Bei dem Anschlag auf die Chanukka-Feier in Sydney wurden mindestens 15 Menschen und ein Attentäter getötet. In Australien eskaliert der Antisemitismus. Die Politik wirkt hilflos.
von Michael Lenz
„Das ist eine schockierende und zutiefst beunruhigende Realität, die unser eigenes Verständnis von uns selbst als Australier in Frage stellt.“ – So die bittere Erkenntnis von Erzbischof Timothy Costelloe, Vorsitzender der katholischen Australischen Bischofskonferenz, in seiner Erklärung zu dem tödlichen Terroranschlag auf eine Chanuka-Feier auf Sydneys Bondi Beach am Sonntag. Die Attentäter erschossen 15 Menschen.
Die Täter waren nach Angaben der Polizei ein 50-jähriger Pakistaner und sein 24 Jahre alter Sohn. Der Vater kam bei dem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben, während sein verletzter Sohn im Krankenhaus behandelt wird.
Die beiden Männer parkten am späten Sonntagnachmittag (Ortszeit) in unmittelbarer Nähe der Feier ihr Auto. Sie feuerten laut australischen Medien sofort mehr als 100 Schüsse auf die vielen Hundert Teilnehmer des Lichterfestes ab, bevor ein in den Medien als „Held von Bondi“ gefeierter Mann einen der Schützen überwältigen konnte.
Vieles ist einen Tag nach der Bluttat noch unklar. Der australische Sender ABC berichtete unter Berufung auf Sicherheitskräfte, die beiden Männer seien Anhänger der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). In ihrem Auto seien zwei IS-Flaggen gefunden worden. Gegen den Sohn sei zudem bereits vor sechs Jahren ermittelt worden, nachdem die Polizei einen IS-Terroranschlag vereitelt hatte.
Politiker aller Parteien, Vertreter der jüdischen Gemeinschaft Australiens, Sprecher von Religionen und die Medien verurteilen mit scharfen Worten den Anschlag. Premierminister Anthony Albanese kündigte am Montag eine Verschärfung der Waffengesetzgebung an. Allen Worten ist Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit angesichts des tödlichsten Angriffs auf jüdische Zivilisten seit dem Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 auf Israel anzumerken.
Seit dem Terror der Hamas sind Down Under antisemitische Vorfälle nach Angaben des australischen Geheimdienstes Asio um 300 Prozent angestiegen. Juden werden auf offener Straße und in den sozialen Medien bedroht, beschimpft und angegriffen. Wohnhäuser von Juden werden attackiert, Wände jüdischer Einrichtungen mit Hakenkreuzen beschmiert, Anschläge auf Synagogen verübt. Für Asio-Chef Mike Burgess ist der Antisemitismus inzwischen die größte Bedrohung in Australien.
Alex Ryvchin, Co-CEO des Exekutivrats des australischen Judentums, bezeichnete gegenüber CNN den Massenmord bei der Chanuka-Feier als „logische Konsequenz“ des zunehmenden Antisemitismus in seinem Land. Gewählten Amtsträgern warf Ryvchin vor, die Unterstützung der jüdischen Gemeinde als politisch zu kostspielig zu bewerten.
Der Australische Nationale Imame-Rat erklärte in einer Stellungnahme: „Antisemitismus, der sich in Hass, Belästigung und Gewalt gegen die jüdische Gemeinde äußert, hat in unserer Gesellschaft keinen Platz. Wir lehnen diese Taten entschieden ab und bekräftigen unsere gemeinsame Verantwortung, Respekt, Sicherheit und Würde für alle Gemeinschaften in Australien zu wahren.“
Antisemitismus wurde in Australien auch schon vor dem Hamas-Terror von einer Vielzahl von Gruppen wie Islamisten und den immer stärker werdenden Neonazis geschürt. „Diese Gruppen sind aber nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Sie ernähren sich von Rissen in unserer Gesellschaft – Risse, die wir nicht größer werden lassen dürfen“, warnte Dvir Abramovich, Leiter des „Programms für jüdische Kultur und Gesellschaft“ der Universität Melbourne, bereits Anfang 2025 im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Im Januar 2025 verurteilten die katholischen, anglikanischen und griechisch-orthodoxen Erzbischöfe gemeinsam die „Normalisierung von Hass“ aufgrund religiöser Überzeugungen. In den im Februar veröffentlichten „Reflexionen über den Antisemitismus in Australien“ der katholischen Bischofskonferenz forderte Erzbischof Costelloe die Katholiken auf, sich dem Kampf gegen den „schädlichen und destruktiven“ Antisemitismus anzuschließen. Australien müsse sich der „zutiefst unangenehmen Wahrheit“ stellen, so der Geistliche, dass „für manche das Konzept der Toleranz und des gegenseitigen Respekts nicht unsere jüdischen Brüder und Schwestern einschließt“.
Nach dem jüngsten Anschlag zeigte sich auch der Erzbischof von Sydney, Anthony Fisher, entsetzt. „Wir alle teilen tiefe Trauer und berechtigte Wut über den Terroranschlag“, sagte Fisher.
Der Antisemitismus hat in Schulen, Universitäten, bei Protesten, in den Medien und besonders auf Online-Plattformen stark zugenommen. Das ist das Fazit des im Juli 2025 veröffentlichten Berichts von Jillian Segal, Australiens Sonderbeauftragten für den Kampf gegen Antisemitismus. Segal warnt: „Antisemitismus ist ein nationales Problem, keine Randerscheinung. Untätigkeit untergräbt Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt.“
KNA/mll/cdt/jps


























Es gibt ausserdem noch einen weiteren Weckruf: Ezekiel 36:19-29.