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Gewalt durch Selbstjustiz in Judäa und Samaria schändet unsere heilige Geschichte

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Eine kleine Gruppe gewalttätiger Juden im Dorf Beita südlich von Nablus in Samaria am 8. November 2025. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Eine kleine Gruppe gewalttätiger Juden im Dorf Beita südlich von Nablus in Samaria am 8. November 2025. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Lesezeit: 8 Minuten

Gewalt, selbst wenn sie nur von wenigen Juden ausgeht, muss unterbunden und bestraft werden. Das ist kein Zionismus. Das ist kein Judentum. Das ist eine Entweihung des Namens Gottes.

von Rabbi Shmuley Boteach

Ich habe die jüdischen Gemeinden in Judäa und Samaria (israelische Bezeichnung für das sog. Westjordanland, Anm.d.Red.) stets unterstützt, besucht, geschützt und gefördert. Es handelt sich dabei nicht um „Aussenposten“ oder „Siedlungen“, wie sie von der Welt zynisch bezeichnet werden. Sie sind die lebendige Fortsetzung der jüdischen Geschichte, das Herzland unseres Volkes, der Boden, auf dem unsere Vorfahren gewandelt sind und auf dem der Bund zwischen Gott und Israel zum ersten Mal gelebt wurde.

Von Hebron (Israels erster Hauptstadt) bis Beit El, von Shiloh (wo 369 Jahre lang die Stiftshütte stand) bis Ofra und von den Tälern Judäas bis zu den Bergrücken Samariens – dies ist kein fremder Boden, sondern die Wiege des jüdischen Lebens, die nur von Jerusalem selbst übertroffen wird. Zu behaupten, Juden könnten hier nicht leben, ist rassistisch, antisemitisch und eine Leugnung von 3.000 Jahren jüdischer Geschichte.

Doch weil diese Gebiete heilig sind, muss ich mich gegen die kleine Gruppe radikaler Juden aussprechen, die alles Heilige entweihen, indem sie unschuldige Palästinenser angreifen.

Die Bewohner von Judäa und Samaria haben ein Jahrhundert voller Massaker und Terror hinter sich. Sie wurden als Landdiebe verleumdet, obwohl in Wahrheit jede Gemeinde auf unfruchtbarem Gelände oder auf offen und legal erworbenem Land errichtet wurde. Bei jedem meiner Besuche dort treffe ich Familien, die ihre von Terroristen ermordeten Söhne und Töchter begraben haben. Ihr Leid ist unbeschreiblich.

Doch nichts davon rechtfertigt Gewalt gegen Unschuldige. Jeder Jude, der einem unschuldigen Palästinenser Schaden zufügt, verrät sowohl das Judentum als auch Israel. Die Thora, die jüdischen Werte und die jüdische Geschichte verbieten solche Handlungen aufs Schärfste. Unser Volk ist das einzige in der Geschichte, das niemals einen unprovozierten Krieg begonnen hat.

Es ist die Aufgabe der israelischen Streitkräfte und der Polizei, diese Gemeinden zu schützen, unterstützt durch ihre eigenen ausgebildeten internen Sicherheitskräfte, wie viele nach den Fehlern vom 7. Oktober gelernt haben. Aber Rowdytum und Selbstjustiz beschmutzen Israels moralischen Kern. Zu viele Verantwortliche schweigen dazu.

Israels Streit richtet sich nicht gegen Araber oder Palästinenser als Volk. Fast zwei Millionen muslimische Bürger leben friedlich unter den 10 Millionen Einwohnern Israels. Allein dies widerlegt die abscheuliche Verleumdung, Israel sei ein Apartheidstaat.

Unser Kampf richtet sich gegen die bösartigen Regime und Terrorbewegungen – Iran, Hamas, Hisbollah, Islamischer Dschihad – und nicht gegen die einfachen Palästinenser, die Frieden und Würde wollen. Gewalt, selbst wenn sie nur von wenigen Juden ausgeht, muss gestoppt und bestraft werden. Das ist kein Zionismus. Das ist kein Judentum. Das ist eine Entweihung des Namens Gottes.

Die moralische Grundlage des jüdischen Lebens ist Gerechtigkeit: Tzedek, tzedek tirdof, „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du verfolgen.“ Nicht Rache. Gerechtigkeit.

Ich werde mit aller Kraft Israels Recht verteidigen, seine Bürger zu schützen und sich in Judäa und Samaria zu entfalten. Ein palästinensischer Staat dort würde die Existenz Israels gefährden. Aber selbst diese existenzielle Bedrohung rechtfertigt es nicht, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen.

