Erzbischof George Saliba hat keine Zeit für den Papierkram. Foto Autor unbekannt.

Im Aufstand in Syrien bleibt keine religiöse oder ethnische Gruppe vor den entsetzlichen Verlusten und Leid verschont, doch die 2‘000 Jahre alte christliche Minderheit des Landes ist nun mit einer deutlichen Verfolgung konfrontiert.

Unter dem Schutz von Krieg und Chaos ist diese Gruppe, die selber keine eigene Miliz hat, leichte Beute für Islamisten und Verbrecher gleichermassen. Die Angriffe gegen Christen verjagen sie en masse. Diese 2‘000 Jahre alte Gemeinde, die ungefähr 2 Millionen Mitglieder zählt und nach den ägyptischen Kopten die grösste Kirche im Nahen Osten ist, wird nun mit der Vernichtung bedroht.

Emanuel Youkhana, Erzdiakon der assyrischen Kirche des Ostens, ist trotz seiner Herzoperation ständig im Libanon und im Irak unterwegs und versucht, die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Am 8. Februar schrieb er mir folgendes:

„Wir sind Zeuge, wie ein weiteres arabisches Land seine christlich-assyrische Minderheit verliert. Als sich das im Irak zutrug, glaube niemand, dass auch Syrien an der Reihe sein würde. Christliche Assyrer fliehen verstärkt vor Bedrohungen, Entführungen, Vergewaltigungen und Ermordungen. Hinter den täglichen Bomben findet eine ethno-religiöse Säuberung statt und bald wird Syrien von seinen Christen leer gefegt sein.“

Offizielle Informationen und Medienberichte über das Schicksal der Christen sind dürftig. Nuri Kino, schwedischer Journalist mit assyrischem Hintergrund, veröffentlichte am 11. Januar einen 40-Seiten Bericht, der wertvollen Aufschluss über die Gräueltaten gibt, welche die Christen in Syrien heimsuchen und ihr Martyrium bei dem Versuch, zu fliehen, wobei sie sich – weil sie es müssen – auf ein ausbeuterisches Netzwerk des Menschenhandels verlassen, das aus dem Boden spriesst. Sein Bericht „Between the Barbed Wire“ [Zwischen dem Stacheldraht] ist das Ergebnis einer Reise, die von einer schwedischen Wohltätigkeitsorganisation, der syrisch-orthodoxen Jugendorganisation, finanziert wurde, um die Bedürfnisse der Flüchtlinge einzuschätzen. Der Bericht basiert auf über Hundert Interviews, die vergangene Weihnachten mit christlichen Flüchtlingen in der Türkei und dem Libanon geführt wurden.

Die Flüchtlinge und der libanesische Bischof, die Kino und sein Team für den Bericht interviewten, berichten, dass Christen in Strömen das Land verlassen. Wenn sie die Grenze zum Libanon unter der Leitung von einer nahöstlichen Version der „Koyoten“ über eine qualvolle Reihe von Grenzposten, die von verschiedenen Seiten in diesen Konflikt bewacht werden, überschritten haben, suchten sie meist die christliche Gemeinde vor Ort nach Hilfe auf. Erzbischof George Saliba, auf dem Mount Libanon, der eindeutig überwältigt ist von den Ereignissen, sagt über die Flüchtlinge: „Ich will so vielen wie möglich helfen, aber das ist nicht nachhaltig. Wir haben Hunderte Flüchtlinge aus Syrien, die jede Woche ankommen. Ich weiss nicht, was ich machen soll.“

Das St. Gabriels Kloster im Libanon hat seine 75 unbeheizten Zimmer für mehr als hundert Flüchtlinge geöffnet. Und in einer anderen christlichen Stadt im Libanon hat der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Ephrem Josef III ein Schulgebäude zum Asyl für die dortigen Hunderte von Flüchtlingen gemacht und weitere Flüchtlinge kommen kontinuierlich dazu. Der Patriarch beschreibt es einen „grossen Exodus, der lautlos stattfindet.“ Auch beherberge er Christen, die vor einigen Jahren aus dem Irak geflohen waren. All die christlichen Städte, die Kino für seinen Bericht aufgesucht hat, kämpfen, um mit dem Zustrom der syrischen Christen mithalten zu können. Kirchenführer waren dankbar für die Betten, Waschmaschinen, Heizungen und Medizin, welche die schwedischen Besucher dabei hatten.

Einige der syrischen Flüchtlinge sagen, dass sie planen im Libanon zu bleiben, bis sich Syrien „beruhigt hat“ und sie in ihr Heim zurück können. Viele andere sagten, dass es „undenkbar“ sein zurückzukehren und haben Pläne, nach Europa zu kommen – entweder mit einem gültigen Visum oder bezahlt mit Schmugglern, die eine aktuelle Rate von 20‘000 $ verlangen. Hauptsächlich besitzen sie Kleingeschäfte oder sind ausgebildete Fachkräfte – ein Ingenieur mit seiner Familie, ein Juwelier mit seiner Familie, ein Coiffeur, ein Medizinstudent etc. Viele hoffen, nach Schweden oder Deutschland geschmuggelt zu werden, wie sie ein wenig staatliche Unterstützung erhalten bis sie Arbeit gefunden haben. Die schwedische Stadt Sodertalje schein ein beliebtes Ziel zu sein, denn wöchentlich treffen dort 35 christliche Familien aus Syrien ein. Kino, der selbst auch Sodertalje kommt, berichtet, dass viele syrische Christen dort leben und dass Arabisch mehr als Schwedisch gesprochen wird.

