Foto Kobi Richter/TPS
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Bereits im April und Mai hatte Israel die scheinbar schnelle Ausbreitung des Coronavirus gestoppt. Eine strenge Lockdown-Regelung während der Pessach-Feiertage drückte die Zahl der neuen Fälle pro Tag von etwa 700 einige Wochen zuvor auf weniger als zwei Dutzend Fälle pro Tag. Zu dieser Zeit glaubten und hofften viele Israelis, dass der Kampf des jüdischen Staates mit COVID-19 zu einem raschen Ende kommen würde.

von Alex Traiman, JNS

Doch schon wenige Wochen nach der Wiedereröffnung nahm die Zahl der neuen Fälle zu, und innerhalb von zwei Monaten stiegen die Neuinfektionen auf mehr als 1.000 pro Tag und hörten nicht auf.

Jetzt, da die Zahl der neuen Fälle 4.000 pro Tag erreicht hat, hat das israelische Kabinett für einen zweiten Lockdown gestimmt, der am Freitagnachmittag, kurz vor Beginn des jüdischen Neujahrsfestes Rosch Haschana, beginnt.

In einer dramatischen Pressekonferenz kündigte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu kurz vor seiner Abreise nach Washington zur Unterzeichnung der Normalisierungsabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain an, dass der öffentliche Raum für mindestens drei Wochen geschlossen wird.

Gesundheitsminister Yuli Edelstein von Netanyahus Likud-Partei erklärte auf der Pressekonferenz: „Drei Monate lang habe ich versucht, eine Abriegelung zu vermeiden. Ich habe alles getan, damit wir mit dem Coronavirus leben können, mit Regeln hier und da“, und fügte hinzu: „Unter den gegebenen Umständen hatten wir keine Wahl.“

Diese Schliessung ist viel umstrittener als die Erste. Die Zahl der schwerwiegenden Fälle und Todesfälle – jetzt insgesamt über 1.100 – ist im Vergleich zu anderen Ländern trotz hoher positiver Testzahlen nach wie vor relativ gering. Die überwältigende Mehrheit der Coronavirus-Fälle in Israel ist asymptomatisch. Und obwohl die Regierung damit begonnen hat, die Regeln des Lockdown festzulegen, wurden offenbar keine quantitativen Ziele und Vorgaben für die Wiederöffnung des Landes gemacht.

Am Montag, dem Morgen nach der Pressekonferenz, sagte Chezy Levy, derzeitiger Generaldirektor des Gesundheitsministeriums: „Wir würden gerne auf 500 Fälle pro Tag kommen, aber es ist klar, dass dies jetzt nicht geschehen wird. Wenn wir einen Rückgang auf 1.000 Patienten, ein gutes Verhalten, eine geringere Sterblichkeit und gleichzeitig eine Stabilisierung des Krankenhaussystems sehen, wäre das ein positives Signal, über einen Ausstieg aus dem Lockdown nachzudenken. Dennoch ist es äusserst unwahrscheinlich, dass solche Ziele innerhalb eines Zeitrahmens von drei Wochen erreicht werden können.“

Viele Israelis haben die Risiken einer Ansteckung mit dem Virus in Kauf genommen und ein relativ normales Leben geführt. Viele weigern sich, trotz des gesetzlichen Erlasses der Regierung, Masken richtig zu tragen und fast keiner hält sich an die Empfehlungen zur sozialen Distanzierung. Das liegt nicht in der DNA der Israelis, die seit langem daran gewöhnt sind, sich in einem ziemlich kleinen Land zusammen zu bewegen.

Jetzt, wo die Fallzahlen in die Höhe schiessen, haben einige Ärzte und Krankenhausverwalter die rote Flagge gehisst und erklärt, dass das medizinische System zusammenzubrechen drohe, wenn die Patientenzahlen nicht drastisch reduziert werden. Dies ist jedoch keineswegs eine übereinstimmende Meinung. Viele ihrer Kollegen, darunter auch die Leiter der Coronavirus-Stationen führender Krankenhäuser, haben nachdrücklich erklärt, dass das medizinische System nicht am Rande eines Zusammenbruchs steht und dass eine erneute Abriegelung auf lange Sicht wenig zur Eindämmung der Pandemie beitragen wird.

Lockdown wird die Wirtschaft Milliarden kosten

Die drastische Zunahme positiver Fälle steht in direktem Zusammenhang mit einer dramatischen Zunahme der Tests, während der Prozentsatz positiver Fälle konstant bei etwa 9 Prozent bleibt. Vor weniger als einem Monat führte Israel noch weniger als 20.000 tägliche Tests durch und hatte etwa 1.800 neue Fälle. Heute führt Israel 45.000 Tests pro Tag durch, und die Zahl der positiven Fälle ist entsprechend gestiegen.

In der Zwischenzeit ist der Prozentsatz schwerer Infektionen und Todesfälle im Vergleich dazu stetig gesunken.

Einige führende Ärzte haben behauptet, dass die Gesamtzahl der Fälle, die seit Beginn der Pandemie auf über 150.000 angestiegen ist (aktive Fälle liegen unter 40.000), tatsächlich neun- bis zehnmal höher sein könnte als die nach serologischen Antikörpertests gemeldete Zahl. Sie argumentieren, dass Israel sich wahrscheinlich dem Scheitelpunkt der Kurve nähert und nicht weit von den Anfängen der Herdenimmunität entfernt ist.

Darüber hinaus schätzt das Finanzministerium, dass ein Lockdown die Wirtschaft Milliarden kosten wird.

Und unabhängig davon, was die Israelis über die Gefahren des Coronavirus im Vergleich zu den Gefahren einer Abriegelung denken, scheinen sich viele Israelis nur darin einig zu sein, dass die Regierung die Krise falsch handhabt.

