Die Führer der jüdischen Gemeinde der Stadt Balti (rechts) vor ihrer Exekution am 15. Juli 1941. Deutsche Soldaten stehen links. Foto Matatias Carp, Cartea Neagra - Bucharest, 1947 - Volume III
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Im Juli 1941 wurden die Familie Gabis in Edinet, einer Stadt in Moldawien, mit Waffengewalt aus ihrem Haus geholt. Vater, Mutter und die Brüder Ura und Motl wurden gezwungen, sich vor der Wand einer Scheune aufzustellen – und erschossen. Ihr Verbrechen: Sie waren Juden.

Der Schütze, Stepan Derevenchuk-Babutsak, war ein arbeitsloser Bauernsohn, der die Häuser der Juden kannte. Sein Gewehr stammte von den örtlichen Behörden, die Zivilisten beauftragt hatten, mit der systematischen „Säuberung“ bereits vor Eintreffen der rumänischen Pro-Nazi- und der deutschen Soldaten zu beginnen.

Beweise dafür, dass lokale Überfälle dieser Art vom rumänischen Militär unter dem damaligen Ministerpräsidenten Ion Antonescu angeordnet wurden – und keinesfalls spontan waren, wie lange behauptet wurde – finden sich in den mehr als 40 Millionen Seiten Archivmaterial im Holocaust Memorial Museum in Washington/USA.

Der Plan, zusammen mit einer entsprechenden Karte und darin verzeichneten Dörfern (siehe unten), machte auf dem für Antisemitismus fruchtbaren Boden aus Nachbarn Mörder.

Nun aber erbringt ein Teil der Dokumente, die die Regierung Moldawiens jetzt dem Holocaust Museum übergab, Forschern den Beweis der Durchführung dieses Plans – und Einblicke in das Leben der Opfer wie der Täter.

„Ein Plan ist ein Beweis für ein Verbrechen – doch wenn Sie keine Resultate dieses Plans haben, ist das nur die halbe Wahrheit“, sagt Vadim Altskan, Koordinator des Internationalen Archivprogramms des Museums. „Jetzt aber haben wir Beweise für seine Umsetzung und Resultate – darüber, wer daran beteiligt war und wie er ausgeführt wurde. Wir haben Details darüber, wie das Ganze auf Dorfebene funktionierte.“

Der Fall Derevenchuk-Babutsak und seine Ermordung der Familie Gabis ist einer von rund 50 Fällen, deren Untersuchungs- und Prozessakten im Archiv aufbewahrt werden. Die Untersuchungen führte der moldawische KGB ab 1944 – nachdem die Sowjets die Region befreit hatten – bis in die späten 1950er-Jahre durch.

Insgesamt verfügt das Archiv über Zeugnisse, Vernehmungsprotokolle und andere Dokumente mit einem Gesamtumfang von rund 15 000 Seiten; sie wurden– auf einer Festplatte gespeichert – im März durch den stellvertretenden Premierminister Moldawiens, Iurie Leanca feierlich übergeben.

„Killing Fields“ in Bessarabien

Altskan liest den Fall und zitiert den Schützen, Derevenchuk-Babutsak, aus einer Vernehmung im Jahr 1944, in der er leugnet, ein Verbrechen begangen zu haben.

Dann wendet sich das Blatt.

Während die Eltern neben ihnen tot zu Boden fielen, überlebten die beiden Brüder Uri und Motl Gabis. Sie sollten leben und gegen ihren Schützen aussagen – der daraufhin zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Dieser Fall ist, neben weiteren, nicht nur ein Beweis für die Barbarei – er erzählt auch die Geschichte gewählter Unwissenheit, des Überlebens – und auch eine der Liebe.

Laut Radu Ioanid, dem in Bukarest geborenen Archivdirektor des Washingtoner Holocaust-Museums, gehörten die Gabis‘ zu den etwa 300 000 Juden, die um 1930 in Bessarabien, einer Region, die heute zum grössten Teil zu Moldawien gehört, sowie in dem angrenzenden Gebiet der Bukowina lebten.

Zehntausende wurden bei den rumänisch-nazideutschen Überfällen ermordet; weitere landeten in Internierungslagern und Ghettos. Von dort, so Ioanid, wurden sie zur Massenvernichtung nach Transnistrien, heute ein abtrünniges Gebiet Moldawiens, abtransportiert.

