Start News Der Mossad und sein Tierreich

Der Mossad und sein Tierreich

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Kostümierter Zuschauer in der Jaffa-Street in der Jerusalemer Innenstadt, während der Purim-Einheitsparade am 25. März 2024. Foto IMAGO / ZUMA Press Wire
Kostümierter Zuschauer in der Jaffa-Street in der Jerusalemer Innenstadt, während der Purim-Einheitsparade am 25. März 2024. Foto IMAGO / ZUMA Press Wire
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Der neueste Rekrut in Israels angeblicher Tierarmee ist die Ratte. Laut Palestinian Media Watch (PMW), einem israelischen Forschungsinstitut, das palästinensische Medien und politische Diskurse beobachtet, haben Fatah-nahe palästinensische Funktionäre Israel beschuldigt, „besondere“ Ratten in den Gazastreifen eingeschleust zu haben – angeblich grosse, aggressive Nagetiere, die darauf trainiert oder gentechnisch so verändert worden seien, Kinder, Kranke und Schutzbedürftige anzugreifen.

Jamal Obeid, Mitglied des Obersten Führungsgremiums der Fatah im Gazastreifen, behauptete, Nagetiere seien in Teilen des Gebiets aufgetaucht, in denen sie zuvor unbekannt gewesen seien, und bezeichnete dies als „sichtbare Tatsache“. Ein weiterer Funktionär, Rafat Al-Qudra von der Palestine Broadcasting Corporation in Gaza, ging noch weiter und behauptete, die Ratten seien „von besonderer Art“, gross und von Israel entwickelt oder experimentell erprobt. Die israelische Armee äusserte sich dazu nicht – vielleicht, weil es dazu keinen ernsthaften Kommentar geben kann. Die katastrophalen hygienischen Zustände im Gazastreifen nach Monaten des Krieges sind real; die Vorstellung israelisch konstruierter Ratten ist es nicht.

Doch die Ratte reiht sich nur in einen bereits gut gefüllten Zoo ein.

Der erste berühmte Fall ereignete sich 2010, als eine Serie von Haiangriffen vor Scharm el-Scheich einen deutschen Touristen tötete und mehrere Russen sowie eine Ukrainerin verletzte – mit schweren Folgen für Ägyptens Tourismusindustrie am Roten Meer. Meeresexperten verwiesen auf plausible Erklärungen: Überfischung, von Schiffen entsorgte Tierkadaver, gestörte Fressmuster und die seltene, aber reale Präsenz ozeanischer Weissspitzenhaie in ägyptischen Gewässern. Doch die Geschichte verliess rasch den Bereich der Meeresbiologie. Im ägyptischen Fernsehen behauptete eine Person aus dem Taucherumfeld, die Haie könnten per GPS gelenkt worden sein. Der Gouverneur des Südsinai, Mohamed Abdel Fadil Shousha, zog daraufhin öffentlich die Möglichkeit in Betracht, der Mossad habe den Hai platziert oder gesteuert, um Ägyptens Tourismussektor zu schädigen. Er sagte, diese Idee sei „nicht ausgeschlossen“ und müsse erst noch überprüft werden. Ein lokaler Meeresbiologe tat die Behauptung als „Mumpitz“ ab.

Dann kam der Geier.

Im Januar 2011 überquerte ein Gänsegeier die Grenze nach Saudi-Arabien. Er trug einen GPS-Sender der Universität Tel Aviv. Der Vogel, der anhand der Kennzeichnung R65 identifiziert wurde, war Teil eines wissenschaftlichen Projekts zur Erforschung von Zugbewegungen. Doch die hebräische Beschriftung und die israelische Markierung reichten aus. Saudische Medien und lokale Gerüchte verwandelten den erschöpften Vogel in einen Mossad-Agenten. Berichten zufolge wurde er wegen Spionageverdachts „verhaftet“ und als Teil einer zionistischen Verschwörung beschrieben. Schliesslich musste Prinz Bandar bin Saud Al Saud eingreifen. Er erklärte, dass Ortungsgeräte von vielen Ländern verwendet würden, darunter auch Saudi-Arabien, und tadelte Journalisten dafür, veröffentlicht zu haben, ohne zuvor bei den zuständigen Stellen nachzufragen. Der Geier war kein Spion; er war ein Naturschutzprojekt mit Flügeln.