Eine Einheitsregierung, die nach drei aufeinanderfolgenden Wahlen innerhalb von 12 Monaten gebildet wurde, ohne dass eine klare rechte oder linke Koalition zustande kam, ist in etwa so dysfunktional wie jede andere Koalition in der jüngsten Vergangenheit. Minister und Knessetmitglieder streiten sich über scheinbar jedes politische Thema – zum Glück, mit der entscheidenden Ausnahme der Sicherheit. Ganz oben auf der Liste der Meinungsverschiedenheiten steht jedoch die Frage, wie man einem noch zu verstehenden Coronavirus Einhalt gebieten kann – oder auch nicht.

In den letzten Monaten haben sich die politischen Entscheidungsträger in Bezug auf Beschränkungen wegen des Coronavirus konsequent im Zickzack bewegt und sich gegenseitig überstimmt.

Gabi Barbash, ein ehemaliger Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, wurde Monate nach dem ersten Ausbruch der Pandemie vorübergehend zum Leiter der israelischen Pandemiebekämpfung ernannt, nur um noch vor dem offiziellen Beginn aus dem Amt geworfen zu werden, als klar wurde, dass seine Strategie darin bestand, die Bevölkerung einzusperren.

An seiner Stelle wurde Ronni Gamzu, ein weiterer ehemaliger Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, ernannt. In einer landesweit im Fernsehen übertragenen Ansprache bestand Gamzu darauf, dass er eine öffentliche Abriegelung nicht befürworte und dass das Virus durch vermehrte Tests und „das Durchtrennen der Infektionskette“ oder die Quarantäne derjenigen, die mit einem Träger in Kontakt kamen, eingedämmt werden könne.

Fast 1 Million Israelis in Quarantäne

Er betonte auch, dass der Weg zur Wiederherstellung des Vertrauens der Öffentlichkeit darin bestehe, klare Anweisungen zu erteilen, die logisch erklärbar sind, und sich an diese zu halten. Damals hofften die Israelis, dass sich die Krisenbewältigung stabilisieren würde. Diese Hoffnungen verwandelten sich bald in Wunschdenken.

Weitere Tests haben zu mehr bestätigten Fällen des Virus geführt, wobei die meisten Träger keine und die anderen nur leichte Symptome aufweisen. Im Rahmen der von der Regierung vorgeschriebenen Ermittlung von Kontaktpersonen wurden in den vergangenen zweieinhalb Monaten fast 1 Million Israelis in 14-tägige Quarantäne gesteckt. Die Quarantänen hatten kaum Auswirkungen. Seit Juli haben sich die Fallzahlen vervierfacht.

Erst vor zwei Wochen hat Israel nach einem Sommer, in dem Lageraktivitäten für Kinder verboten waren und der eine enorme Belastung für die Eltern darstellte, wieder die Schulen geöffnet. Unzählige Stunden von Vorbereitungen und Debatten gingen in die Frage ein, wie man Kinder isolieren könnte.

Die Öffnung war ein eklatanter Misserfolg. Es war vorhersehbar, dass eine grosse Zahl von Schülern fast sofort in Quarantäne geschickt werden musste – viele jüngere Schüler zusammen mit ihren Eltern. Eine Reihe von Schulen, einschliesslich der Schulen in kürzlich ausgerufenen „roten Zonen“, wurden bereits bis nach den Ferien zur Schliessung gezwungen.

Nun hat das israelische Kabinett beschlossen, einen dreiphasigen Lockdown-Plan anzuwenden, beginnend mit den verlängerten jüdischen Feiertagen. Dies trotz eines fehlenden Konsenses sowohl bei Ärzten als auch bei Politikern.

In der Zwischenzeit hat die Öffentlichkeit, die den Gefahren von COVID-19 lange genug ausgesetzt war, um sich auf die eine oder andere Weise ein Meinung zu bilden, in Umfragen wiederholt darauf hingewiesen, dass sie neue Abriegelungen mit überwältigender Mehrheit ablehnt.

Unternehmer, von denen viele langjährige Netanyahu-Anhänger, sind besorgt, dass sie eine weitere Abriegelung nicht überstehen könnten. Viele bekunden, sich nicht an die Schliessung zu halten. Traditionelle Juden, die an diesen Feiertagen typischerweise viel Stunden in Synagogen verbringen, werden aufgrund der Beschränkung der Teilnehmerzahl gezwungen sein, zu Hause zu beten. Die Beschränkung der Gebete verärgert insbesondere die religiöse Gemeinschaft Israels, auf die auch Netanjahu traditionell angewiesen ist, um politische Unterstützung zu erhalten.

Viel wofür Israel dankbar sein kann

Aber selbst wenn ein Lockdown bevorsteht, von aussen nach innen schauend, hat Israel noch viel, wofür es dankbar sein kann. Viele Länder sind massiv schlimmer betroffen, sowohl was die Zahl der Todesopfer als auch den Schaden für die Wirtschaft betrifft. Aber die meisten Israelis fühlen sich leider nicht so dankbar.

In diesem Moment sollten die Israelis eigentlich die Normalisierung einst verfeindeter sunnitischen arabischen Nationen – den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain – feiern und sich auf freudige Feiertage vorbereiten. Doch stattdessen sind sie zunehmend besorgt über einen Virus der sich weigert wegzugehen, über einen neuen Lockdown, über die Fähigkeit ihrer Regierung innenpolitische Angelegenheiten zu stabilisieren, und über die allgemeine mentale und emotionale Stabilität eines Landes, welches sich auf einer politischen und medizinischen Achterbahnfahrt befindet.

Alex Traiman ist Geschäftsführer und Leiter des Jerusalemer Büros von Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

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