Beerdigung von Yael Yekutiel (20). Sie wurde von einem palästinensischen Terroristen am 8. Januar 2017 ermordet. Foto Kobi Richter/TPS

In der „taz“ ist ein Kommentar zum Terroranschlag in Jerusalem erschienen, der „Gründe für die Verzweiflung, die Palästinenser zu Selbstmordanschlägen motiviert“, erkennen will.

Von Frederik Schindler

Jerusalem, 8. Januar 2017: Wehrdienstleistende israelische Soldatinnen und Soldaten steigen aus einem Reisebus an der beliebten Haas-Promenade, als plötzlich ein arabisch-israelischer Terrorist mit einem Lastwagen in die Menschenmenge rast. Drei Frauen und ein Mann im Alter zwischen 20 und 22 Jahren sterben bei dem Anschlag, 17 weitere Israelis werden verletzt. Der Attentäter wird erschossen. Der israelische Ministerpräsident Netanyahu teilt kurze Zeit später am Anschlagsort mit: „Dies ist ein Teil des Musters des Islamischen Staates (IS), das wir zunächst in Frankreich, dann in Deutschland und jetzt in Jerusalem gesehen haben. Wir kennen die Identität des Angreifers. Allen Anzeichen nach war er ein Anhänger des IS.“ Die Hamas hat den Anschlag bereits als „heroischen Akt“ bezeichnet und zu weiteren Taten aufgerufen.

Susanne Knaul, seit 1999 Nahostkorrespondentin der überregionalen, deutschen Tageszeitung „taz“, kann Netanyahus Vergleich der Terroranschläge in Berlin und Jerusalem offenbar nicht nachvollziehen. Sehen wir uns ihren am 9. Januar 2017 veröffentlichten Kommentar zu dem Attentat etwas genauer an:

„Für den Palästinenser Fadi Al Kunbar mag der Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche Inspiration gewesen sein. Sein Motiv war indes ein anderes als das von Anis Amri.“

Woher Knaul das wissen will, verrät sie nicht. Der Anschlag in Jerusalem braucht die auch von Netanyahu vermuteten Vorbilder Nizza und Berlin allerdings gar nicht – schließlich wurden seit Beginn der sogenannten „Messer-Intifada“ im Oktober 2015 immer wieder israelische Soldaten und Zivilisten durch sogenannte „Überfahr-Terrorattacken“ verletzt und getötet. Meist fuhren die Terroristen dabei in Menschenansammlungen, beispielsweise an Haltestellen. Allerdings liegt auch die Verbindung zum IS nahe, der selbst mit konkreten Handlungsanweisungen zum Mord an „Ungläubigen“ aufgerufen hat: „Wenn dir weder ein IED-Sprengsatz zur Verfügung steht noch eine Kugel, dann suche dir einen ungläubigen Amerikaner oder Franzosen oder irgendeinen ihrer Verbündeten aus, zerschmettere seinen Kopf mit einem Stein oder ersteche ihn mit einem Messer oder überfahr ihn mit einem Auto, stoße ihn von einer Höhe herunter, ersticke oder erdrossle ihn, vergifte ihn.“

„Den einen trieb einzig der Hass auf alle, die nicht an seinen Allah glauben, und die sich nicht an die Regeln des Islam halten, so wie er ihn interpretiert. Anis Amri war Gast in Deutschland. Während der eine wahllos Zivilisten mordete, um sich dann auf die Flucht zu begeben, zielte der andere auf Soldaten und nahm in Kauf, selbst sterben zu müssen.“

Hier wird zwar nicht direkt behauptet, dass die Ermordung von Soldaten gerechtfertigter wäre, als die von Zivilisten, der geneigte Leser wird das allerdings so verstehen können. Merkwürdig mutet zudem an, dass dem Jerusalem-Mörder offenbar positiv angerechnet wird, dass er es in Kauf nahm, zu sterben. Ungeachtet dessen trifft dies selbstverständlich auch auf Amri zu: Er wurde bekanntlich erschossen, als er selbst das Feuer auf Polizisten eröffnete.

