Die Schweizer Medien sehen nach der Knesset-Wahl ein Land ohne klaren Sieger. Im Zentrum der Kommentare stehen drei Themen: Netanjahu habe zwar seine Mehrheit verloren, stehe aber besser da als erwartet. Die arabischen Parteien seien die eigentlichen Gewinner und würden zu Königsmachern. Und die Opposition um Gadi Eisenkot stecke in einem selbst geschaffenen Dilemma, weil sie eine Zusammenarbeit mit eben diesen Parteien ausgeschlossen hat.
Deutschschweiz
NZZ
Die NZZ kommentiert unter dem Titel «Wahlen in Israel: Das Patt ist für Netanyahu wie ein Sieg – der Wandel muss warten». Christian Weisflog erinnert daran, dass fast alle Umfragen seit Monaten einen Sieg Eisenkots vorausgesagt hatten. Nun sei es anders gekommen. Netanjahu habe die Regierungsmehrheit verpasst, lande aber einen Sieg nach Punkten. Eisenkot und seine heterogene Koalition von Mitte-rechts bis Mitte-links hätten einen Wandel versprochen, die Demokratie bewahren und die Aushöhlung der Justiz beenden wollen. Doch sie seien weiter von einer Mehrheit entfernt als Netanjahus bisherige Koalition. Eine Regierung ohne den «ewigen Ministerpräsidenten» sei kaum möglich, ein Zwischentitel bringt es auf den Punkt: «Nur Araber führen an Netanyahu vorbei». Für Netanjahu selbst wäre eine grosse Koalition mit Eisenkots Partei oder anderen Teilen der Opposition der naheliegendste Ausweg.
Korrespondent Johannes C. Bockenheimer berichtet aus Tel Aviv unter dem Titel «Benjamin Netanyahu gewinnt wohl die Wahl, aber verliert seine Mehrheit» (hinter der Bezahlschranke). Netanjahu habe noch einmal alles aufgeboten, seine Warnungen seien gegen Ende immer schriller geworden, bis hin zur Andeutung eines «zweiten Holocaust» mit dem Bild einer Atomexplosion über Tel Aviv.
SRF
SRF stellt seine Analyse unter den Titel «Die arabischen Parteien gewinnen – Eisenkot ist in der Zwickmühle». Christina Brun spricht von einer Wahlnacht mit zwei Siegern, zumindest nach eigener Darstellung. Die eigentlichen Gewinner seien aber die arabischen Parteien. Viele arabische Israelis seien an die Urnen gegangen, um Netanjahu und «seine zum Teil rechtsextremen Partner» abzuwählen. Der Erfolg habe jedoch eine Kehrseite: Ohne die arabischen Parteien komme Eisenkot nicht auf eine Mehrheit, mit ihnen regieren wolle er nicht, und selbst eine von ihnen geduldete Minderheitsregierung lehne sein Partner Avigdor Lieberman ab. Die Opposition stecke damit in einem Dilemma, das sie selbst geschaffen habe. Ob die Israelis Netanjahu tatsächlich abgewählt hätten, zeige sich erst bei der Auszählung, an der Sperrklausel und an der Frage, ob die Opposition ihr eigenes Tabu breche. Bis dahin bleibe Netanjahu als Übergangspremier im Amt.
Tages-Anzeiger
Der Tages-Anzeiger bringt ein Interview mit «Tachles»-Chefredaktor Yves Kugelmann unter dem Titel «Jetzt ist in Israel eine arabisch-jüdische Koalition möglich» (hinter der Bezahlschranke). Kugelmann erklärt, warum Israel nach dem knappen Ausgang rasch eine Lösung brauche, wie sie aussehen könnte und was die Pattsituation für die Palästinenser bedeute. Netanjahu habe eine «Situation der Verhärtung und Gewalt» geschaffen, die keine Lösung, sondern nur weitere Kriege bringe.
Blick
Der Blick berichtete in der Nacht unter dem Titel «Netanyahu verliert Mehrheit – schwierige Regierungsbildung». Die arabischen Parteien könnten zum Zünglein an der Waage werden. Am Mittag legte der Blick mit einem Blick+-Artikel nach: «In Israel droht das totale Macht-Puff – massive Auswirkungen möglich». Chiara Schlenz entwirft drei Szenarien. Im ersten wagt Eisenkot den «historischen Tabubruch» mit den arabischen Parteien, wobei er von ihnen verlangt, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen und die Hamas als Terrororganisation zu verurteilen. Ein Machtwechsel könnte den Siedlungsbau bremsen, doch Eisenkot sei ehemaliger General, kein Friedensaktivist. Im zweiten verliert der «politische Überlebenskünstler» Netanjahu und gewinnt über eine Neuwahl doch, indem er sie als Entscheid zwischen einer starken rechten Regierung und einem von arabischen Parteien abhängigen Bündnis darstellt. Im dritten versinkt Israel in einer Blockade, und Netanjahu könnte bei einem neuen Krieg gegen Iran «als Krisenmanager» auftreten.