Die Delfin-Episode war noch filmreifer. Im Jahr 2015 behauptete die Hamas, vor der Küste des Gazastreifens einen israelischen Spionagedelfin gefangen zu haben. Berichten zufolge sei das Tier mit Kameras, Spionageausrüstung und sogar einer Vorrichtung ausgestattet gewesen, mit der kleine Pfeile auf Marinekommandos der Hamas abgefeuert werden könnten. Iranische Medien fügten dem Ganzen noch eine technologische Ausschmückung hinzu: Vielleicht handle es sich gar nicht um einen Delfin, sondern um einen israelischen Roboter-Delfin, ausgestattet mit Videotechnik, Pfeilen und Kugeln. Die Geschichte klang wie eine verworfene Nebenhandlung aus einem James-Bond-Film. Dennoch verbreitete sie sich weit genug, um dauerhaft ins Archiv antiisraelischer Absurditäten einzugehen.

Das vierte Tier ist das Wildschwein. Palästinensische Funktionäre und Aktivisten haben wiederholt behauptet, Israelis oder Siedler liessen Wildschweine auf palästinensisches Ackerland los, um Ernten zu zerstören und Dorfbewohner einzuschüchtern. Im Jahr 2014 soll der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, gesagt haben: „Jede Nacht lassen sie Wildschweine gegen uns los. Warum tun sie uns das an?“ Die Anschuldigung tauchte im Laufe der Jahre immer wieder auf, unter anderem in Behauptungen, Wildschweine würden als Waffe des Siedlerkolonialismus eingesetzt. Tatsächlich sind Wildschweine in Teilen Israels und des Westjordanlands ein reales Problem; in Haifa etwa beschweren sich Bewohner seit Jahren darüber, dass sie durch Strassen und Gärten streifen. Doch ein Wildtierproblem wird politisch nützlich, wenn es als vorsätzliche zionistische Sabotage umgedeutet werden kann.

Auf einer Ebene ist das absurd komisch. Israel – ein Land, das oft Mühe hat, seine eigene chaotische Koalitionspolitik zu erklären – wird als Befehlshaber eines artenübergreifenden Geheimdienstnetzwerks imaginiert: Haie greifen Touristen an, Geier fotografieren Saudi-Arabien, Delfine infiltrieren Gaza, Wildschweine ruinieren palästinensische Ernten, und nun sollen Ratten Kinder terrorisieren.

Doch die Komik täuscht. Diese Geschichten sind wichtig, weil sie zeigen, wie tief verschwörungsideologisches Denken über Israel in Teile der politischen und medialen Kultur der Region eingedrungen ist.

Eine Verschwörungstheorie schreibt Ereignisse verborgenen, mächtigen und finsteren Akteuren zu, selbst wenn naheliegendere Erklärungen existieren. Häufig wird sie resistent gegen Belege, weil das Fehlen von Beweisen selbst als Beweis für Vertuschung gedeutet wird. Genau das geschieht in den Tiergeschichten. Ein Haiangriff ist kein seltenes ökologisches Ereignis; es muss der Mossad sein. Ein GPS-Sender ist kein Instrument des Naturschutzes; es muss Spionage sein. Eine Rattenplage im Gazastreifen während des Krieges ist nicht die vorhersehbare Folge zerstörter Infrastruktur, Überfüllung, Müll und Krankheiten; es muss israelische biologische Kriegsführung sein.

Das bedeutet nicht, dass die arabische Welt in besonderer Weise anfällig für Verschwörungstheorien wäre. Der Westen hat QAnon, Impfgegner-Fantasien, Verschwörungen über den 11. September und die Paranoia vom „Grossen Austausch“. Der menschliche Geist teilt sich nicht in rationale und irrationale Nationen. Doch der auf Israel fixierte Verschwörungsglaube hat eine besondere Geschichte und politische Funktion.

