Foto Hamada Elrasam for VOA - http://gdb.voanews.com/95876636-0433-4C81-B58C-98D6A7BE7F5C_mw1228_mh548_s.jpg, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30110380
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Vor laufender Kamera von Al Jazeera brach der frühere tunesische Präsident Moncef Marzouki in lautes Wehklagen aus. Der erschrockene Moderator entschuldigte sich und dankte ihm dann ehrerbietig für die wenigen Worte, die Marzouki zum Gedenken an den im Gerichtssaal in Kairo plötzlich verstorbenen Chef der Muslimbrüder und ehemaligen ägyptischen Präsidenten Muhammad Mursi gesagt hatte.

 

Die regierungsfreundliche Tageszeitung Yeni Þafak in der Türkei beliess es nicht bei Tränen. Chefredakteur Ýbrahim Karagül stellte Morsi’s Tod als Attentat dar und schrieb von einer Verschwörung der Regierungen Ägyptens, Saudi-Arabiens und der VAE. Er nannte sie „Killer“ im Namen der multinationalen Streitkräfte der  USA und Israels: „Diejenigen, die Christus gekreuzigt und den Propheten Mohammed aus Mekka vertrieben haben, haben auch Morsi gemartert.“ Weiter heisst es da: „Wir haben einen weiteren Märtyrer in dem Kampf verloren, der seit der Zeit Adams geführt wurde. Diejenigen, die dem Weg von Ibrahim[Abraham], Ismail, Musa[Moses], Isa[Jesus] und Mohammed folgen, die für Gerechtigkeit kämpfen und in den Reihen des Göttlichen stehen, haben den Schurken und Üblen der Welt ein weiteres Opfer dargebracht. Mohamed Morsi, der Gläubige, ein Patriot, ein guter Mann, ein Mann, der der ganzen Hässlichkeit der Welt den Rücken kehrte, ein Mann, der die Trauer von Tausenden von Märtyrern schulterte, die das Rabia-Symbol auf dem Rücken trugen, ein Mann, der Licht auf Ägyptens tausende von Jahren dunkler, grausamer Geschichte wirft, ein Mann, der Gottes Boten und ihre Botschaften gegen den Pharao, der mit Gott im Krieg war, festhielt – dieser Mann wurde zum Märtyrer gemacht.“

Während die europäischen Staaten „achselzuckend wegschauten“, wie eine Schweizer Zeitung formulierte, sprach der schiitische Iran seinem Verbündeten im Gazastreifen, der Hamas, das Beileid aus. Die palästinensischen Islamisten sind aus den ägyptischen Muslimbrüdern hervorgegangen und halten bis heute enge Kontakte, sehr zum Verdruss der aktuellen ägyptischen Regierung.

Todesursache bleibt unklar

Noch ist unklar, wie es zum plötzlichen Tod des 67 Jahre alten ägyptischen Politikers kam. Bekannt ist nur, dass er während seines Prozesses im Gitterkäfig der Angeklagten aufstand und eine leidenschaftliche Rede hielt. Dann brach er zusammen. Im Krankhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Die Todesursache bleibt unklar. Die Opposition in Ägypten redet von Folter im Gefängnis, mangelnder ärztlicher Versorgung und gar von Mord durch das jetzige Regime des Präsidenten Al-Sisi. Der Vatikan meldete, dass er ein kranker Mann gewesen und nicht ermordet worden sei.

Es gibt keinen veröffentlichten Mitschnitt seiner Rede und keinen Hinweis zu dem, was er da so erregt mitzuteilen hatte. Eine Obduktion wurde offenbar auch nicht durchgeführt, ehe seine Leiche für ein Begräbnis im kleinsten Familienkreis freigegeben wurde. Die Behörden wollten Unruhen vermeiden.

Falls die ägyptische Regierung tatsächlich die Absicht hatte, Mursi „aus dem Weg zu schaffen“, also umzubringen, fragt sich, warum sie ganze 6 Jahre gewartet hat. Das analysierten israelische Medien und schlossen allein deshalb einen Mord aus.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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