Auszug vom Titelbild
Auszug vom Titelbild "The Wandering Jew Has Arrived". Foto Gefen Publishing House.

Die Epoche um die Jahrhundertwende bietet einen spannende und vielfältige Palette an Entwicklungen in der jüdischen Welt. Auf der einen Seite assimilierten sich die westlichen Juden; gleichzeitig entstand der politische Zionismus; in Palästina eskalierte die politische Situation langsam aber sicher; und vom orthodoxen Leben der osteuropäischen Juden wissen wir nur aus fachspezifischen Quellen oder Erzählungen. Doch es gibt ein Buch, ein grossartiges, relativ unbekanntes Buch, welches aus diesem Flickenteppich der Erinnerungen ein Gesamtbild zeichnet: „Der ewige Jude am Ziel“ (Original: „Le Juif errant est arrivé“, auf English „The Wandering Jew Has Arrived“).

 

von Michelle Wolf

Das Werk wurde 1930 von dem französischen Journalisten Albert Londres verfasst. Dieser begab sich 1929 auf eine Reise um die Welt der Juden, in der er deren Schicksal in allen Formen erleben und verstehen wollte, nicht zuletzt, um seine französischen Mitbürger aufzuklären. Dafür begann er in London, nahm seinen Verlauf in weiten, intensiven Flächen Osteuropas und landete schliesslich im damaligen Britischen Mandat von Palästina. Das Aussergewöhnliche an seiner Erzählung ist, dass er sich an keinerlei Propagandazwecken bediente, sondern empirische und gerechte Urteile fällte. Diese couragierte Vernunft spiegelt sich auch in anderen Reporten des universellen Ermittlers wieder: er reiste zuvor nach China, um den dort herrschenden Bürgerkrieg aufzuzeichnen, oder machte auf Sachverhalte wie den argentinischen Mädchenhandel aufmerksam. Er ging stets dorthin, wo kein anderer leicht hin kam; und so sehr der Journalist Unrecht und Grausamkeit verurteilte, so präzise und authentisch berichtete er darüber. Das wird sich auch in „Der ewige Jude am Ziel“ zeigen, denn neben den bekannten Fakten und jüdischen Lebensstilen erlebte er brutale und erschaudernde Szenen, die in ihrem wahren Ausmass an Not nicht unbedingt zu der Geschichtserzählung dazugehören. Doch der erste Teil dieser Nacherzählung beginnt optimistisch:

Das Herz von Israel schlägt auch in London

1929 findet Londres sich auf einer Fähre in Richtung das Geburtsland der Aufklärung: England; das Land, dass den Juden 11 Jahre zuvor das Recht auf Rückkehr ins heilige Land zugesagt hatte. Auf seiner Schiffsreise setzt er sich gegenüber einer „bizarren Figur“, komplett in schwarz gekleidet, mit eingeweichtem Fellhut, langem schwarzen Mantel, Bart und zwei Löckchen an den Schläfen. Er identifiziert ihn als osteuropäischen Juden, und spekuliert, dass er wahrscheinlich nach London reist, um Spenden zu sammeln. Der Journalist beschliesst, dem Fremden zu folgen, und landet auf der Whitechapel Road im East End von London. Er bemerkt die Namen auf den Ladenaushängen: Lipovich, Rapaport, Goldberg, Landau, Lewinstein, Israel und viele mehr. Den einheimischen Begleiter, den Londres am folgenden Tag im zentralen Büro der zionistischen Organisation anfordert, klärt ihn über deren Charakter auf: „wir verstecken das Judentum nicht, aber wir sind auch stolz, Engländer zu sein.“ Er führt weiter an, alle wären hauptsächlich dankbar, vor den Pogromen in Osteuropa geschützt zu sein, und als Menschen, nicht als Teufel, angesehen zu werden. Londres schätzt, dass im East End 100.000 geflüchtete Juden leben. „Atmen, oder nicht atmen“ ist sein persönliches Fazit der Judenfrage.