20 Minuten
20 Minuten bringt ein Interview mit Ofer Waldman, Leiter des Tel-Aviver Büros der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung, unter dem Titel «Nach 7. Oktober schienen seine Tage gezählt – sie sind es nicht». Waldman spricht von einem «Morgen voller Widersprüche»: Die Koalition des 7. Oktobers sei abgewählt, der Likud aber stärkste Kraft geblieben. Für Netanjahu sei das keineswegs eine Klatsche, sondern eine politische Leistung, die man anerkennen müsse. Gewirkt habe seine Botschaft «rechts oder Palästina» und eine «Wagenburgmentalität» seiner Wähler, die medial in einer Parallelwelt lebten. Die Weigerung grosser Teile der Opposition, mit den arabischen Parteien zu koalieren, führt Waldman auf «Rassismus» etwa bei Avigdor Liebermans Partei zurück. Die arabischen Parteien seien deshalb «das Zünglein an einer gebrochenen Waage». Das Leid in Gaza habe im Wahlkampf «null» Rolle gespielt, was er mit der Traumatisierung der Gesellschaft durch den 7. Oktober erklärt.
watson
watson fasst die Lage in einer Übersicht unter dem Titel «In Israel zeichnet sich ein Patt ab – diese 6 Punkte sind jetzt wichtig» zusammen (Michael Kern). Ausgerechnet die arabischen Parteien könnten über Israels nächste Regierung entscheiden. watson zitiert Netanjahus Rede, in der er die arabischen Parteien als «antizionistisch» bezeichnete, Trump für die Unterstützung gegen Iran dankte und mit den Worten schloss: «Hab keine Angst, Israel, hab keine Angst. Der Löwe wird brüllen.» Eisenkot dagegen sehe die Wahl als «Volksbefragung über die künftige Führung Israels» und nenne drei Bedingungen für eine Koalition: Anerkennung Israels als jüdischer und demokratischer Staat, Wehrdienst auch für Ultraorthodoxe und die Zerschlagung der Hamas.
CH Media
Die CH-Media-Titel, darunter die Aargauer Zeitung und die Luzerner Zeitung, titeln «Israel hat gewählt – und könnte schon bald wieder wählen müssen» (Joëlle Weil und Fabian Hock). Der Beitrag spielt sechs Szenarien durch: Netanjahu bleibt an der Macht, eine grosse Koalition mit Netanjahu, eine grosse Koalition ohne ihn, falls sich im Likud Widerstand gegen den Parteichef formiert, ein Bündnis gegen Netanjahu nach dem Motto «Hauptsache ohne Bibi», eine von arabischen Parteien gestützte Minderheitsregierung Eisenkots oder Neuwahlen. Die Minderheitsregierung sei politisch heikel, weil vor allem die rechten Parteien in Eisenkots Lager die Haltung der arabischen Parteien zum jüdischen Staat und zur Sicherheit Israels kritisch sähen.
Westschweiz
Le Temps
Le Temps titelt «En Israël, la minorité arabe devrait percer à la Knesset et le camp de Benyamin Netanyahou perdre la majorité» (hinter der Bezahlschranke). Nina Schretr beginnt mit dem Satz, nun sei die arabische Minderheit auf die Bühne getreten. Sie stützt sich auf die linke Zeitung «Haaretz», wonach deren Beteiligung beispiellos gewesen sei, und sieht die arabischen Parteien Ra’am und Gemeinsame Liste als mögliche Königsmacher. Die Zeitung deutet das Ergebnis als Schwächung des Likud zugunsten der Opposition und der arabischen Parteien.
24 heures
24 heures titelt «Netanyahou: pourquoi l’impasse électorale fait son affaire» (Andrés Allemand, hinter der Bezahlschranke) und lässt Professor Cyrus Schayegh die Lage deuten. Die Kernaussage im Titel: Netanjahu sei es gelungen, im Zentrum der israelischen Politik zu bleiben. Die hohe Wahlbeteiligung habe der Opposition nicht wie erwartet genützt, ein Bündnis der Opposition mit den arabischen Parteien sei sehr unwahrscheinlich, und ein neuer Krieg gegen Iran würde Netanjahus Stellung weiter festigen.
