Bashir al-Assad

Angesichts der Nachrichten aus Syrien blutet das Herz. Wer empfindet nicht Bewunderung angesichts des Mutes der Syrer, die seit vier Monaten für Dinge demonstrieren, die für uns im Westen selbstverständlich sind? Sie wollen ein Leben ohne Angst vor Willkür, Folter und Unterdrückung, das Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit, freie Wahlen und Aussicht auf eine bessere Zukunft, und trotzen dabei den Kugeln und Granaten ihres Präsidenten Bashir al-Assad. Bisher starben mindestens 1’700 Syrer, rund 3’000 sind spurlos verschwunden. Und dies ist wahrscheinlich erst der Anfang.

Der Westen tat und tut fast nichts, sieht man einmal davon ab, dass er diese Misere mit verursacht hat. Vor neunzig Jahren schufen die Kolonialmächte auf dem Reissbrett die Staaten in Nahost, und bauten dabei absichtlich ethnische Spannungen mit ein. Fremde Völker wurden in staatliche Korsette gezwängt, damit deren Herrscher nur mit Gewalt und fremder Hilfe regieren konnten. Bis in die Neuzeit reicht unsere Mitschuld, beklatschte der Westen Assad doch noch vor wenigen Wochen als potentiellen „Reformer“.

Das heutige Verhalten gegenüber Syrien zeigt die Grenzen westlicher Macht, und straft den Anspruch, eine von Moral geleitete Aussenpolitik zu führen, Lügen. In Libyen griff der Westen ein, um Bürger vor ihrem grausamen Herrscher zu schützen. Laut diesem Argument hätte man schon längst gegen Damaskus ins Feld ziehen müssen. Jenseits der Moral könnte man, anders als im Falle Gaddafis, für einen Angriff auf Bashir al-Assad realpolitische Argumente anführen. Er ist der wichtigste arabische Partner des Irans, einem gefährlichen Kontrahenten des Westens. Assad bot islamistischen Terrororganisationen wie Hisbollah und Hamas strategischen Rückhalt, und torpedierte Friedensbemühungen in Nahost. Er baute heimlich Atomreaktoren und stellte Massenvernichtungswaffen her. In einer guten Welt gäbe es Assad nicht.

Wie sähe so ein Einsatz gegen Assad aber aus? Er wäre ungleich schwerer und langwieriger als in Libyen. Er könnte sogar in Assads Sieg münden – nur um einen langen und blutigen Rachefeldzug dieses verängstigten Diktators einzuläuten, oder in dessen Sturz – nur um so einen langen und blutigen Bürgerkrieg heraufzubeschwören. Die verschiedenen ethnischen Gruppen Syriens werden gegeneinander kämpfen, sobald Assad verschwunden ist.

Um solche Horrorszenarien zu verhindern, müsste der Westen seine geballte Macht aufbringen. Doch für einen solchen Einsatz fehlen die Mittel, die in zwei falschen Kriegen, im Irak und in Libyen, verpufft wurden. So bleibt nichts anderes, als die Massaker in Syrien machtlos zu betrauern und einzusehen, dass der Westen heute nicht einmal mehr die Fähigkeit hat, seine alten Fehler wieder geradezubiegen.

Gil Yaron

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