Shimon Peres in Jerusalem am 22. April 2013. Foto Erin A. Kirk-Cuomo
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Shimon Peres, einst Prügelknabe politischer Rivalen, ideologischer Erzfeinde und gesellschaftlich Unzufriedener, ist endlich beliebt.

Während sich der 93-jährige von einem schweren Schlaganfall erholt, wird der ehemalige Präsident, Premierminister, Verteidigungsminister, Aussenminister und Finanzminister des jüdischen Staates mit Blumensträussen, E-Mails und liebevollen Briefen aus praktisch allen Ecken der israelischen Gesellschaft überschüttet – obwohl er mehr als ein halbes Jahrhundert lang so umstritten war, wie seine Errungenschaften legendär.

Peres’ Karriere ist auf der ganzen Welt einzigartig.

In den 66 Jahren, in denen er ununterbrochen öffentliche Ämter bekleidete, schaffte es Peres vom Beamten zum Politiker und schliesslich zum Staatsmann – gleichzeitig aber auch von Brillanz über Tragik zu Zuspruch.

Seine Brillanz zeigte sich schon früh, als Peres von David Ben-Gurion beauftragt wurde, die Marine und Luftwaffe des neu gegründeten Staates aufzubauen. Mit 30 wurde er Generaldirektor des Verteidigungsministeriums. Peres blieb weitere zwölf Jahre im Zentrum des militärisch-industriellen Komplexes – auch, nachdem Ben-Gurion ihn 1959 zum stellvertretenden Verteidigungsminister machte.

Peres‘ kraftvolle Mischung aus Vision und Provokation trat schon damals zutage. Einerseits baute er die Militär- und Flugzeugindustrie Israels, die heute Raketen, Panzer, Flugzeuge und Satelliten produziert, damals aber noch keine einzige Waffe hergestellt hatte, aus dem Nichts auf. Andererseits handelte er hinter dem Rücken des Aussenministeriums ein umfangreiches Waffenabkommen mit Frankreich aus.

Dieser bahnbrechende Vertrag modernisierte die noch jungen israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) und ermöglichte entscheidende Siege in zwei Kriegen, doch er säte auch Misstrauen bei der damaligen Aussenministerin Golda Meir.

Dasselbe Muster wiederholte sich beim Bau von Israels erstem Atomreaktor – eine geheime Operation, die weitgehend von Peres konzipiert und geleitet wurde. Kaum jemand wusste etwas von dem Reaktor, bis Ben-Gurion auf dramatische Art und Weise seine Fertigstellung verkündete.

In solche Geheimnisse eingeweiht und mit der persönlichen Unterstützung von Ben-Gurion zog Peres ins Parlament ein, ohne sich von der Kommunalpolitik hocharbeiten zu müssen und ohne jemals ein Hinterbänkler gewesen zu sein. Der Preis, den er für diese Abkürzung zahlte, war ein hoher.

1. Mai 1961, von rechts nah links: Moshe Dayan, Shimon Peres, Levy Eshkol, Ben-Gurion, Tzvi Zur and Asher Ben-Nathan. Foto PD
1. Mai 1961, von rechts nach links: Moshe Dayan, Shimon Peres, Levy Eshkol, Ben-Gurion, Tzvi Zur and Asher Ben-Nathan. Foto PD

Als Perez 1977 die Führung der abgewählten Arbeitspartei Awoda übernahm, befand er sich in der undankbaren Position eines Verteidigers, Symbols und Blitzableiters einer fallenden Elite.

In einer Zeit, zu der sich Menachem Begin bei der zweiten Einwanderergeneration aus dem Nahen Osten beliebt machte, wurde Peres zu deren Antichrist, obwohl er nichts mit ihrer wahrgenommenen Diskriminierung in der 1950er-Jahren zu tun hatte. Die Errungenschaften von Peres als Technokrat verblassten gegenüber dem charismatischen Begin und seinem Talent als Redner. In einem besonders bezeichnenden Moment musste der Mann, der eine so zentrale Rolle beim Aufbau der IDF gespielt hatte, von einer Wahlkampfveranstaltung weggebracht werden, weil Zwischenrufer ihn mit verfaulten Tomaten und Eiern bewarfen.