Die englischen Juden scheinen sich in ihrer Doppelidentität gefunden zu haben, doch für den osteuropäischen Rabbiner, auf den Londres erneut trifft, ist ihre Annahme der westlichen Lebensweise fragwürdig: „Sie sind verrückt geworden, sie haben den göttlichen Bund gebrochen. Sie haben alles verloren. Für uns sind sie keine Juden mehr, aber für den Westen [trotz aller Mühe] schon.“ Der Journalist spaziert an einer Tora-Schule, die von den Kindern nach der regulären Schule besucht wird, vorbei. Die ansteckenden Melodien,  zu denen die hebräischen Schriften gesungen werden, bewegen ihn. Er versteht, dass das Herz vom Volke Israel auch im East End von London schlägt.

Die Reise des jüdischen Volkes

In den darauffolgenden Kapiteln beschreibt der Reporter die Geschichte der Juden, die Persönlichkeit Theodor Herzls und dessen Gründung des politischen Zionismus. Er fasst die Ereignisse der Bibel zusammen: von Abrahams Bündnis mit Gott, über die Sklaverei und den Auszug aus Ägypten, bis hin zu der Eroberung Jerusalems, die beiden Tempel und der Exodus. Eine kleine Gruppe an Israeliten verliess Israel nie, sie nahmen arabische Traditionen auf und leben bis heute im Dorf Peki’in im Galilee. Doch die Masse segelte davon. In Europa entstand der christliche Antisemitismus; im Mittelalter wurden Juden in Ghettos eingesperrt; dann kam die spanische Inquisition, wobei die Konvertiten als ,Marranos’ bekannt sind, und die Mehrheit von ihnen wieder einmal aufbrach und floh. Teilweise konnten sich die Juden in Mittel- und Osteuropa hocharbeiten, sie wurden zum Beispiel oft als rechte Hand des Königs eingesetzt, und mit der Französischen Revolution und Epoche der Aufklärung wurden ihnen bürgerliche Rechte zugeschrieben. Die Welle der modernen Assimilierung im Westen stand im Gegensatz  zum aufstrebenden Chassidismus im Osten – einer orthodoxen und spirituellen Ausrichtung, die weiterhin alles Weltliche ablehnen sollte.

Die Vision einer besseren Zukunft für das jüdische Volk

Der 1860 in Budapest geborene Herzl war einer von den assimilierten Juden des Westens. Er arbeitete gerade als Korrespondent für die Neue Freie Presse in Paris, als sich 1894 die Dreyfus-Affäre ereignete, bei der ein unschuldiger jüdischer Offizier des Landesverrates angeklagt und verurteilt wurde. In den Strassen von Paris wurde „Tod den Juden!“ gerufen. Herzl verstand seine Mission und drehte sein Schicksal um. Er verfasste das Buch „der Judenstaat“ und wurde Aktivist zur Lösung der jüdischen Frage. Herzl organisierte 1897 den ersten Jüdischen Kongress in Basel. Londres poetisiert ihn:

„Ah, diese Tage in Basel. Was für ein Spektakel. Israel wurde vereint, nach 20 Jahrhunderten. Es gab Osteuropäer, Westeuropäer, Amerikaner, Ägypter, Mesopotamier, Jemeniten […]. All diese Brüder, die sich noch nie gesehen haben, stehen nun voreinander.“

Herzl verbrachte sein restliches Leben damit,  Spenden zu sammeln, Einflüsse zu suchen; er korrespondierte sogar mit Kaiser Wilhelm II. Der Begründer des modernen Zionismus hielt einmal eine Rede im litauischen Vilna, dem ‚Jerusalem des Nordens’, vor zehntausenden von Juden. Doch der russische Gouverneur rief die Kosaken raus, die mit ihren Waffen, sogenannten Nagaikas, auf die Zuhörer einschlugen. Die Szene verwandelte sich in ein aggressives Blutbad. Herzl musste zurück zur Zugstation eskortiert werden; er verstand den Gewaltausbruch nicht. Während die geprügelten Juden ihm Segen nachriefen, schaute er nur perplex um sich: „Was passiert hier? Warum schlagen sie diese Leute?“ Er hatte offensichtlich noch nie Fuss in diese Region Europas gesetzt. Albert Londres machte sich nun auf den Weg dorthin, um die ganze, unbekannte Wahrheit herauszufinden.

Diese soll im nächsten Teil aufgedeckt werden.

Michelle Wolf entstammt einer Wiener Familie, ist in München aufgewachsen und lebt nun in Israel. Sie studiert Government an der IDC in Herzliya mit Spezialisierung auf Counter-Terrorism und Conflict Resolution.

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