Präsident Rivlin lädt jüdische und muslimische Glaubensführer ein, um die landesweite Kluft im Muezzin-Streit zu überbrücken

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Präsident Rivlin trifft sich in seiner Residenz mit jüdischen und muslimischen Geistlichen (Bilquelle: Mark Neiman (GPO))
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Am vergangenen Dienstag begrüsste Präsident Reuven Rivlin mehrere jüdische und muslimische Glaubensführer aus Israel zu einem Treffen in seiner Residenz. Hintergrund war die öffentliche Debatte um den Muezzin-Gesetzesvorschlag.

„In unserem gemeinsamen Zusammenleben gibt es Themen, die vielen Einwohnern dieses Landes sehr am Herzen liegen. In Jerusalem führten die unterschiedlichen Stimmen des Glaubens seit jeher eine Koexistenz: die jüdischen Gebete und die Gebetsrufe der Muezzins Seite an Seite mit den Glocken der christlichen Kirchen. Ich bin der Sohn eines Mannes, der den Koran übersetzt hat und sich an die religiösen Gebote der Juden hielt und ich erkenne durchaus, dass wir uns auf einem schmalen Grat bewegen“, so Präsident Rivlin zu den Versammelten.

„Ich habe Sie darum gebeten, zusammenzukommen und miteinander zu reden, damit wir sehen, ob es eine Möglichkeit gibt, diesen schmalen Grat trotz aller Konflikte zu beschreiten. Mein Grundgedanke war, dass ein solches Treffen möglicherweise einen Einfluss auf die gesamte Öffentlichkeit haben könnte und dass es eine Schande wäre, wenn ein Gesetz erlassen würde, das die Glaubensfreiheit einer bestimmten Gruppe von uns zum Thema hat. Vielleicht können die Stimmen, die wir heute hören, dazu genutzt werden, den Weg zu ebnen.“

Rabbi Aryeh Stern, der askenasische Oberrabbiner von Jerusalem, sagte in seiner Rede vor den Teilnehmern des Treffens: „Ich sehe tatsächlich die Notwendigkeit eines gemeinsamen Aufrufs zum Dialog, der allerdings von den höchsten jüdischen und muslimischen Glaubensinstanzen im Land ausgehen sollte. Diese werden vielleicht in der Lage sein, der Verabschiedung eines solchen Gesetzentwurfes den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ich bin der Meinung, es sollte ein gemeinsamer Aufruf sein, der einerseits die Rechtsvorschrift selbst stoppen wird und sich andererseits jenen Bereichen widmet, in denen die Lautstärke des Muezzins ein Problem darstellt.“

Der Vorsitzende des Islamischen Scharia-Gerichts, Scheich Abdel al-Hakim Samara, betonte: „Mit einer Vereinbarung und einer Aussprache können wir überall dort Lösungen erreichen, wo die Lautsprecher ein Problem sind. Wenn das Gesetz verabschiedet wird, ohne dass wir versucht hätten, das Problem durch Gespräche zu lösen, würde dies bei uns das Gefühl hinterlassen, dass unsere Freiheiten gefährdet sind. Lösungen können auch erreicht werden, ohne dass die Drohung des Gesetzes über unseren Häuptern schwebt. Wir alle stimmen darin überein, dass die Lautstärke in problematischen Bereichen verringert werden muss und wir werden entsprechend handeln, auch ohne das Gesetz.“