„150 000 Juden aus Bessarabien und der Bukowina trafen [1941/42] lebend in Transnistrien ein“, sagt Ioanid. „Zwei Jahre später leben nur noch 50 000. Soweit die Geschichte. Transnistrien wurde zur ethnische Müllhalde des rumänischen Pro-Nazi-Regimes.“

Heute, so schätzt die Regierung Moldawiens, leben rund 15 000 Juden im Land.

Mit im Spiel: nationale Politik

Ioanid war bei den Bemühungen, das Archiv aus Moldawien nach Washington zu holen, federführend. Zuvor musste das Museum jedoch einige politische Hürden überwinden und US-Vizepräsident Joseph Biden in den Prozess einbinden, der sich für eine Änderung moldawischer Restriktionen hinsichtlich des internationalen Transfers persönlicher Daten einsetzte.

Und tatsächlich spielt in dem Versuch des Museums, seine Bestände zu erweitern, nationale Politik immer wieder eine Rolle.

Aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion Weissrussland, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan steht, so Altskan, die Übergabe von Aufzeichnungen der Nachkriegsprozesse an das Museum bis heute aus.

„Die wichtigsten Dokumente liegen in Weissrussland – vor allem, weil es von den Nazis besetzt war [und] es dort eine grosse jüdische Gemeinde gab. Wir haben sie besucht. Die Leute waren mehr als bereit, mit uns kooperieren“, erläutert er. „Wegen der Sanktionen unserer eigenen Regierung gegenüber Weissrussland [jedoch] hat man uns deutlich gemacht, es sei keine gute Idee, mit dem dortigen KGB zusammenzuarbeiten.“

Die Gesetze der USA verbieten die Übersendung von Geräten zum Kopieren der Dokumente, die das Holocaust-Museum bereit wäre, per Schiff nach Minsk zu bringen.

Auch kann es für Länder, die Dokumente aus der Zeit des Holocaust besitzen, einen vermeintlichen oder tatsächlichen politischen Vorteil bedeuten, mit dem US-amerikanischen Museum zusammenzuarbeiten, das teilweise staatlich finanziert wird.

Iurie Leanca drückte bei der feierlichen Übergabe des Archivs seine Hoffnung darüber aus, der Schritt möge die US-amerikanischen Gesetzgeber davon überzeugen, die Handelsbeschränkungen gegen Moldawien– die noch aus der Sowjetzeit und deren Beschränkung jüdischer Auswanderung stammen – aufzuheben.

Aufklärung über den Holocaust

Doch im Vordergrund stehe, so Leanca, die Bereitschaft seines Landes, „der Tragödie, die sich auf unserem Boden ereignet hat, Respekt zu zollen – damit wir die notwendigen Lektionen auf unserem Weg in die Zukunft lernen.“

Und tatsächlich hoffen die Leiter der moldawischen jüdischen Gemeinden, dass die neuen Einblicke in die Holocaust-Verbrechen auch zu Hause in Moldawien ihren Widerhall finden werden.

„Bedauerlicherweise sind Jugendliche und Studenten heute über die Tragödien des Holocaust nicht ausreichend informiert“, sagt Aleksandr Bilinkis, Vizepräsident der Dachorganisation der Jüdischen Gemeinden in Moldawien.

„Mehr noch – derartige Themen werden entweder verzerrt dargestellt oder gar nicht besprochen und historische Fakten werden verdreht. In einigen Orten passiert es sogar, dass Informationen über die Tragödien dieser Jahre geprüft und [im Anschluss] verfälscht werden, um vorherrschenden politischen Erfordernissen gerecht zu werden.“

Das Holocaust-Museum in Washington hat sein Interesse an einer kontinuierlichen Partnerschaft mit Chișinău, der Hauptstadt Moldawiens, zum Ausdruck gebracht – inklusive der Aufklärung über den Holocaust.

Unter Mitwirkung der moldawischen Station von Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) in Chișinău

Originalversion: Archive Reveals New Details Of Holocaust In Moldova by Richard Solash © Radio Free Europe / Radio Liberty, April 6, 2012.