Gedenkanlass zum Ende des Holocaust vor 70 Jahren in Bern. Bern, 25. September 2015. Foto zVg
Lesezeit: 4 Minuten

Rund 500 Personen sind am Freitag dem Ruf gefolgt, der vergessenen Schweizer Helden zu gedenken, die durch mutiges Handeln und ohne Rücksicht auf eigene Konsequenzen Juden vor dem sicheren Tod gerettet haben. Dazu hatten die Arbeitsgemeinschaft Israel-Werke Schweiz (IWS) unterstützt von „Gebet für die Schweiz“ und der Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU) auf den Bundesplatz in Bern geladen.

Der verantwortliche IWS-Leiter, Christoph Meister, sagte nach dem Anlass mit Blick auf die
Reden von drei Nationalräten von SVP, BDP und EVP sowie einem Alt-Grossrat der EDU:
„Was man zu hören bekam, war kein Rückfall in eine schönfärberische Selbstdarstellung der Schweiz, wie sie vor und nach dem Zweiten Weltkrieg oft gang und gäbe war.“ Die
Organisatoren ehrten und porträtierten beispielhaft für viele andere mutige Fluchthelfer Carl Lutz, Paul Grüninger, Louis Häfliger, Gertrud Kurz und Paul Vogt. „Wir tun es in Dankbarkeit, gemischt mit der Trauer um alle jene Todgeweihten, die vor unserem Land verschlossene Türen fanden“, sagte Meister. In einer Schweigeminute gedachte die Versammlung dieser Opfer.

Eindrücklich erzählte die Zeitzeugin Agnes Hirschi, die Stieftochter von Carl Lutz, aus dem
Schatz ihrer Erinnerungen. Musikalische Einlagen, eine Sammlung zur Unterstützung für
Überlebende des Holocaust in der Schweiz und das Kaddischgebet, gesprochen von
Rabbiner David Polnauer von der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB), verliehen dem Anlass
eine zusätzlich feierliche und besinnliche Note. Zusätzlich erklang erstmals auf dem Berner
Bundesplatz symbolträchtig das Gebet „El Male Rachamim“ für die Opfer des Holocaust.
Der Anlass wurde von der Parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel organisatorisch und
logistisch unterstützt.

Der Bündner BDP-Nationalrat Hansjörg Hassler ging auf die aktuelle Flüchtlingswelle ein und wies darauf hin, dass diese nicht direkt vergleichbar sei mit der Situation um 1942, als abgewiesene jüdische Flüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder in Viehwaggons direkt nach Auschwitz transportiert wurden. Vielmehr müsste sich die Bevölkerung heute fragen, „was die Haltung der Schweiz zum jüdischen Volk und zum Staat Israel ist,“ betonte er. Er formulierte dazu unter anderem folgende Fragen: „Wer wird von der Schweiz mehr unterstützt – Israel oder die Palästinenser? Warum wird Israel von der Schweiz nicht mehr unterstützt?“ Wie die Schweiz sei auch Israel ein friedliebendes Land und halte sich von Kriegen fern. Israel sei aber von Feinden umgeben, „welche in der Vergangenheit die Friedensangebote von israelischer Seite abgelehnt haben und die Zerstörung Israels teilweise offen propagieren und in ihren Grundsätzen verankert haben.“

„Das Antisemitismus-Ungeheuer in Europa ist wieder am Erwachen“
Auch der bernische SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal, Präsident der Parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel, blieb nicht bei der Hochachtung der Helden der Vergangenheit stehen, sondern äusserte sich klar zur Gegenwart. Er erinnerte daran, dass nach dem Krieg, als das Ausmass der Zerstörung und der Gewalt an den Juden offenbar wurde, ein „Nie wieder“ auf aller Lippen war. „Und nun, 70 Jahre später, ist das Antisemitismus-Ungeheuer in Europa wieder am Erwachen“, sagte Nationalrat von Siebenthal. „Als sich Israel im letzten Gaza-Selbstverteidgungskrieg sowohl gegen Hamas als auch gegen die Verurteilungen der internationalen Gemeinde zu verteidigen hatte, sprossen die anti-israelischen Demonstrationen wie Pilze aus den europäischen Strassen, und hetzerische Parolen gegen Israel und die Juden wurden gehört, von denen man geglaubt hatte, sie seien mit dem Ende des 2.Weltkrieges endgültig untergegangen.“ so von Siebenthal. An die Medien richtete Nationalrat Erich von Siebenthal den Appell: „Es wäre begrüssenswert, wenn auch die Schweizer Medien objektiver von Israel berichten würden, statt zum Teil die palästinensische Perspektive ungeprüft in die Medien einfliessen zu lassen.“ Unter dem Deckmantel der Kritik an Israel wachse die Zahl der Beschimpfungen, der Angriffe und sogar Tötungen von Juden in Europa wieder. Er prangerte die Doppelmoral an, welche die ganze Welt gegenüber Israel anwende. „Wenn man einerseits Israel boykottiert, und gleichzeitig mit menschenverachtenden Regierungen Handel treibt, ist das Antisemitismus.“

Die Berner Nationalrätin und Präsidentin der EVP Schweiz, Marianne Streiff, forderte dazu auf, von Gertrud Kurz zu lernen, „wie es aussieht, wenn mutigen Worten, die ungehört zu verhallen scheinen, noch mutigere unkonventionelle Taten folgen.“

Die Stellung der Kirchen in der Schweiz während des Holocaust stellte der bernische Alt-Grossrat Martin Friedli (EDU) in den Mittelpunkt seiner Rede. „In der Geschichte vor und während des Holocaust kann klar dargestellt und nachgewiesen werden, dass zumindest die Führung der Kirche nicht in eindeutigem Konfrontationskurs zu Hitler war.“ Dies sei unter anderem auf die staatstreue Haltung der Kirche in der damaligen Zeit zurückzuführen. Mit Blick auf die Gegenwart und die Zukunft sagte Friedli: „Bekennen wir, und das ist ein Aufruf, uns aus dieser Erfahrung der Vergangenheit auch als Vertreter aus Politik und Kirche, zum Judentum und zum Volk Israel!“