Start Meinung & Analyse Antizionismus ist schlimmer als Antisemitismus

Antizionismus ist schlimmer als Antisemitismus

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Überlebende des Konzentrationslagers Buchenwald machen 1945 Alija. Foto Zoltan Kluger, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5669592Wik
Überlebende des Konzentrationslagers Buchenwald machen 1945 Alija. Foto Zoltan Kluger, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5669592Wik
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An Universitäten, bei Protesten und in den sozialen Medien hallt ein gemeinsamer Refrain wider: „Wir sind nicht antisemitisch, wir sind nur antizionistisch.“ Mit dieser Verteidigung wollen Demonstranten sich vom Vorwurf des Fanatismus freisprechen und ihre Wut als politisch und nicht als vorurteilsbeladen darstellen.

von Daniel Friedman

Aber er ist weder unschuldig noch harmlos. Tatsächlich ist Antizionismus gefährlicher als Antisemitismus selbst. Warum? Weil Antisemitismus das jüdische Volk verachtet, Antizionismus aber letztendlich das jüdische Volk vernichtet.

Seit Jahrtausenden werden Juden von einem Land ins nächste vertrieben, als Bürger zweiter Klasse behandelt, ihrer Besitztümer beraubt und ihr Leben bedroht. Allein im mittelalterlichen Europa wurden Juden aus Staaten vertrieben, darunter die heutigen Länder England, Frankreich, Spanien, Portugal, die Schweiz, Ungarn, Österreich, Italien und Deutschland. Auf diese Vertreibungen folgte oft eine widerwillige Aufnahme an anderen Orten, die in der Regel von Eigeninteressen getrieben war: Jüdische Gemeinden brachten handwerkliches und kaufmännisches Wissen, finanzielle Netzwerke und eine weltoffene Mentalität mit, die ihre Aufnahmeländer bereichern konnten.

Diese gastfreundliche Haltung war jedoch nur vorübergehend. Immer wieder wurden die Juden, sobald sie Erfolg und Stabilität erlangt hatten, mit Neid und Misstrauen konfrontiert. Schliesslich wandten sich lokale Herrscher oder aufgebrachte Mobs gegen sie, vertrieben sie erneut und beschlagnahmten ihren Besitz. Der Kreislauf aus Aufnahme, Wohlstand und Vertreibung wiederholte sich über Kontinente und Jahrhunderte hinweg.

Doch selbst in den schlimmsten Zeiten hatten die Juden einen Ort, an den sie gehen konnten. Ein anderes Land, ein anderes Königreich, eine andere Grenze. Bis zum 20. Jahrhundert.

Als Adolf Hitler an die Macht kam, folgte er zunächst dem gleichen alten Drehbuch. Das Ziel war Vertreibung, nicht Vernichtung. Noch 1938 versuchten die Nationalsozialisten, Juden zur Auswanderung zu zwingen. Doch diesmal blieben die Türen verschlossen. Ein Land nach dem anderen weigerte sich, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Die berüchtigte Reise der SS St. Louis mit mehr als 900 verzweifelten Juden, die aus Nazideutschland flohen, ist ein tragisches Symbol für diese Gleichgültigkeit. Von Kuba, den Vereinigten Staaten und Kanada, wo der Slogan „Keiner ist zu viel“ für jüdische Flüchtlinge galt, abgewiesen, kehrte das Schiff nach Europa zurück, wo viele seiner Passagiere später im Holocaust ums Leben kamen.

Hitler war nicht antisemitischer als frühere Antisemiten. Das eigentliche Problem lag bei den anderen Nationen der Welt, die sich weigerten, jüdische Flüchtlinge wie in früheren Zeiten aufzunehmen. Als die Vertreibung scheiterte, begann die Vernichtung. Lange bevor Hitler die Türen der Gaskammern verschloss und den Juden die Flucht verwehrte, hatten andere Länder ihre eigenen Türen verschlossen und den Juden die Flucht verwehrt.

1948 wurde der Staat Israel gegründet. Zum ersten Mal seit 2000 Jahren hatten Juden wieder Souveränität. Nicht nur einen Ort zum Leben, sondern einen Ort, an den sie gehen konnten, wenn kein anderes Land sie aufnehmen wollte. Israel veränderte das Schicksal der Juden überall auf der Welt. Nie wieder würden Juden auf See ausgesetzt oder in Ländern zurückgelassen werden, die sich gegen sie gewandt hatten.

Deshalb ist Antizionismus so niederträchtig. Wenn jemand sagt, er sei „nur“ gegen den Zionismus, dann sagt er damit, dass er das Recht des jüdischen Volkes auf eine Heimat ablehnt. Er sagt damit, dass das jüdische Volk das einzige Volk auf der Welt ohne eigenen Staat sein sollte. Und er sagt, dass Juden, wenn sie verfolgt werden – sei es in Paris, Brooklyn oder Buenos Aires –, keinen Ort haben sollten, an den sie fliehen können. Es geht nicht um Politik, Grenzen oder Regierungen. Es geht darum, die Garantie für das Überleben der Juden auszulöschen.

Die Existenz Israels hat die Welt nicht nur für Israelis, sondern für Juden überall sicherer gemacht. Regierungen wissen heute, dass ihre jüdischen Bürger, wenn sie bedroht werden, einen Ort haben, an den sie gehen können, und ein Land, das für sie kämpfen wird.

Der Zionismus ist keine Ideologie der Eroberung, sondern der Zuflucht. Es geht nicht um Überlegenheit, sondern um Überleben. Das Existenzrecht Israels abzulehnen, bedeutet nicht, eine Politik zu kritisieren, sondern den einzigen Schutz aufzuheben, der dafür sorgt, dass „Nie wieder“ mehr als nur ein Schlagwort ist.

Daniel Friedman ist Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der Touro University. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung und Redaktion Audiatur-Online.