Panik erfasst die Flüchtlinge und sie verwiesen auf einige entsetzliche Ereignisse, die Auslöser für ihre Flucht waren – die Entführung eines Verwandten, ein Mord oder ein Raubüberfall. Sie fühlen, dass sie zur Zielscheibe werden, weil sie Christen sind und das bedeutet, dass Militante und Verbrecher sie strafffrei angreifen können. Einige zeigen auf die Regierung, die es nicht schafft, sie zu schützen; andere zeigen auf die islamistischen Rebellen, die sie verjagen wollen. Ein Flüchtling erzählt Kino: „Zwei Männer aus einem gewichtigen arabischen Stamm haben eines Tages unser Ackerland besetzt, einfach so. Als ich zur Polizei ging, um Anzeige zu erstatten, wurde mir gesagt, dass sie nichts machen können. Der Polizeichef war sehr eindeutig, dass er nicht reagieren würde, weil sie nicht wollten, dass sich der Stamm gegen das Regime stellt.“

Eine Frau aus Hassake berichtet, wie ihr Mann und ihr Sohn von Islamisten in den Kopf geschossen wurden. „Unser einziges Verbrechen ist es, Christen zu sein,“ antwortet sie auf die Frage, ob es einen Streit gegeben habe.

Und ein Vater erzählt: „Wir sind nicht arm, wir sind nicht vor der Armut geflohen, wir sind aus Angst davongelaufen. Ich muss an meine zwölf-jährige Tochter denken. Sie ist leichte Beute für Entführer. Drei Kinder unserer Freunde wurden entführt. In zwei Fällen bezahlten sie ein hohes Lösegeld, um die Kinder zurückerhalten, und in einem Fall zahlten sie, aber das Kind kam tot zurück.“

An weiterer Mann bezeugt: „In Syrien weisst du nicht, wer dein Freund oder Feind ist. Die Vermögenden trifft es am schlimmsten. Verbrecher stehen Schlange, um sie zu entführen.“

Die Flüchtlinge fürchten sich alle vor den Islamisten. Wenn die jihadi Rebellen auftauchen und eine Stadt wie Rasel Eyn einnehmen, verliert die Stadt über Nacht ihre christliche Bevölkerung. Ein Mann aus dieser Stadt berichtet Kino: „Die sogenannte Freie Syrische Armee oder Rebellen oder wie immer man sie im Westen nennen will, leerten die Stadt von Christen und bald wird es keinen einzigen Christen mehr im ganzen Land geben.“

Vollständige Daten über die Anzahl der Flüchtlinge gibt es nicht. Wie viele Christen bisher geflohen sind, ist unbekannt und Flüchtlinge strömen weiterhin jeden Tag über die Grenzen. Wir fangen gerade erst an zu begreifen, welcher Gefahr sie ausgesetzt sind.

Erzdiakon Youkhana fleht: „Die Welt muss ihre Augen für diese Notlage öffnen.“

Nina Shea ist Senior Fellow und Leiterin des Center for Religious Freedom am Hudson Institute.

Originalversion: The Silent Exodus of Syria’s Christians by Nina Shea. NRO’s The Corner Blog © Hudson Institute. February 8, 2013.

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  • Als Nahost-Koordinator der Caritas Österreich und Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg fällt es mir zwar nicht leicht, ein schlechtes Licht auf eine Person der kirchlichen Hierarchie zu werfen, aber ich fühle mich verpflichtet, das in diesem Artikel gezeichnete Bild von Bischof Saliba als wohlmeinenden Helfer in der Not, der großzügig christliche Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien in seinen Einrichtungen beherbergt, in das richtige Licht zu rücken: Es stimmt zwar, dass er eine größere Zahl von christlichen Familien aus verschiedensten Regionen Syriens in seinem Kloster Mar Gabriel in Ajeltoun/Libanon aufgenommen hat – die andere Seite aber ist folgende: diese Familien mussten zunächst 200 US $ pro Zimmer und Monat zahlen, einige Zeit später wurde der Tarif auf 400 US $ verdoppelt und seit Monatsbeginn (Anfang September) müssen jeweils 500 US $ pro Monat für ein kleines Zimmer mit Sanitärtrakt bezahlt werden, was selbst im teuren Libanon eine Frechheit darstellt. Ich unterstelle Bischof Saliba deshalb ein tüchtiger Geschäftsmann zu sein, der sich auf dem Rücken der Flüchtlinge bereichert, aber mit Sicherheit kein guter Bischof, der als Vorbild in schwierigen Zeiten dienen kann. Dazu kommt noch, dass bereits mehrere Familien aus dem Kloster verwiesen wurden, da sie diese hohe Kosten für das Zimmer nicht mehr bezahlen konnten. Zuletzt – erst vor wenigen Tagen – die 70jährige Jacqueline, eine liebenswerte, einfache alte Frau aus dem Nordosten Syriens, die niemand mehr im Nahen Osten hat (ihre Kinder leben in Deutschland). Sie lebte in einem kleinen, niedrigen Zimmer von der Größe eines Besenkammerls (ohne Sanitärtrakt) im Kloster Mar Gabriel und wurde ebenso wie andere hinausgeworfen, da sie kein Geld mehr hat (sie hat inzwischen glücklicherweise in einer Einrichtung der Caritas Unterkunft gefunden). Ich halte das für einen Skandal und fordere alle Organisationen auf, diesen Bischof in Zukunft nicht mehr zu unterstützen. Ich möchte abschließend noch betonen, dass ich hier nicht irgend etwas weitergebe, das ich gehört habe, sondern dass ich selbst in den letzten Tagen mit den betroffenen Familien gesprochen habe. Für weitere Auskünfte stehe ich jederzeit sehr gerne zur Verfügung (Mobiltelefon 0043/676/4323426).
    Stefan Maier
    Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg und Nahost-Koordinator der Caritas Österreich

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      Vielen Dank für Ihren Kommentar und Details.