Wenn ein Jude ein Feld anzündet, ein Haus in Brand steckt oder eine Moschee verwüstet, verteidigt er damit nicht Israel, sondern schändet es. Er verspottet unseren Glauben und entehrt das Andenken der Propheten, deren Gebeine in diesen Hügeln ruhen.

Die jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria sind mutige, idealistische Menschen, die wunderschöne und hoffnungsvolle Gemeinden aufgebaut und Tausende gut bezahlter Arbeitsplätze für ihre palästinensischen Nachbarn geschaffen haben. Ich habe in ihren Häusern gebetet und ihren Mut bewundert. Aber Mut kann Grausamkeit nicht entschuldigen. Das Land Israel heiligt nur diejenigen, die dort gerecht handeln.

Die IDF und das US-Militär sind die wohl besten Armeen der Welt. Lasst Israels tapfere Soldaten ihre Arbeit machen. Jeder, der mit Tzitzit aus Rache ein palästinensisches Feld in Brand setzt, verstösst gegen die Zehn Gebote. Terroristen jagen und vernichten, ja. Die Todesstrafe für Mörder einführen, ja. Aber niemals Unschuldigen Schaden zufügen.

Diejenigen, die keine militärische Autorität besitzen, müssen sich der israelischen Polizei und Armee unterordnen. Im Namen des Gottes Abrahams, eines Gottes der Barmherzigkeit und Zurückhaltung, Selbstjustiz zu üben, ist kein Judentum, sondern Heidentum. Männer, die sich als religiöse Juden ausgeben und sich wie Vandalen verhalten, machen die Thora zu Götzendienst.

Und Rabbiner oder Verantwortliche, die schweigen, tragen ebenfalls Schuld. Wenn unsere Vorsteher nicht lautstark verkünden können, dass solche Handlungen assur, also absolut verboten sind, dann wird Religion eher zu einer Verkleidung als zu einer Berufung.

Wir sind besser als die Hamas und die Muslimbruderschaft. Durch moralische Überzeugung, nicht durch Grausamkeit, werden wir sie besiegen.

Jeder jüdische Angriff auf einen Araber schadet Israels Ruf. Jedes Video eines brennenden Feldes wird als „Beweis“ dafür verbreitet, dass Juden die neuen Aggressoren sind – und die Hamas, der Iran und die BDS-Bewegung nutzen dies aus.

Die Thora gebietet mehr als jedes andere Gesetz, Fremde zu lieben. „Du sollst einen Fremden nicht unterdrücken, denn ihr wart selbst Fremde in Ägypten.“ Unser Leiden sollte uns läutern, nicht verhärten.

Ja, die meisten Siedler sind friedlich und aufrichtig und werden durch die Doppelmoral der Welt zu Unrecht verteufelt. Aber schon der Angriff eines einzigen Juden auf einen unschuldigen Araber untergräbt unsere moralische Stellung. Ein Chilul Hashem, „die Entweihung des Namens Gottes“, ist die schwerste Sünde. Gewalt durch religiöse Juden ist ihre reinste Form. Sie verwandelt Glauben in Stammesdenken.

Das Judentum ist keine Religion der Eroberung, sondern des Gewissens. Wir haben der Welt gelehrt, dass alle Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Wir erheben die Waffen nur zur Verteidigung, niemals aus Hass. Menschen mit Moral bewundern Israel für diese Rechtschaffenheit; nur Hasser, wie die Tyrannen im Iran, die Frauen foltern, verachten es.

Beim Zionismus ging es nie um Herrschaft, sondern um moralische Erneuerung, das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung und die Pflicht, sein ethisches Erbe zu verkörpern. Theodor Herzl und David Ben-Gurion stellten sich Israel nicht als Garnisonsstaat vor, sondern als moralisches Leuchtfeuer.

Die Bewohner von Judäa und Samaria verkörpern diesen Traum; sie sind Menschen, die Opferbereitschaft, Glauben und Ausdauer zeigen. Ihre Legitimität hängt jedoch von moralischem Verhalten ab. Verbannt diejenigen aus eurer Mitte, die dagegen verstossen. Das Recht, überall in unserem angestammten Land zu leben, ist heilig; lasst nicht zu, dass Extremisten es entweihen.

Das Problem ist nicht die jüdische Präsenz, sondern eine kleine Gruppe von Menschen, die von Wut geblendet sind und Stärke in Grausamkeit verwandeln. Sie verteidigen den Bund nicht, sie entweihen ihn.