„Während Amri seinen Anschlag plante, handelte Al Kunbar offenbar spontan und unter dem Einfluss eines gesellschaftspolitischen Umfeldes, für das Terror in Teilen nicht nur legitim, sondern ehrenhaft ist – weil es gilt, die Besatzung und damit einhergehende Ungerechtigkeit zu bekämpfen.“

Die Spontanität des Terrorakts ist wieder lediglich eine Spekulation – allerdings war der Täter offensichtlich bereit, zu töten. Welche Rolle soll es in der Bewertung der Tat also spielen, inwieweit die Tat vorher geplant wurde? Es ist mindestens eigenartig, so zu tun, als sei beim Täter durch das Erkennen von israelischen Soldaten auf der Straße plötzlich ein Reflex aufgetreten, diese umzufahren und zu töten. Und nein, Knaul kritisiert im Folgenden nicht das gesellschaftspolitische Umfeld, „für das Terror in Teilen nicht nur legitim, sondern ehrenhaft ist“. So geht es weiter:

„Terror ist Terror ist Terror, und die Mütter und Väter der vier toten Soldaten interessiert die Motivation des Mörders wenig. Für die Politik birgt die Tatsache, dass es Gründe gibt für die Verzweiflung, die Palästinenser zu Selbstmordanschlägen motiviert, eine Chance.“

Der erste Satz wirkt hier nur noch wie eine Pflichtübung und ein eher schlechter Versuch, zu kaschieren, um was es eigentlich geht: Die Relativierung von antisemitischem Terror. Sie schreibt tatsächlich – und man muss das wirklich ein zweites Mal lesen, um es fassen zu können – von „Gründen“ für „die Verzweiflung, die Palästinenser zu Selbstmordanschlägen motiviert“. Das hört sich – egal ob intendiert oder nicht – danach an, als ob es in Israel ein bisschen nachvollziehbarer wäre, mit einem LKW durch eine Menschenmenge zu rasen, als in Berlin. Und der ubiquitäre Antisemitismus, der Wille, möglichst viele Juden ermorden zu wollen, fällt hier einfach unter den Tisch. Hass auf Juden, das reicht wohl nicht als Motiv für Terror gegen Israel: Es muss die Verzweiflung sein. „Dass die palästinensischen Terrororganisationen ihre Aktivitäten keineswegs als Verzweiflungstaten begreifen, sondern als offensive, militärische Mittel zur ‚Befreiung ganz Palästinas‘ von den Juden, und dass sie die Mörder als ‚Märtyrer‘ feiern und deren Familien mit großzügigen Pensionen versorgen, wird dabei geflissentlich übergangen.“ (Alex Feuerherdt) So wird der Täter zum Opfer. Und wer trägt die Verantwortung für diese Verzweiflung?

„Anstatt dem Terror konstruktiv zu begegnen, entzieht sich Netanjahu seiner Verantwortung, wenn er ein Bild von Jerusalemern und Berlinern malt, die im gleichen Boot sitzen.“

Natürlich: Einzig und allein Israel. Im antisemitischen Weltbild werden Juden nicht nur für politische Krisen, Kriege und Revolutionen, für die Zersetzung von Moral und Sittlichkeit, für Wurzellosigkeit und unsittliche Sexualität verantwortlich gemacht, sondern sogar für ihre eigene Verfolgung. Auch hier wird diese beschämende Strategie der Opferbeschuldigung angewendet und zudem angedeutet, es sei verantwortungslos, Terror gegen Juden und Terror gegen Nicht-Juden gleichzusetzen.

In Deutschland werden zu Recht AfD und Sahra Wagenknecht von der Linkspartei für die schäbigen Behauptungen kritisiert, Angela Merkel wäre mitschuldig an Terroranschlägen. In diesem Kommentar von Susanne Knaul wird zumindest angedeutet, dass die Israelis doch etwas selbst schuld an dem Anschlag in Jerusalem wären. Die Ideologie der Täter gerät so in den Hintergrund. So passt die Sichtweise des westlichen Staates als Aggressor, umgeben von „unterdrückten Völkern“, nur zu gut ins eigene Denkgebäude, das jeden Konflikt auf die diskursiven Determinanten von westlich-unterdrückerisch versus kolonisiert-subversiv herunterbricht. Knaul weiß also mal wieder, was nach einem Terroranschlag gegen Israel angebracht ist: Die alte Leier der Israelkritik.

Frederik Schindler ist freier Journalist in Frankfurt am Main und twittert unter @Freddy2805

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  • ISRANAT

    Gründe für die Verzweiflung – Das ist ein absoluter Lug!
    Er ist nach europäischen Massstäben gesetzt, die die Araber IMMER falsch einschätzen. Manchmal finde ich es ENTSETZLICH, wie falsche Urteile aus Europa, gegen Israel gestellt werden! Dümmer und kurzsichtiger geht es nicht mehr!!
    Doch müssen diese abscheulichen Missbilligungen eines Tages gesühnt werden (Joel 3:2).