Rabbi Yosef Yashar, Oberrabbiner von Akko, berichtete von den Erfahrungen des Zusammenlebens in seiner Stadt und sagte: „Ich will Ihnen die Geschichte von Akko erzählen – einer Stadt, in der Araber und Juden faktisch zusammenleben. Seit Jahren betreiben wir Feldforschung auf dem Gebiet des Dialogs. Dieser Weg hat sich bewährt. Das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt, aber wir reden miteinander. Kann ich sagen, dass es einfach ist? Nein, das ist es nicht. Kann ich sagen, dass es keinen Hass gibt? Nein, es gibt Hass. Aber wir reden miteinander. Wir halten Kontakt. Ich mache keine Zionisten oder Juden aus ihnen und auch umgekehrt geschieht nichts dergleichen. Der Dialog aber hat sich bewährt. Auch bei uns gab es Provokationen in der Form, dass die Lautstärke aus Trotz oder als Herausforderung erhöht wurde. Aber wir haben Gespräche geführt, wir haben die Probleme erkannt und sie gelöst. Das Problem kann durch den Dialog gelöst werden und ich lade jeden ein, uns zu besuchen und vor Ort zu sehen, wie das vor sich geht. Der Dialog ist machtvoller als Rechtsvorschriften. Auch wir haben nach wie vor Probleme, die aus dem Zusammenleben entstehen, aber sie werden nicht durch Gesetze gelöst werden.“

Scheich Mohammed Ciooan, Leiter der rund 400 Imame zählenden Imamvereinigung, sagte zu den Teilnehmern: „Menschliche Würde sollte unsere Richtschnur sein. Wir werden übereinander wachen. Wir sind miteinander verbunden, ob wir es wollen oder nicht und ich hoffe, wir können durch Gespräche und ohne solche Gesetze zu einer Einigung gelangen. Wir haben bereits öffentlich dazu aufgerufen, die Lautstärke in allen betroffenen Gemeinden zu verringern. Für uns wird es schwierig sein, ein solches Gesetz zu akzeptieren und damit umzugehen. Wir haben ein Schicksal und eine Zukunft. Daher werden wir weiterhin daran arbeiten, dieses Problem durch unsere Gemeinschaften zu korrigieren. Wir werden Techniker beauftragen, alles zu überprüfen und werden alle Gläubigen dazu aufrufen, sich für Rücksichtnahme einzusetzen und die Lautstärke überall dort, wo sie ein Problem darstellt, zu verringern.“

Quelle: GPO

2 KOMMENTARE

  1. Nun wird von muslimischer Seite versucht, dem Gesetzesvorhaben Zustimmung in der Knesset
    zu entziehen, indem wirksame Selbstkontrolle angeboten wird.

    Natürlich ist es gut, wenn die betroffenen Parteien sich an einen Tisch setzen,
    aber eine freiwillige Selbstkontrolle der Muslime wird sich als Irrweg erweisen.

    Auch Bürger haben Rechte – unteilbare Rechte!
    Das Recht auf eine relative Ruhe in den eigenen vier Wänden gehört dazu.
    Auf diesem Recht wurde lange, ausgiebig und genußvoll herumgetrampelt.
    Hier sei an die Beerdigung von Hallel Ariel erinnert – außerhalb der Gebetszeiten drehte
    zum Zeitpunkt der Beerdigung die lokale Moschee ihre Anlage bis zum Anschlag auf.

    Es hätte jahrelang die Möglichkeit bestanden, sich selber freiwillig zu kontrollieren und damit
    einem möglichen Gesetzesvorhaben die Grundlage zu entziehen.
    Aber es war Wunsch und Wille der Muslime, dass auch möglichst der letzte Pinguin am
    Südpol erfahren sollte, dass niemand größer als Allah ist.

    Der Staat hat einfach kein Recht, das unteilbare Recht der Bürger auf eine Privatsphäre
    in den eigenen vier Wänden mit Interessenten von außerhalb zu teilen.
    Man muss als Bürger das Recht haben, notfalls ein Verwaltungsgericht anzurufen und
    klären zu lassen,
    ob fünfmal täglich (und nächtens!) ein auditiver Tsunami durch das eigene Wohnzimmer
    rauschen darf.
    Eine „freiwillige Selbstkontrolle“ kann kein Bürger vor einem Verwaltungsgericht einklagen!

  2. Sehr gute Idee des israelischen Präsidenten Ruven Rivlin. Eine wunderbar pragmatische Vorgehensweise. Denn es geht hier nicht um ein Verbot einer Religionsausübung sondern lediglich um eine (dezibelbezogene) störende akustische Beschallung. Mit etwas gutem Willen ist eine unspektakuläre Lösung möglich – was bestimmten Kreisen natürlich nicht gefällt.

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