Symbolbild. Foto Erik Mclean / Unsplash.com
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Die Coronavirus-Pandemie (COVID-19) verursacht eine Online-Revolution – eine die Chancen bietet, jedoch auch Risiken hervorruft. Die Überwachung infizierter und unter Quarantäne gestellter Personen durch mobile Anwendungen trägt dazu bei, die Ausbreitung der Ansteckung zu verlangsamen, beinhaltet jedoch auch eine unmittelbare Bedrohung der Privatsphäre. Die Cybersicherheit wird auf die Probe gestellt, da Hacker nach Möglichkeiten suchen, diese beispiellose Situation zu nutzen, um Regierungen, Unternehmen und Einzelpersonen anzugreifen.

von Dr. George N. Tzogopoulos 

Die Identifizierung und Isolierung von Personen, die mit dem Coronavirus (COVID-19) infiziert und unter Quarantäne gestellt sind, sowie von Personen, mit denen sie in Kontakt gekommen sind, wird als eine Priorität im internationalen Kampf gegen die Pandemie angesehen. Hinsichtlich der Methoden zur Überwachung dieser Bürger und der rechtlichen Bedingungen, unter denen ihre Daten aufbewahrt und ausgetauscht werden können, unterscheiden sich die Strategien der Regierungen.

Ein Artikel der New York Times erörtert Online-Überwachungspraktiken, die derzeit in Australien, China, Italien, Mexiko, Singapur, Südkorea und den USA angewandt werden, um die Bewegungen von Coronavirus-Patienten zu verfolgen oder Warnmeldungen zu versenden. In Israel kündigte Premierminister Benjamin Netanjahu an, dass alle Mittel – sowohl technologische als auch digitale – zur Bekämpfung der Verbreitung des Virus eingesetzt werden sollen.

Unter normalen Umständen würde der Einsatz von Online-Überwachungsinstrumenten eine sofortige und intensive Debatte über die Auswirkungen auf den Datenschutz auslösen. Die Aufgabe der Initiative „UN Global Pulse“ besteht darin, dafür zu sorgen, dass grosse Datenmengen, künstliche Intelligenz und neue Technologien sicher und verantwortungsbewusst für das öffentliche Wohl genutzt werden.

Doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt gilt die Rettung von Leben als dringenderes Anliegen. Eine im März 2020 an der Universität Oxford durchgeführte Studie zeigt, dass mehrere Methoden des direkten Online-Kontakts, darunter die sofortige Kontaktverfolgung ersten Grades und die Methode Nutzer darüber zu informieren, wann sie sich sicher bewegen können oder sie medizinische Hilfe suchen und gefährdete Personen meiden sollten, das Potenzial haben, die Ausbreitung der Epidemie zu stoppen, wenn sie von genügend Menschen richtig eingesetzt werden.

Ein Expertenteam aus medizinischer Forschung und Bioethik derselben Institution unterstützt mehrere europäische Regierungen bei ihren Bemühungen, eine mobile Coronavirus-Anwendung zur sofortigen Kontaktverfolgung zu entwickeln. In Israel hat das Gesundheitsministerium bereits eine Handy-App lanciert, um die Verbreitung des Virus zu verhindern.

Die Nutzung des Internets im Zeitalter des Coronavirus bringt sowohl Chancen als auch Risiken mit sich, und diese Risiken gehen über das Potenzial einer unverantwortlichen Nutzung von Daten durch Regierungen oder Unternehmen hinaus. Laut Reuters haben Hacker Anfang März versucht, in die Weltgesundheitsorganisation einzubrechen. Auch das US-Gesundheitsministerium wurde angegriffen, und das kanadische Zentrum für Cybersicherheit gab eine Warnung über Risiken an nationale Gesundheitsorganisationen heraus, die an der Bekämpfung des Coronavirus beteiligt sind.

Biologische und Cyber-Waffen könnten in böswilliger Absicht mit potenziell katastrophalen Folgen eingesetzt werden. Als Ausdruck dieser Besorgnis wird Cybersecurity in der amerikanischen Nationalen Biodefense-Strategie aufgeführt. Erel Margalit, Gründer und Vorsitzender von Jerusalem Venture Partners, geht so weit zu argumentieren, es gebe zwar keinen Beweis dafür, dass der aktuelle Virus das Ergebnis eines Cyberangriffs sei, aber er es möglich sein hätte können.

