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These: Israel verkörpert den Westen stärker als die meisten Länder der westlichen Welt

Israel, seit 2010 Mitglied der OECD, ist ein moderner demokratischer Staat, ein Land voll jugendlicher Energie. Der Westen wurde zu dem, was er heute ist, durch den Geist kritischer Rationalität und durch eine Kultur der Selbstkritik. Diese Kultur ist in Israel lebendiger als anderswo. Kontroversen werden nicht als Störung gesellschaftlicher Harmonie, sondern als Lebenselixier einer offenen Gesellschaft empfunden.

Hinzu kommt die für das Judentum charakteristische Überzeugung, dass der Mensch nicht willenloses Objekt des Schicksals oder finsterer Verschwörungen ist, sondern persönliche Verantwortung trägt für die Welt, in der er lebt. Kurzum, Israel hat mehr Potenzial als die meisten anderen Länder, sich in vergleichsweise kurzer Zeit neu zu erfinden.

Israel ist ein Einwanderungsland – polyglott, multikulturell und integrativ. Intensive Vernetzung mit der jüdischen Diaspora weltweit ermöglicht es den Israelis, Patriotismus und Weltbürgertum problemlos miteinander zu verbinden. Der innerisraelische Pluralismus beweist, dass „Einheit in Vielfalt“ keine hohle Phrase ist.

Natürlich erzeugt die ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt in Israel enorme gesellschaftliche Spannungen – aber sie verhindert nicht, dass Israel vom World Happiness Report 2013 des UN Sustainable Development Solutions Network sehr hoch eingestuft wird: auf Platz 11 von 156; Deutschland schafft es dagegen nur auf Platz 26. [Redaktion: Der Schweiz steht auf Platz 3.]

Aus israelischer Sicht sind europäische Debatten über die Zulässigkeit des Schächtens von Tieren oder der Beschneidung Neugeborener ein Symptom dafür, dass das (elementar zum Westen gehörende) Recht auf Gruppendifferenz in einer zunehmend homogenisierten EU als Störfaktor gilt.

In der Vergangenheit war der Umgang mit der jüdischen Minderheit der Lackmustest für die Liberalität und Humanität einer Gesellschaft. Aus israelischer Sicht fällt Europa immer häufiger durch diese Prüfung. Jede Polizeistreife vor einem streng gesicherten jüdischen Gemeindezentrum zeigt, weshalb es Israel als jüdischen Staat, als Nationalstaat des jüdischen Volkes geben muss.

Ein bedeutsamer Wesenszug des Westens ist das gemeinsame Handeln, nicht zuletzt durch Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit gegenüber Feinden. Neutralismus und „Ohne mich“-Pazifismus sind Symptome der Distanz zum Westen Israel sind solche Haltungen fremd. Es macht die Welt immer wieder auf die hegemonialen Bestrebungen des Iran aufmerksam und hat auf diese Weise bewirkt, dass der Bau einer iranischen Nuklearwaffe bislang verhindert werden konnte. Übrigens teilen alle sunnitischen Staaten der Region Israels Position zum Iran; sie haben jedoch nichts dagegen, dass der ungeliebte zionistische Nachbar auch für sie die Kastanien aus dem Feuer holt.

Antithese: Israel entfernt sich immer weiter vom Westen

Viele meinen, Israel werde „immer orientalischer“ – und, seit der Zuwanderung von rund einer Million Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, „immer russischer“. Richtig daran ist, dass die ursprünglich von Aschkenasim geprägte säkular-sozialdemokratische Leitkultur des Landes sich seit dem Wahlsieg von Menachem Begin 1977 auf dem Rückzug – und mittlerweile in einer wohl dauerhaften Minderheitenposition – befindet.

Ein Indikator dafür ist das Zahlenverhältnis zwischen Aschkenasim und Mizrachim (aus Nordafrika und dem Nahen Osten stammenden Juden). Laut dem Demokratie-Index 2013 des Israel Democracy Institute definieren sich heute rund 22 Prozent der israelischen Juden als Aschkenasim und rund 49 Prozent als Mizrachim. Während in den meisten Ländern des Westens die Säkularisierung voranschreitet, gewinnt Religion in Israel immer weiter an Bedeutung.

Israel definiert sich als „jüdischer und demokratischer“ Staat. Seit Jahren fragt das Israel Democracy Institute, welches dieser beiden Elemente wichtiger sei. 2013 antworteten 37 Prozent der jüdischen Befragten, beides sei ihnen gleich wichtig; rund 32 Prozent gaben dem Merkmal „jüdisch“, rund 29 Prozent dem Merkmal „demokratisch“ den Vorzug.

Von den meisten westlichen Ländern unterscheidet sich Israel auch im Blick auf die recht lockeren Standards politischer Korrektheit. Das kann etwas erfrischend Unverkrampftes haben. Problematisch ist allerdings, dass Politiker, die sich radikalnationalistisch, fremdenfeindlich und diskriminierend äussern, keiner gesellschaftlichen Ächtung anheimfallen.

Ein israelisches Wegdriften vom Westen würde auf Dauer nicht dadurch verhindert werden, dass die ökonomischen Bindungen Israels an Europa und Nordamerika nach wie vor sehr stark sind. Israel geniesst in Asien hohes Ansehen als Grossmacht in den Naturwissenschaften, der Informations- und Biotechnologie, der Entwicklung neuartiger Waffensysteme sowie High-Tech-Verfahren, etwa der landwirtschaftlichen Bewässerung oder der Meerwasserentsalzung. Obwohl es noch nicht über nennenswerte Bodenschätze verfügt (erst vor Kurzem wurden grosse Erdgasvorkommen vor seiner Küste entdeckt), behauptet es sich dank des Erfindungsreichtums seiner Menschen glänzend in der globalen Ökonomie.

Unter Präsident Barack Obama haben die Vereinigten Staaten viel in Israel von ihrem Ansehen verloren, und Europa gilt sicherheits- und verteidigungspolitisch als unbedeutsam.  Warum also nicht auf die eigenen Stärken und Partner setzen, die einen nicht ständig mit westlicher Menschenrechtsrhetorik nerven?

Synthese: Israel ist eine Brücke zwischen West und Ost

Israel ist ein kleiner, aber besonders wichtiger Teil des Westens – und es ist ein kleiner, aber besonders wichtiger Teil der Region Nahost- Nordafrika. Die Beilegung des israelisch-palästinensischen Konflikts durch eine Zwei-Staaten-Lösung ist auch deshalb so wünschenswert, weil sie den Weg zu einer Normalisierung der Beziehungen Israels zu seinen arabischen Nachbarn – und damit zur Integration Israels in die Region – ebnen würde.

Israel ist ein gesellschaftliches und kulturelles Laboratorium, in dem neue Formen des Zusammenlebens von West und Ost erprobt werden, zum Vorteil beider Seiten. Hier wächst eine junge Generation heran, die den alten kulturellen Gegensatz zwischen westlichen und orientalischen Juden hinter sich lässt und mit grosser Weltgewandtheit die künftige Rolle Israels als Global Player verbürgt. Dieses kosmopolitische Israel ist ein attraktiver Partner für viele – und der Westen hat allen Grund, auf dieses recht eigensinnige, aber überaus wertvolle Familienmitglied stolz zu sein.

Kurzfassung der Originalversion: Kosmopolitisch und eigensinnig; Drei Thesen zu Israel und dem Westen von Michael Mertes © Konrad-Adenauer Stiftung, Die Politische Meinung, Nr. 523, November/Dezember 2013.