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Jahrzehntelang wurde den Israelis erzählt, dass es in Gaza «Partner für den Frieden» gäbe

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Israelische Soldaten zwischen den Trümmern zerstörter Gebäude in Be'eri, Israel, am 13. Oktober 2023. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Israelische Soldaten zwischen den Trümmern zerstörter Gebäude in Be'eri, Israel, am 13. Oktober 2023. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Lesezeit: 4 Minuten

Vivian Silver glaubte daran, dass es in Gaza Partner für den Frieden gab, und bezahlte dafür mit ihrem Leben. Silver war keine Politikerin. Keine Soldatin. Keine «Siedlerin». Sie war eine lebenslange Friedensaktivistin, die ihre gesamte Identität auf der jüdisch-arabischen Koexistenz aufgebaut hatte.

von Rachel Sapoznik

Sie lebte im Kibbuz Be’eri, nur wenige Kilometer von Gaza entfernt, und widmete sich jahrzehntelang der Hilfe für Palästinenser, insbesondere für Kranke, Arme und Schutzbedürftige.

Die 74-Jährige war Gründungsmitglied von «Women Wage Peace», einer Bewegung, die sich für Dialog, Versöhnung und eine Zukunft mit zwei Staaten einsetzt.

Sie engagierte sich auch ehrenamtlich in der Gruppe «The Road to Recovery» und fuhr persönlich Palästinenser aus Gaza in israelische Krankenhäuser, um ihnen lebensrettende Hilfe zukommen zu lassen – Kinder mit Krebs, Erwachsene, die dringend operiert werden mussten. Meistens waren es Menschen, die sie nicht kannte, für die sie sich aber dennoch verantwortlich fühlte. Sie hatte ein so grosses Herz.

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Vivian Silver (links) und Amal Alsana-Alhjooj, als sie Anfang der 2000er Jahre gemeinsam bei AJEEC im Negev arbeiteten, einer Organisation für sozialen Wandel. Foto zVg.

Nur wenige Tage vor dem 7. Oktober 2023 war Silver Gastgeberin eines internationalen Treffens von Friedensaktivisten. Selbst als die Sicherheitswarnungen zunahmen, weigerte sie sich, die Idee aufzugeben, dass Empathie Hass überwinden könne.

Am 7. Oktober wurde dieser Glaube zunichte gemacht. Terroristen aus Gaza überquerten die Grenze nach Israel, drangen in den Kibbuz Be’eri ein und erreichten Silvers Haus. Hamas-Terroristen und gewöhnliche Bewohner Gazas setzten ihr Haus in Brand, und tragischerweise wurde Vivian Silver ermordet.

Wochenlang glaubte ihre Familie, dass sie nach Gaza entführt worden war. Erst später bestätigte eine DNA-Analyse die Wahrheit. Sie war keine Geisel. Sie wurde dort getötet, wo sie lebte.

Ihr Sohn, Yonatan Zeigen, telefonierte mit ihr, als der Angriff begann. Als er Schüsse vor ihrem Fenster hörte, sagte er ihr, sie solle auflegen und still sein. Sie schrieben sich weiterhin SMS, während die Terroristen durch das Haus gingen. Aus einem Schrank schrieb Silver, dass sie im Haus seien. Sie wusste genau, was vor sich ging.

Ihre letzte Nachricht an ihn war erschreckend: «Sie sind im Haus. Es ist Zeit, mit den Scherzen aufzuhören und sich zu verabschieden.»

Er antwortete, dass er sie liebte. Sie sagte ihm, dass sie ihn auch liebte. Ihre letzten Worte waren: „Ich spüre dich.“

Das war das Ende ihres erstaunlichen Lebens. Was danach folgte, war ebenso bezeichnend.

Es gab keine Proteste aus Gaza, die ihren Mord verurteilten. Keine Entschuldigung an ihre Familie. Keine öffentliche Anerkennung dafür, dass eine der engagiertesten Verbündeten der Palästinenser – jemand, der sich jahrzehntelang für die Zivilbevölkerung in Gaza eingesetzt hatte – bei lebendigem Leibe verbrannt wurde.

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Gedenkfeier für Vivian Silver in Gezer, wo sie von 1974 bis 1990 gelebt hatte. In der Bildmitte ihre beiden Söhne Chen und Yonatan Zeigen sowie deren Lebenspartnerinnen. Foto שי קנדלר – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=140964630

Hier geht es nicht um kollektive Schuld. Es geht um kollektives Schweigen.

Vivian Silvers Leben und Tod entlarven eine Lüge im Kern der Zwei-Staaten-Fantasie, wie sie derzeit der Welt verkauft wird. Uns wird gesagt, dass Frieden folgen wird, wenn die Israelis genügend guten Willen, genügend Zurückhaltung, genügend Empathie und genügend «Verständnis» zeigen. Silver tat alles, was ihr gesagt wurde, was für den Frieden notwendig sei.

Sie widmete ihr Leben dem Wohlergehen der Palästinenser. Sie lehnte Hass ab. Sie glaubte bis zu ihrem letzten Atemzug an die Koexistenz. Das hat sie nicht gerettet.

Das bringt mich zu folgendem Punkt: Eine tragfähige Zwei-Staaten-Lösung erfordert mehr als nur Grenzen und internationale Konferenzen. Sie erfordert moralische Gegenseitigkeit, die grundlegende Erkenntnis, dass diejenigen, die ihre Hand zum Frieden ausstrecken, nicht dafür ermordet werden sollten.

Doch am 7. Oktober erhob sich die Gesellschaft in Gaza nicht, um Menschen wie Silver zu schützen. Sie trauerte nicht um sie; vielmehr wurde ihr Mord dort gefeiert. Sie forderte keine Rechenschaft für ihren Mord. Stattdessen herrschte Schweigen.

Man kann keinen Staat nur auf Grundlage von Groll aufbauen. Man kann nicht Empathie verlangen und gleichzeitig Barbarei entschuldigen. Und man kann nicht seine engagiertesten Verbündeten ermorden und erwarten, dass die Welt weiterhin so tut, als hätte sich nichts geändert.

Silver glaubte bis zu ihrem letzten Atemzug an den Frieden mit ihren arabischen Nachbarn.

Die Frage ist jetzt nicht, ob die Israelis die harte Realität anerkennen sollten, dass der jüdische Staat nie einen Partner für den Frieden nebenan hatte und wahrscheinlich auch nie haben wird. Die Frage ist, ob die «unschuldigen Zivilisten» von Gaza in der Lage sind, den Namen Vivian Silver auszusprechen – und anzuerkennen, was ihr angetan wurde.

Rachel Sapoznik ist die Gründerin der Jewish Shield Action Alliance. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

2 Kommentare

  1. Ich guck gerade die Eröffnungsfeier der Winterspiele in Italien.
    Jeder kleinste Bananen- oder Terrordrecksstaat wird bejubelt. Die einzige Nation, die ausgepfiffen wird, ist Israel. Was sagt Ihr „Friedensaktivisten“ eigentlich dazu?

  2. Silver war nicht die einzige, es gab mehrere Hundert solche Palästinensische Juden. Und ja, ich habe Bilder von Arabische Kindern aus Gaza im Kinderkrankenhaus in Israel, mit dem Namen der Arabischen Familie. Und die meisten Palästinensische Araber wollen ja israelische Staatsbürger bleiben, sonst hätten sie ja das Land verlassen. Selbst habe ich in dem Jahr als ich da war, gesehen, wie sie gut zusammen arbeiten, in allerlei Funktionen.

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