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Empört Euch über Stéphane Hessel!

von Michel Wyss

Stéphane Hessel, Foto:Rama, Wikimedia Commons, Cc-by-sa-2.0-fr

Selten hat wohl ein so schmales Büchlein für so viel Furore gesorgt wie Stéphane Hessels „Empört Euch!“ (Original: Indignez- vous!). Innert 3 Monaten wurden davon über eine Million Exemplare verkauft, Hessel avancierte zur Galionsfigur jener Empörten, die man mit Fug und Recht als „Wutbürger“ bezeichnen kann, ob sie nun gegen den „Finanzkapitalismus“, einen unterirdischen Bahnhof in Stuttgart oder den „Völkermord in Gaza“ protestieren. Dies braucht nicht zu verwundern, gibt Hessel, der ehemalige Résistance-Kämpfer, KZ-Insasse und angeblicher Mitverfasser der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, doch in der Tat den Prototypen des unermüdlichen Kämpfers für eine gerechtere Welt ab.

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt und Stéphane Hessel ist auch nicht der, für den er sich so gerne ausgibt. Weder hat er die Menschenrechtserklärung verfasst, noch mitunterzeichnet und auch seine Rolle in der französischen Résistance – die aber nichtdestotrotz zu würdigen ist – fiel geringer aus, als von Hessel selber (etwa in seinen Memoiren Danse avec le siècle) und seinen Fürsprechern kolportiert.[1] Dennoch hielt sich die Mär vom Mitverfasser Hessel, der darüber hinaus auch noch Jude sein will, obwohl er, wie er selber sagt, ein „falscher Jude“ sei, da sein Vater jüdische Wurzeln hatte, seine Mutter aber nicht. Allerdings hält es Hessel nicht für nötig, zu erwähnen, dass sein Vater bereits vor seiner Geburt zum Protestantismus konvertierte.[2]

Stéphane Hessel fühlt sich, wie er sagt, mit den Juden verbunden, insbesondere mit jenen in Israel und natürlich weiss jemand wie Hessel, wie sich eine solche Verbundenheit am besten demonstrieren lässt: Durch die Kritik an Israel. Kein Wunder stürzen sich die Freunde der palästinensischen Sache auf den 93-Jährigen, denn was könnte authentischer sein, als ein ehemaliges Résistance-Mitglied, zumal ein vorgeblich jüdisches, das sich mit Leib und Seele dem internationalen Recht verschrieben hat. Und genau wie seine Fans hebt Hessel gerne die jüdische Identität einer Person hervor, vorausgesetzt derjenige teilt seine anti-israelischen Haltungen. Bei jenen, die solche Ansichten ablehnen, legt er dann aber viel weniger Wert darauf, zu betonen, dass sie Juden seien. Sie werden stattdessen zum Beispiel als israélien bezeichnet, wie etwa René Samuel Cassin und Pierre Mendès France.

Dass Hessel, der sich in seiner widerständigen Pose explizit auf G.W.F. Hegel und Jean-Paul Sartre bezieht, vor allem viel Unsinn von sich gibt, scheint seine Fans nicht zu stören. Im Gegenteil, spricht er doch aus, was viele von ihnen zwar denken, aber nicht auszusprechen wagen. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) sinnierte Hessel über die Zeit während der deutschen Besatzung in Frankreich und meinte, als Betroffener einen „kühnen Vergleich“ wagen zu müssen: Dass nämlich die deutsche Besatzungspolitik verglichen „mit der heutigen Besetzung von Palästina durch die Israelis“ eine „relativ harmlose“ gewesen sei, schliesslich hätte sie positiv wirken wollen. Von Ausnahmen wie etwa Verhaftungen, Internierungen und Erschiessungen oder vom Raub der Kunstschätze einmal abgesehen.[3] Dass diese „positive wirkende“ Besatzungspolitik zur Deportation und Ermordung von über 70’000 Juden führte, scheint Hessel nicht weiter zu kümmern. Weitere Aussagen Hessel sind allerdings nicht nur wirr, sondern hochgradig zynisch.

Im selbigen Artikel bezeichnet er das KZ als eine „raue Schule“, in der man zu überleben lernte und verhöhnt damit jene sechs Millionen Juden und alle ermordeten Widerstandskämpfer, Sinti und Roma, Homosexuelle oder auch Zeugen Jehovas, die im Gegensatz zu Hessel nicht überlebten. Und um diese Geschmackslosigkeit nochmals zu toppen, schlägt er schliesslich noch einen Bogen von den KZs zu „allen Lagern unserer Zeit“, die es ja auf der ganzen Welt geben würde und leider immer öfter. Und da sie ja alle auf einem System der Brutalität beruhten, sind sie irgendwie ja alle dasselbe. Natürlich spricht Hessel letzteres nicht explizit aus, was auch gar nicht nötig ist, die Botschaft kommt auch so an.

Trotz oder gerade aufgrund solcher geschmackslosen und wirren Äusserungen, fordert das Collegium International – ein Hessel-Fanclub, dem  u.a. Peter Sloderijk, Richard von Weizsäcker oder auch Alt-Bundesrätin Ruth Dreyfuss angehören, Hessel ist Vizepräsident – sogar den Friedensnobelpreis für den greisen Mann.

Michel Wyss

 

Wir danken Frau Dr. Gudrun Eussner für ihre ausführliche Recherche.


[1] Vergleiche dazu: Eussner, Gudrun: Stéphane Hessel zwischen Widerstandskampf und Friedensnobelpreis, 5. Februar 2012 (aufgerufen am 8. Februar 2012)

[2] Hessel, Stéphane (im Interview mit Rüdiger Suchsland: »Ein jüdischer Staat muss moralischer sein«, Jüdische Allgemeine, 3. März 2011 (aufgerufen am 8. Februar 2012)

[3] Hessel, Stéphane: Wie ich Buchenwald und andere Lager überlebte, FAZ, 20. Januar 2011 (aufgerufen am 14. Februar 2012)

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