Bedenkt man, dass Ende des Monats die Präsidentschaftswahlen in Ägypten stattfinden, hätte der Zeitpunkt des Zusammenstosses zwischen den Islamisten und dem Militär vor knapp zwei Wochen nicht unpassender sein können.

Was war geschehen? Allgemeine Ungeduld und die Wut über die Disqualifizierung des Salafisten-Kandidaten Abu Ismail (auch andere säkulare Kandidaten waren disqualifiziert worden) – ermutigte Islamisten, sich rund um das Verteidigungsministerium in Abbassia, Kairo, zu versammeln. Sie sangen jihadistische Slogans und begannen, sich auf eine „Millionen Menschen“–Demonstration am Freitag, den 4. Mai, vorzubereiten.

Die ägyptische Zeitung Al Ahram schrieb dazu, dass „die wichtigsten ägyptischen islamistischen Parteien und Gruppen – darunter die Muslimbruderschaft, der „Ruf der Salafisten“ und Al-Gamaa Al-Islamiya –zu einer Demonstration unter dem Motto „Die Revolution retten!‘ am Freitag auf dem Tahrir-Platz aufriefen. (…) Einige nicht-islamistische revolutionäre Gruppen haben zwischenzeitlich ihre Ablehnung ausgedrückt und werden nicht daran teilnehmen”. Mit anderen Worten: die Demonstration vom 4. Mai war eine hauptsächlich islamistische, auch wenn sie in einigen westliche Medien als „allgemeine“ Demonstration dargestellt wurde.

Vor dem Verteidigungsministerium haben die Islamisten ihr wahres Gesicht gezeigt – ihren wahren Hunger nach Macht, ihre unpatriotischen Beweggründe und ihre politische Untauglichkeit. Unter den Anführern der Demonstration befand sich kein Geringerer als Muhammad al-Zawahiri, ein Bruder von Al-Qaida Führer Ayman al-Zawahiri und erfahrender Jihadi aus eigener Kraft, der erst kürzlich freigesprochen und aus dem Gefängnis entlassen worden war. Seit 1998 hatte er „wegen militärischer Ausbildung in Albanien und Planung militärischer Operationen in Ägypten” eingesessen.

Vor der Freitagsdemonstration erschien Zawahiri „an der Spitze hunderter Demonstranten”, unter ihnen „Dutzende Jihadisten”, die vor dem Verteidigungsministerium demonstrierten. Sie schwangen Fahnen mit der Aufschrift „Sieg oder Tod” und sangen „Jihad! Jihad!” begleitet von „Alluah Akbar!”–Rufen. Auch Al-Gamaa Al-Islamyia nahm an der Demonstration teil, eine Gruppe, die für das Massaker an etwa 60 europäischen Touristen in Luxor 1997 verantwortlich ist. Sogar die sogenannte „gemässigte” Muslimbruderschaft war dabei.

Zweierlei ist daraus zu lernen. Erstens: Ein Islamist ist ein Islamist ist ein Islamist: wenn es um Ideologie geht, sind sie sich einig. Zweitens: Gewalt und Aufrufe zum Jihad sind die Früchte der gewährten Gnade – der Dank, den Ägyptens Oberster Militärrat SCAF dafür erhält, Islamisten frei gelassen zu haben, die während Präsident Hosni Mubaraks Amtszeit inhaftiert worden waren.

Was die eigentliche Demonstration angeht (die schnell aus dem Ruder lief, wie angesichts der Teilnehmer zu erwarten war), so zeigt dieser ägyptische Nachrichten-Clip: Bärtige Salafisten richten Chaos und Verwüstung an, skandierten jihadistische Slogans, während sie versuchten, ins Verteidigungsministerium einzubrechen, selbstgebaute Bomben in der Hinterhand, und ein Mädchen in schwarzem Hijab riss einen Sicherheitszaun gewaltsam nieder – Kennzeichen einer jihadistischen Übernahme.