Ja, Israels Feinde, Iran, die Muslimbruderschaft, die Vereinten Nationen und Den Haag, verabscheuen uns irrational. Aber hier geht es nicht um sie. Es geht darum, was Gott denkt. Er hat uns dieses Land anvertraut, damit wir ein Licht für die Völker sind, damit wir Gerechtigkeit vorleben und nicht Grausamkeit nachahmen.

Die IDF kann Israels Grenzen verteidigen, aber nur seine Bürger können seine Seele verteidigen.

Wir sollten aus der Geschichte lernen. Der Zweite Tempel wurde nicht allein durch Rom zerstört, sondern durch sinat chinam, „grundlosen Hass“. Juden kämpften gegen Juden, während der Feind abwartete.

Eine kleine Gruppe gewalttätiger Extremisten in Judäa und Samaria hat dieselbe Sünde begangen. Sie predigen Heiligkeit, säen aber Hass. Sie behaupten, die Nation zu verteidigen, untergraben sie jedoch von innen heraus. Wir erleben in kleinerem Massstab erneut den alten Fluch des inneren Hasses, der sich als Frömmigkeit tarnt.

Das Überleben Israels beruhte nie allein auf Waffen. Das jüdische Volk besteht aufgrund seiner moralischen Stärke, denn selbst unsere Feinde können unser Licht nicht leugnen. In dem Moment, in dem wir dieses Licht verdunkeln, werden wir gewöhnlich.

Die Propheten warnten nicht vor fremden Armeen, sondern vor moralischem Verfall. „Eure Hände sind voller Blut“, rief der Prophet Jesaja. „Lernt, Gutes zu tun; sucht Gerechtigkeit.“ Dieser prophetische Ruf hallt noch immer in der rechtschaffenen Mehrheit von Judäa und Samaria nach. Lasst nicht zu, dass ein paar faule Äpfel sie beschmutzen.

Der jüdische Staat wurde nach Auschwitz gegründet, um zu beweisen, dass aus der Dunkelheit Licht entstehen kann. Jede grausame Tat eines Juden gegen einen Araber verspottet das Andenken an die sechs Millionen Opfer.

Manche werden mir vorwerfen, dass ich Israels Kritiker unterstütze, indem ich jüdische Gewalt verurteile. Sie irren sich. Schweigen ist Verrat. Verurteilung ist Loyalität – gegenüber dem Judentum, der IDF, der Tora und dem wahren Zionismus, der diese Nation aufgebaut hat.

Die Welt muss sehen, dass unser Glaube sich selbst kontrolliert, dass wir das Böse nicht entschuldigen, nur weil es eine Kippa trägt oder Hebräisch spricht. Wir sind Juden; wir sind dem Himmel verpflichtet.

Als Abraham für Sodom flehte, behauptete er nicht dessen Unschuld, sondern forderte Gerechtigkeit: „Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit üben?“ Die erste Handlung des ersten Juden war ein moralischer Protest. Das ist unser Erbe.

Die Hügel von Judäa und Samaria sind nicht wegen ihrer Steine heilig, sondern wegen des Bundes, der uns gebietet, das Leben zu heiligen. Der wahre Jude dort ist derjenige, der baut, betet und alle Menschen als göttliche Schöpfungen behandelt. Ich habe Hunderttausende getroffen, die so leben.

Das ist das Judentum, das ich kenne. Das ist der Zionismus, den ich liebe. Und das ist das Israel, das ich verteidigen werde: Ein Israel, das das Schwert nur zum Schutz der Unschuldigen schwingt und die Thora als Leitfaden für sein Gewissen hochhält.

Wenn wir das vergessen, verlieren wir nicht den Respekt der Welt, sondern Gottes Gunst.

Judäa und Samaria mit ihren rechtschaffenen jüdischen Bewohnern müssen der Heiligkeit des Landes gerecht werden, in dem Gerechtigkeit wie Wasser fliesst und Rechtschaffenheit wie ein mächtiger Strom. Die Kinder Isaaks und Ismaels können noch lernen, einander als Geschöpfe des einen wahren Gottes zu sehen.

Wir dürfen niemals zulassen, dass auch nur ein einziger Vertreter der Selbstjustiz diese Heiligkeit untergräbt.

Rabbi Shmuley Boteach ist der Gründer des World Values Network. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

2 Kommentare

  1. Hervorragender, bewundernswerter Kommentar von Rabbi Shmuley Boteach.
    Ich wäre dankbar, die englische Originalversion davon zu haben.

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