Über Jahrzehnte wurden arabische Öffentlichkeiten mit einer politischen Kultur versorgt, in der Israel nicht bloss ein feindlicher Staat war, sondern ein kosmischer Bösewicht: allmächtig, verborgen, dämonisch, unablässig intrigierend. Reale Erfahrungen – Krieg und militärische Niederlagen – wurden mit importierten europäischen antisemitischen Fantasien über jüdische Kontrolle, jüdische Hinterlist und jüdisches Böses vermischt. Wenn eine solche Vorstellungswelt erst einmal existiert, ist der Sprung von „die Juden kontrollieren die Banken“ zu „Israel kontrolliert die Haie“ kleiner, als es zunächst scheint.

Der politische Nutzen liegt auf der Hand. Wenn jedes Desaster auf zionistische Komplotte zurückgeführt werden kann, müssen lokale Führungen keine unangenehmeren Fragen beantworten. Warum ist das öffentliche Gesundheitssystem zusammengebrochen? Warum werden Medien zensiert? Warum sind Institutionen schwach? Warum versagen Schulen? Warum sind Bürger arm, wütend und gefangen zwischen autoritären Herrschern und islamistischen Bewegungen? Die Verschwörung bietet eine Abkürzung: Der Feind war es.

Deshalb ist die jüngste Rattengeschichte nicht nur töricht. Sie ist obszön. Gaza erlebt eine reale humanitäre und hygienische Krise. Nagetiere, Krankheiten, zerstörte Infrastruktur und teilweise überfüllte Notunterkünfte sind keine Erfindungen. Aber dieses Elend in eine Geschichte über von Israel entwickelte Ratten zu verwandeln, heisst, Verantwortung durch Mythologie zu ersetzen. Es hilft palästinensischen Zivilisten nicht. Es benutzt sie.

Dasselbe galt für die Hai-Geschichte in Ägypten. Statt nüchtern über Tourismussicherheit, Meeresökologie oder Krisenmanagement zu sprechen, bekam die Öffentlichkeit einen Thrillerplot serviert. Der Geier hätte eine Gelegenheit sein können, über Vogelzug und Naturschutz aufzuklären; stattdessen wurde er zu einem Witz über israelische Spionage. Der Delfin hätte als Kriegspropaganda abgetan werden können; stattdessen ging er in die Mythologie Israels als allgegenwärtiger Strippenzieher ein. Das Wildschwein hätte eine ernsthafte Diskussion über Landwirtschaft, Sicherheit und Wildtiermanagement eröffnen können; stattdessen wurde es in denselben alten Vorwurf eingepasst: Israel macht alles zur Waffe.

Die Gefahr besteht darin, dass Absurdität, oft genug wiederholt, zur Atmosphäre wird. Sie lehrt Menschen, dass Beweise optional sind, dass Israel per Definition schuldig ist und dass keine Anschuldigung zu lächerlich ist, solange sie das gewünschte Weltbild bestätigt.

Das ist keine harmlose Folklore. Eine Gesellschaft, die glaubt, ihr Feind kontrolliere Tiere, Krankheiten, Natur und das Schicksal selbst, wird sich schwertun, mit diesem Feind Frieden zu schliessen. Sie wird sich sogar schwertun, ihn als menschlich zu begreifen.

Und genau darin liegt die eigentliche Geschichte hinter Mossad-Haien und zionistischen Ratten. Die Tiere sind nicht die Hauptfiguren. Die Hauptfigur ist eine politische Kultur, die allzu oft Fantasie der Verantwortung vorzieht, Mythos der Reform und Hass der Realität.

Israel braucht keine Haie, Geier, Delfine, Wildschweine oder Ratten, um seine Macht zu erklären. Seine Feinde brauchen sie, um ihr eigenes Scheitern zu erklären.

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