Tessin
RSI
RSI titelt «Elezioni in Israele, testa a testa tra Netanyahu ed Eisenkot» und fasst die Lage so zusammen: kein Sieger. Netanjahu habe in einer ungewöhnlich kurzen Rede eine starke rechte Regierung gefordert, die jüdische und zionistische Mehrheit zur Einigkeit aufgerufen und seinen Rivalen mit keinem Wort erwähnt. Er habe eine Regierung mit Unterstützung arabischer Parteien kategorisch ausgeschlossen, nach einem Wahlkampf unter dem Slogan «Die Rechte oder Palästina». RSI zitiert Ra’am-Chef Mansour Abbas, der Netanjahus Lager eine schwere Niederlage attestiert und sich bereit erklärt, mit Eisenkot zusammenzuarbeiten. Die Politologin Ilana Shpaizman sieht für Netanjahu keine Chance auf eine Regierung. Eisenkot müsse entweder mit den arabischen Parteien regieren oder eine Minderheitsregierung bilden, zwei Wege, die die Opposition bisher ablehnte.
Corriere del Ticino
Der Corriere del Ticino stellt in seinem Liveticker Netanjahus Satz «Der Likud ist die grösste Partei Israels» an den Anfang. Netanjahu wirft darin den Medien «Propaganda» vor, die seine Wähler habe entmutigen wollen, und ruft zu einer breiten rechten Regierung auf, um eine von arabischen Parteien gestützte Regierung zu verhindern. Die Zeitung gibt zudem einen anonymen Funktionär der Terrororganisation Hisbollah wieder, der gegenüber der Agentur ANSA erklärt habe, der Wahlausgang ändere für seine Organisation nichts.
Stand: Mittwoch, 28. Oktober 2026, 14 Uhr.

























Noch ist das letzte Wort bei den Wahlen in Israel nicht gesprochen, aber die Schweizer Medienberichterstattung offenbart in weiten Teilen bereits jetzt eine massive Verwechslung von eigener politischer Präferenz und machtpolitischer Realität.
Der blinde Fleck, der konsequent ignoriert wird, sind die «doppelten Umschläge». Die noch fehlenden Stimmen der Soldaten, Diplomaten und Gefangenen machen traditionell 6 bis 8 Prozent des Gesamtergebnisses aus. Die Stimmen der IDF-Soldaten – insbesondere aus den Kampfeinheiten – tendieren massiv ins rechts-nationale Lager. Es ist eine historische Gesetzmässigkeit israelischer Wahlen, dass der Likud und seine Verbündeten bei der Endauszählung Mandate hinzugewinnen. Wer bei 85 Prozent Auszählungsstand ein finales Urteil über die Blockmehrheiten fällt, ignoriert die Demografie und Stimmungslage innerhalb der israelischen Armee nach dem 7. Oktober schlichtweg.
Auch die Stilisierung arabischer Parteien zu «Königsmachern» bleibt eine rein europäische Illusion. Das ist Arithmetik ohne jeden politischen Realitätssinn.
Die NZZ und 24 heures fassen als einzige die strategische Realität korrekt zusammen: Ein Patt ist unter diesen Umständen ein massiver Sieg für Benjamin Netanjahu. Seine Ausgangslage ist exzellent. Bis eine neue Regierung steht, bleibt er mit allen exekutiven Befugnissen als Übergangspremier im Amt und steuert das Land im Krieg de facto allein.
Was viele Kommentatoren in Europa zudem nicht begreifen: Die parteipolitische Zusammensetzung der neuen Regierung ist primär innenpolitisch von Bedeutung. Aussenpolitisch wird der Staat auf die ständige existenzielle Bedrohung exakt gleich reagieren – völlig unabhängig davon, ob der Premier Netanjahu, Eisenkot oder Bennett heisst. Das war selbst zu Zeiten so, als die Arbeiterpartei das Land regierte.
Deshalb kann ich in der Schweiz in aller Ruhe Tee trinken und die Entwicklung abwarten. Und wenn am Ende einige europäische Redaktionen enttäuscht auf die Regierungsbildung in Jerusalem reagieren, dann weiss ich: Auf diese israelische Regierung ist Verlass.