mehrere Kabinettsmitglieder, insbesondere der Innenminister und der Aussenminister, offenbar unter Druck gesetzt. Die Reaktion war massiv.

Am 30. Mai forderte die Islamische Bewegung Bangladesch, eine religiöse Partei, die Wiedereinführung der Klausel und eine gerichtliche Untersuchung gegen «die Schuldigen, die an der Missetat beteiligt sind». Die Allianz der linken Parteien Bangladeschs bestand auf der Rücknahme der Entscheidung. Der Botschafter der Palästinensischen Autonomiebehörde in Dhaka, Yousef Ramadan, sagte gegenüber lokalen Medien, er sei «traurig» über den Schritt Bangladeschs, Israel nicht ausdrücklich herauszustellen.

Daraufhin erklärte der bangladeschische Aussenminister Abul Kalam Abdul Momen, dass ein Reisepass nur ein Identitätsdokument sei und nicht die Aussenpolitik eines Landes widerspiegele. Die Aussenpolitik des Landes, so erklärte er, bleibe die gleiche wie zur Zeit des «Vaters der Nation», Sheikh Mujibur Rahman. «Niemand aus Bangladesch kann Israel besuchen, und wenn es jemand tut, werden rechtliche Schritte gegen die Person eingeleitet», sagte er den Journalisten bei einem Medienbriefing. Bangladesch wurde am 26. März 1971 von Pakistan befreit, und die neu gebildete Regierung unter seiner Führung lehnte am 4. Februar 1972 die Anerkennung Israels ab, obwohl Israel eines der ersten Länder war, das die neue Nation offiziell anerkannte.

Es gab noch zwei weitere Länder, die Bürger von Bangladesch nicht besuchen durften: Taiwan und Südafrika, aber diese Verbote wurden vor langer Zeit zurückgezogen. Südafrika wurde nach den südafrikanischen Parlamentswahlen im Jahr 1994, die der African National Congress gewann, entfernt, Taiwan wurde 2004 von der Liste der verbotenen Länder gestrichen – ebenfalls unangekündigt.

Die Frage ist nun: Warum ist die bangladeschische Bevölkerung so stur, wenn es darum geht, keine internationalen Beziehungen zu Israel zu unterhalten? Die Antwort ist, dass Bangladesch das drittgrösste muslimische Land der Welt ist, das zu etwa 90 Prozent aus sunnitischen Muslimen besteht. Tatsache ist, dass die Menschen in Bangladesch eine extreme Version des Islam verinnerlicht haben, die stark von der Deobandi-Denkschule beeinflusst ist. Anstatt ihre Interpretation des Islam zu modernisieren, ist diese Schule intolerant gegenüber jedem geworden, der kein Muslim ist. In einem Bericht der Financial Times vom 30. Oktober 2015 heisst es:

«Eine ganze Reihe von Deobandi-Absolventen gründeten ihre eigenen Einrichtungen in der ganzen Region. In einem Bericht zum hundertjährigen Bestehen im Jahr 1967 wurde die Gründung von 8.934 Deobandi-Madrassas und -Maktabs (Grundschulen) in den ersten 100 Jahren verzeichnet.

In Pakistan ist ihre Zahl von 244 im Jahr 1956 auf heute etwa 24.000 angestiegen, die meisten von ihnen sind Deobandi. Auch in Bangladesch vermehren sie sich rasch…

Von somalischen Terroristen der Al-Shabaab, die Christen in Kenia abschlachten, bis hin zu Bangladeschern, die liberale Blogger mit Macheten auf den Strassen von Dhaka ermorden, werden die Täter islamistischer Terroranschläge von der Polizei oft als Lehrer oder Schüler sunnitischer muslimischer Madrassas bezeichnet.»

Was auch immer die öffentliche Wahrnehmung und die Erklärungen der Kabinettsmitglieder in Bezug auf die Passfrage sein mögen, die Regierung von Bangladesch hat mit der Streichung der Klausel einen grossen Schritt nach vorne gemacht. Zumindest wird der Staat von nun an nicht mehr in der Lage sein, jemanden wegen eines Besuchs in Israel zu belangen. Als zusätzlicher Vorteil wird auch die erklärte Aussenpolitik des Landes «Freundschaft zu allen und Böswilligkeit gegenüber niemandem» an Bedeutung gewinnen.

Mohshin Habib, ein bangladeschischer Autor, Kolumnist und Journalist, arbeitet als Executive Editor bei The Daily Asian Age, einer englischsprachigen Zeitung aus Bangladesch. Er hat einen Master-Abschluss in islamischer Geschichte von der Jagannath Universität in Dhaka. Ausserdem ist er der offiziell anerkannte bengalische Übersetzer von Harry Potter. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.

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