Während die Ursprünge des Coronavirus noch diskutiert und erforscht werden, bezeichnet eine neue Studie in Nature das Szenario einer laborbasierten Herstellung als „unwahrscheinlich“. Aber auch wenn das Virus keine biologische Waffe ist, ist die Frage der Cybersicherheit rund um seinen Ausbruch alles andere als trivial. Cyberkriminelle suchen nach Möglichkeiten, aus Krisen Kapital zu schlagen, einschliesslich Pandemie-Szenarien wie dem Coronavirus. Die nationale Sicherheit könnte gefährdet werden, da Politiker, Diplomaten und Militärs gezwungen sind, Telearbeit und virtuelle Gipfeltreffen anstelle von persönlichen Treffen zu organisieren. Gut ausgestattete Büros bleiben ungenutzt, da die Benutzer via Fernzugriff über Computer und Smartphones zugreifen. In den meisten Ländern wurden Massnahmen ergriffen, um die Sicherheit der Online-Kommunikation zu gewährleisten, aber die Anstrengungen, Gespräche abzufangen, werden sich sicherlich vervielfachen. Unachtsamkeit und Schwächen in den Kommunikationsverbindungen sind ein Geschenk für Hacker.

Beschäftigte sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor werden über einen langen Zeitraum von zu Hause aus arbeiten müssen. Solange ihre Behörden, Organisationen oder Unternehmen ihnen keine sicheren Werkzeuge und Anwendungen zur Verfügung stellen, werden ihre Daten leicht zu stehlen sein. Israels Expertise bei der Verhinderung dieses Problems könnte für andere Länder von Nutzen sein.

Die Gefahren können finanzieller Art sein, wie z.B. das Ausspähen von Kreditkartendaten und das Eindringen in private Bankkonten. Interpol hat vor Finanzbetrug durch Phishing-Betrügereien und gefälschte Anrufe über angebliche medizinische Heilmittel, internationale Spenden, staatliche Beihilfen oder Steuervergünstigungen gewarnt. Und es gibt noch eine weitere Gefahr: Hacker können auf private genetische Informationen zugreifen, entweder um Firmen oder Einzelpersonen zu erpressen, um im Gegenzug für die Nichtveröffentlichung sensibler Daten Geld zu erhalten oder um die Informationen an interessierte Parteien zu verkaufen.

Das Coronavirus beeinträchtigt nicht nur die öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft. Es rückt auch andere Herausforderungen in den Vordergrund, wie z.B. den Umgang mit der plötzlichen „virtuellen“ Revolution. Wenn die Pandemie vorüber ist, werden die führenden Politiker der Welt zusammenarbeiten müssen, um die digitale Kompetenz und die internationale Cyber-Governance zu verbessern. Die Frage ist, ob das Internet zu einer neuen Grenze der Zusammenarbeit oder zu einem wettbewerbsorientierten Schlachtfeld wird.

Dr. George N. Tzogopoulos ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Begin-Sadat Center for Strategic Studies BESA, Dozent an der Demokrit-Universität von Thrakien und Gastdozent am Europäischen Institut von Nizza. Übersetzung Audiatur-Online.

1 KOMMENTAR

  1. Ausgezeichnet.
    Nach meiner Meinung stellt sich aber eine andere Frage, denn im globalen Kapitalismus sehe ich nur Schlachtfelder, keine Kooperation. Die Frage, die sich mir stellt, ist eher die, ob die „Online-Revolution“ nicht eine Strategie zur „Marktbereinigung“ war. Immerhin sind online Riesen, die vor kurzem noch unter Druck standen wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Löhne, wie z.B. Amazon, oder noch schlimmer, Ketten wie z.B. Burger King ebenso Gewinner wie sanofi. Sanofi war unter Druck der Generika Anbieter, seine Investitionen in Organ- Ersatz oder Genscheren zahlten sich nicht so wirklich aus, die öffentliche Meinung war gegen sie und nun profitieren sie von milliarden Investitionen in Impfstoffe. Und ebenso profitieren Firmen, die die Applikationen wie freiwillige Überwachung starten und verwerten.
    Gesunde Ernährung, Abschaffung von fallpauschalen, ein steuerfinanziertes Gesundheitssystem für alle zumindest als Grundversorgung, wird nicht diskutiert.
    Ob aber die Überwachung sinnvoll ist, steht ebenso aus wie der Sinn und Zweck von Impfstoffen gegen ein Virus, das Menschen mit stabilen Immunsystem nicht angreift. Menschen mit verlangsamten Immunsystem sterben nun mal und Menschen, die infolge von Armut, Korruption oder anderem kein stabiles Immunsystem haben, auch. Letzteres müsste ja eigentlich zu einer Revolution in Frankreich, Rammallah, Iran, Italien, China und den USA führen oder in RUßland aber ich befürchte, die Angst hält alle fest im Griff. Und natürlich in vielen Regionen, wie in Gaza oder Saudi-Arabien oder Iran, zusätzlich vom Terror.
    Nun, wir haben Jens Spahn. Und Sanofi. Das ist Strafe genug.

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