Wenn Bilder lügen

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Jihad Misharawi hält seinen toten Sohn Omar in den Armen. Das PCHR verbreitete die Nachricht, dass Omar durch israelisches Feuer getötet worden sei. Das wurde als falsch widerlegt. Foto Palestinian Center fur Human Rights.
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Bilder sind mächtig. Sie rufen Emotionen hervor und bewegen die Gemüter. Die gilt nicht zuletzt für bildliche Darstellung von Konflikten. Wem etwa wäre das Bild der fliehenden vietnamesischen Kinder kein Begriff? Es wurde zum Symbol für den Vietnamkrieg überhaupt. „Ein Bild sagt mehr tausend Worte“, weiss der Volksmund und meint damit, „dass komplizierte Sachverhalte oft mit einem Bild oder einer Darstellung sehr einfach erklärt werden können und ein Bild meist einen stärkeren Eindruck auf den Betrachter ausübt als ein umfangreicher Text“, wie auf Wikipedia zu lesen ist.

Eine schöne Vorstellung. Doch hat sie leider wenig mit der Realität gemein, denn oftmals werden mit Bildern nicht etwa komplizierte Sachverhalte erklärt, sondern vielmehr verklärt. Da nur ein relativ kleiner Ausschnitt einer Szene festgehalten wird, man also nicht weiss, was vorher und nachher bzw. ausserhalb des Sujets geschieht, sind Bilder anfällig für manipulativen Gebrauch.

Selten tritt dies so deutlich zutage wie im Kontext des Nahostkonfliktes. Die Veröffentlichung von Fotos, die palästinensische Babyleichen zeigen, ist mittlerweile zum Ritual bei jeder kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und paramilitärischen Terrororganisationen wie der Hamas, Islamischer Dschihad etc. geworden. Wem graute es nicht angesichts solcher Schreckensbilder, wer empörte sich nicht ob des gewaltsamen Todes dieser Hilflosesten und Unschuldigsten überhaupt?

Hier aber offenbart sich der falsche Schein, den solche Bilder erzeugen. Statt nämlich die Erkenntnis zu befördern, dass Krieg immer grausam ist, gerade weil er zivile Opfer fordert (besonders dann, wenn etwa Hamas-Militante ihre Raketenabschussrampen gezielt in dichtbesiedelten Wohngebieten aufstellen), werden mit diesen Schreckensfotos eine der infamsten Unterstellungen, die jede anti-israelische Manifestation akustisch begleitet, zusätzlich befeuert: „Kindermörder Israel!“ So lautet der moderne Wiedergänger der alten Ritualmordlegende.

Die weltweite Verbreitung in kürzester Zeit samt „Augenzeugenberichten“ und „Hintergrundinformationen“ ist Fotos mit toten palästinensischen Säuglingen gewiss, genauso wie die routinemässig eingeübte Empörung der Weltöffentlichkeit, die aus Israel einen kaltblütigen und unmenschlichen Kriegsverbrecher macht. Es ist kein Zufall, dass das Gewinnerbild des World Press Photo Wettbewerbs 2013 den Trauerumzug für zwei getötete Palästinenserkinder, die während der Operation Wolkensäule starben, zeigt. Das martialisch-wirkende Bild sorgte aber auch für Irritationen. Der Zürcher Fotograf Klaus Rózsa geht sogar so weit, von einer Inszenierung zu sprechen, was einer Fälschung gleichkomme.

Von einem weiteren Todesopfer während des jüngsten Konfliktes zwischen der Hamas und Israel handelt das Bild, das den „BBC Arabic“ Mitarbeiter Jihad Misharawi zeigt, der den Leichnam seines 11 Monate alten Sohnes Omar verzweifelt hält. Das Bild und die Todesmeldung, die sich auf eine Mitteilung des Palestinian Center for Human Rights (PCHR) berief, verbreiteten sich in Windeseile. Auch Blick und 20 Minuten liessen es sich nicht nehmen, vom unschuldigen Opfer des israelischen Luftangriffs „in der Hölle von Gaza“ (Blick.ch) zu berichten und das Foto auf ihren Webseiten zu veröffentlichen.

Zwar hatte der Blog Elder of Ziyon-Blog bereits wenige Tage später erste Zweifel an der Verantwortung Israels für die Tötung Omars angemeldet, es dauerte aber fast vier Monate, bis ein UN-Bericht zum Ergebnis kam, dass der Säugling und die Schwester seines Vaters durch eine palästinensische Rakete getötet worden waren. Während BBC sich weigert, den Bericht zu kommentieren, hält das PCHR (das unter andere dafür bekannt ist, militante Palästinenser als Zivilisten auszugeben), weiter an der Version fest, dass die Schuld bei Israel liege.

Zwischenzeitlich wurde eine Richtstellung auf vielen grösseren und kleinen Newsportalen (und in der Schweiz wenigstens auf 20min.ch) publiziert, der Schaden ist aber bereits angerichtet. Wie bereits im Falle Mohammed al-Durahs hat sich einmal mehr ein Bild ins kollektive Gedächtnis der Öffentlichkeit eingebrannt, begleitet von den Beschwörungen jener, die wissen wollen, dass Israel es im Besonderen auf Unschuldige und Wehrlose abgesehen hat.

Manchmal lügt ein Bild mehr als tausend Worte.

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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4 KOMMENTARE

    • Bilder müssen nicht manipuliert sein, um zu lügen. Auch die Verwendung – wo und aus dem Zusammenhang – kann Bildern ein falsche Image verleihen. So hat die NZZ bspl. über arabisches Bildungsfernsehen berichtet (an sich toller Beitrag), aber das Foto passte überhaupt nicht zum Beitrag: es zeigt die Hamas-Maus Farfour. Im Beitrag wird auf die Hamas-Sendung in keinster WEise Bezug genommen. Somit wird dem Leser suggeriert, dass die "Mickey Maus ähnliche Sendung" (so der Untertitel) in das Bildungsprogramm der anderern arabischen Länder einzureihen ist, die im Beitrag vorgestellt werden. Die NZZ verharmlost hier die Hamas und ihr "Bildungs"-Programm.
      Siehe unseren Beitrag "Bilder, die lügen" https://www.audiatur-online.ch/2011/07/04/bilder-d

  1. "Jehad Mashhrawi dismissed the UN findings as "rubbish".

    He said nobody from the United Nations had spoken to him, and said Palestinian militant groups would usually apologise to the family if they had been responsible." http://www.bbc.co.uk/news/magazine-21749527

    Mashhrawi kann die Wahrheit einfach nicht annehmen, dass ausgerechnet sein Sohn Opfer der eigenen Terroristen wurde. Und schon gar nicht, dass sích die ach so empathischen Menschen nicht bei ihm gemeldet haben.

    So schlimm der Tod seines Sohnes für ihn sein mag, vielleicht ist ihm jetzt klar geworden, wo die wirklichen Aggressoren leben!

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