Schabbatkerzen. Foto Olaf Herfurth. CC BY-SA 3.0.
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Als im Jahre 321 der zum Christentum konvertierte römische Kaiser Konstantin den Sonntag als offiziellen Ruhetag einführte, war in dieser Funktion der Schabbat bereits seit rund 1500 Jahren für das jüdische Volk in Kraft.

Noch der römische Historiker Tacitus (68-120 n.) warf dafür den Juden Faulheit vor, weil sie an einem Tag der Woche keine Arbeit verrichteten. Heute ist in der zivilisierten Gesellschaft mindestens ein arbeitsfreier Tag selbstverständlich. Doch ist im Judentum am Schabbat nicht nur schwere körperliche Anstrengung  untersagt, sondern vor allem  kreative Tätigkeit.

Dazu schreibt der Psychologe Erich Fromm (1900-1980), der in seiner Jugend in Frankfurt Tora und Talmud studierte, wie folgt:

 „Arbeit ist ein, sei es konstruktives, sei es destruktives, Eingreifen des Menschen in die physische Welt. Ruhe ist ein Zustand des Friedens zwischen Mensch und Natur. Der Mensch muss die Natur unberührt lassen, darf sie auf keine Weise stören, indem er etwas aufbaut oder niederreisst. Arbeit ist jegliche Art der Störung des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur. Jede schwere Arbeit, wie Pflügen und Bauen, ist Arbeit in diesem sowie in unserem modernen Sinn. Aber ein Streichholz anzünden ( Anmerkung : ein kreativer Prozess, Licht entsteht !) und einen Grashalm auszurupfen sind, wenngleich sie keine Anstrengung erfordern, Symbole des menschlichen Eingriffs in den Naturprozess, sind ein Bruch des Friedens zwischen Mensch und Natur. Der Mensch darf nicht in das natürliche Gleichgewicht eingreifen oder es ändern, und er muss sich der Veränderung des sozialen Gleichgewichts enthalten. Das heisst, dass man keine Geschäfte machen darf. Der Schabbat symbolisiert einen Zustand der Einheit zwischen Mensch und Natur und zwischen Mensch und Mensch. Indem der Mensch nicht arbeitet – das heisst, indem er nicht am Naturprozess und sozialen Wandel teilnimmt – , ist er frei von den Ketten der Zeit, wenn auch nur einen Tag lang in der Woche ( Erich Fromm . Die Herausforderung Gottes und des Menschen, Diana-Verlag 1970).“

Für viele Menschen stellt sich am arbeitsfreien Tag die Frage : Was tun mit dieser gewonnenen Zeit? Aus jüdischer Sicht dient der Schabbat nicht nur der körperlichen Ruhe und Erholung, dem Unterbruch der täglichen, ermüdenden Routine. Sicher gehören zum Schabbatvergnügen auch die im Familienkreis und mit Gästen eingenommenen Mahlzeiten mit den für einen Schabbat typischen kulinarischen Spezialitäten (jedes koschere Kochbuch gibt darüber erschöpfend Auskunft…), doch der Schabbat ist mehr als das. Er ist vor allem ein zeitlicher Freiraum, um die im Alltag verdrängten geistigen Bedürfnisse zu ihrem Recht kommen zu lassen. Dies geschieht beim Gebet in der Synagoge und vor allem beim Studium der Tora und der jüdischen Schriften. Jeder ist zu geistiger Kreativität aufgerufen und zum Schabbattisch gehört traditionellerweise auch ein vorgetragenes Wort zur wöchentlichen Toravorlesung. Lassen wir noch einmal Erich Fromm zu Wort kommen:

„Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass der geistige und moralische Fortbestand der Juden während zweier Jahrtausende der Verfolgung und Demütigung kaum ohne den einen Tag in der Woche möglich gewesen wäre, an dem selbst der armseligste und elendste Jude in einen Menschen voller Würde und Stolz verwandelt wurde, an dem der Bettler König wurde. Damit man aber nicht glaube, dass diese Feststellung eine grobe Übertreibung ist, muss man die traditionelle Praxis des Schabbat in authentischer Form erlebt haben. Wer immer auch glaubt, er wisse, was der Schabbat sei, weil er die brennenden Kerzenlichter gesehen hat, der hat wenig Ahnung von der Atmosphäre, die der traditionelle Schabbat erzeugt. Der Grund warum der Schabbat eine so zentrale Stellung innerhalb des jüdischen Gesetzes einnimmt, liegt in der Tatsache, dass der Schabbat  Ausdruck der zentralen Idee des Judentums ist: der Idee der Freiheit; der Idee der völligen Harmonie zwischen Mensch und Natur, Mensch und Mensch; der Idee der Vorwegnahme der messianischen Zeit und der Überwindung der Zeit, der Trauer und des Todes durch den Menschen.“

Dass ein in diesem Sinne begangener und gefeierter Schabbat eine Wohltat ist, haben bereits die Weisen im Talmud festgehalten: „Gott sprach zu Mosche: in meiner Schatzkammer habe ich ein wertvolles Geschenk, welches Schabbat heisst, und ich möchte es den Söhnen Israels geben. Geh und tue dies ihnen kund (Schabbat 10b)“. Die Idee des Schabbat, ein Geschenk nicht nur für das jüdische Volk, sondern letztendlich für die gesamte Menschheit !