Während der Likud ein Anziehungspunkt für alle war, die sich vom altgedienten Establishment vernachlässigt fühlten – die Arbeiterklasse, die Ultra-Orthodoxen, die modernen Orthodoxen, Kleinunternehmer und auch Grossindustrielle – konnte Peres keine einzige Wahl gewinnen, selbst nachdem der Likud das Land 1984 in eine schwere Wirtschaftskrise geführt hatte. Immerhin erzielte Peres in diesem Wahljahr eine Stimmengleichheit und wurde somit Premierminister einer Grossen Koalition.

Es sollte seine Sternstunde werden.

Aufgrund einer Inflationsrate von 415 % erlegte Peres – zu diesem Zeitpunkt bereits 61 Jahre alt – Politikern, Gewerkschaften und Arbeitgebern einen strengen Sparplan auf, mit dem die Inflation schnell besiegt werden konnte und der die israelische Wirtschaft vom Beinahe-Bankrott zu Stabilität, Wachstum und Wohlstand führte.

„Ein Retter der Nation.“

Peres‘ Plan – massive und sofortige Etatkürzungen, eine vollständige Abschaffung von Subventionen, ein Einstellungsstopp und Einfrieren der Löhne im öffentlichen Sektor, die Illegalisierung des Gelddruckens zum Ausgleich von Defiziten und die Übertragung der geldpolitischen Verantwortung vom politisch gesteuerten Schatzamt zur unpolitischen israelischen Zentralbank – wurde zu einem allgemein anerkannten Modell für politisch-wirtschaftliche Führung.

Peres wurde nun das, was er vorher niemals war: ein Retter der Nation. Durch diesen Rückenwind gestärkt nahm der Mann, der einige der ersten Siedlungen im Westjordanland gebaut hatte, sein nächstes Projekt in Angriff: Frieden. Diese Entscheidung sollte ihn für den Rest seiner Karriere verfolgen.

Peres‘ ursprüngliches Ziel war es nicht, mit Yasser Arafat, sondern mit dem jordanischen König Hussein Frieden zu schliessen. Als Aussenminister in der Regierung von Yitzhak Shamir – infolge einer Rotationsabsprache zwischen den beiden – traf Peres während eines geheimen Treffens in London eine vorläufige Vereinbarung mit Hussein. Doch er bekam keine Unterstützung von Shamir.

Peres behandelte Shamir genauso wie Golda Meir in den 1950ern und hoffte, die Aussicht auf Frieden würde die Wähler vom Likud zur Awoda treiben. Doch Hussein bestätigte nie öffentlich, dass er Frieden wollte. Daher verlor Peres 1988 die Wahl und anschliessend auch die Führung der Arbeitspartei – an Yitzhak Rabin.

Das darauf folgende Oslo-Abkommen mit Yasser Arafat, das Peres als Rabins Aussenminister unterzeichnete, verstärkte den Widerstand ihm gegenüber noch weiter, während vor und nach der Ermordung Rabins der Terror wütete. Peres erhielt den Friedensnobelpreis, verlor jedoch die Wahl im Jahr 1996 an Benjamin Netanyahu.

Peres’ Rückkehr als Aussenminister von Ariel Sharon änderte nichts an der allgemeinen Situation. Frieden war unerreichbar und Peres bei einem Grossteil der Wähler unbeliebt. Das änderte sich erst im Alter von 84 Jahren, als Peres unerwartet Präsident wurde.

Mit seiner Weisheit und seinem sicheren Auftreten stellte Peres den guten Ruf des Präsidentenamtes wieder her. Dieses war durch seinen Vorgänger, Moshe Katsav, der wegen diverser Sexualstraftaten im Gefängnis gelandet war, stark beschädigt worden. Nebenbei wurde der endlich besänftigte und umgängliche Peres – der letzte Vertreter der Gründergeneration Israels und der Mann, der einst von Tausenden gehasst worden war – zum allgemein verehrten letzten Mohikaner der zionistischen Revolution und zum Grossvater der gesamten israelischen Gesellschaft.

Endlich verkörperte Peres den Konsens, dem er sich lange widersetzt hatte und gewann das, was er einst verunglimpft, dann begehrt und selten gespürt hatte: die Liebe des Volkes.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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