Noch vielsagender war die Tatsache, dass Jihadisten aus dem Fenster des Minaretts der nahegelegenen Nour Moschee heraus das Feuer auf das Militär eröffneten; und als das Militär die Scharfschützen erkannt und die Moschee gestürmt hatte, hatte die Muslimbruderschaft nur folgendes dazu zu sagen: „Ausserdem verurteilen wir die Angriffe [des Militärs] auf das Haus Gottes (Nour -Moschee) und die Verhaftung von Personen, die sich darin befanden” – ohne aber den Terror zu verurteilen, den solche Leute vom „Haus Gottes“ aus begehen.

Man sollte diese Episode mit dem Massaker von Maspero vom vergangenen Jahr vergleichen, als ägyptische Kopten demonstrierten, weil ihre Kirchen ständig angegriffen wurden. Damals rückte das Militär mit Panzern aus und überfuhr absichtlich Christen, tötete Dutzende und versuchte, die Kopten für die Gewalt verantwortlich zu machen (das wurde allerdings schnell als Lüge entlarvt). Und während einige behaupten, die Kopten lagerten Waffen in ihren Kirchen, um Ägypten zu „erobern”, so gibt es hier mehr Beweise dafür, dass in Moscheen Waffen gehortet werden.

In jeden Fall zeigte dieser als „Demonstration“ angekündigte Vorfall, dass Islamisten Ernst machen und gegen den „ungläubigen Feind“ Jihad führen. Allerdings war ihr Feind diesmal die ägyptische Armee; und im Gegensatz zum SCAF – dem unbeugsamen und eher unbeliebten herrschenden Militärrat – ist die ägyptische Armee bei den meisten Ägyptern beliebt.

Ein politischer Aktivist formulierte es so: „Die Öffentlichkeit unterscheidet nicht mehr zwischen Salafisten, Wahabisten oder Muslimbruderschaft. Sie sind alle Islamisten. Sie haben die Unterstützung der Öffentlichkeit verloren, es ist unumkehrbar. Ägypten hat mit angesehen, wie seine Armee und Soldaten angegriffen wurde. Das hat viele heftige Emotionen ausgelöst.” Ein Bericht der BBC kommt zum Schluss: „Die Stellung der Armee in der ägyptischen Gesellschaft ist eine besondere, respektierte, und für die meisten Ägypten wurde sie nicht von einem fremden Feind angegriffen, sondern von Islamisten… Ein Soldat starb bei dem Angriff. Das ägyptische Fernsehen zeigte dramatische Bilder von verletzten Soldaten.”

Ebenfalls erwähnenswert sind die Anmerkungen einer ägyptischen Nachrichtenmoderatorin, als sie die Bilder der Gewalt zeigte. Voller Bestürzung stellt sie die rhetorischen Fragen: „Wer ist hier der Feind? Sie [die Demonstranten] rufen zum Jihad gegen wen auf? Werden unsere Soldaten von israelischen Soldaten angegriffen – oder sind es unsere eigenen Leute, die sie angreifen? Warum zieht ihr nicht los und bekämpft den israelischen Feind, um Palästina zu befreien? Von wem befreit ihr Ägypten? Das ist inakzeptabel. Wollt ihr eine Nation oder nur ständigen Jihad – und einen Jihad gegen wen genau?”

Hintergrund ihrer Bemerkungen ist, dass die Jihadisten in Ägypten oftmals als „die Guten“ dargestellt werden, die für Ägyptens Ehre und für die „Befreiung Palästinas“ und so weiter kämpfen, während Israel als natürlicher Adressat des Jihad gilt. Nach den gewaltsamen Zusammenstössen vom Freitag lernt Ägypten jedoch, dass gegen die destruktive Kraft des Jihad niemand immun ist, auch nicht Ägypten selbst und sein Beschützer, das Militär. Zwei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen lernen vielleicht auch die Wähler, dass ein islamistischer Präsident nur Chaos und Unterdrückung bringen wird – wie es seine Anhänger letzten Freitag demonstriert haben. Die Zeit wird es zeigen.

Originalversion: Jihad Comes to Egypt by Raymond Ibrahim © Middle East Forum, May 10, 2012.

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