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Mailands Juden im europäischen Krawallherbst

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Forderung nach einem «Ende des Zionismus» an einer Pro-Palästina Kundgebung am 10. Oktober in Mailand. Foto IMAGO / JNA Press
Forderung nach einem «Ende des Zionismus» an einer Pro-Palästina Kundgebung am 10. Oktober in Mailand. Foto IMAGO / JNA Press
Lesezeit: 4 Minuten

Die Unruhen, die Frankreich seit Wochen erschüttern, haben auch Mailand erreicht. Rafael Turiel, Vorsitzender der Mizrachi-Bewegung in der Stadt, warnt im Gespräch mit Arutz Sheva vor einer Feindseligkeit, die seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 stetig zunimmt und auch die jüdischen Gemeinden trifft.

Turiel leitet in Mailand den Zweig der religiös-zionistischen Mizrachi-Bewegung. Er beschreibt eine Gemeinde, die ihren Alltag weiterlebt, und eine Stimmung auf der Strasse, die sich nach seiner Einschätzung stark verändert hat. Juden zeigten jüdische Symbole heute nur noch mit Vorsicht, sagt er. «Ich glaube, das ist überall in Europa so.» Vor zwei Wochen sei er in Prag gewesen und habe dort gehört, dass eine Woche zuvor propalästinensische Aktivisten im ehemaligen Ghetto aufgetreten seien. «Es ist ein Geist, der durch ganz Europa zieht.»

Am Wochenende vom 17. und 18. Oktober erfasste die Protestwelle mehrere Länder. In Frankreich hatten die Proteste an Schulen in den Arbeitervororten im Norden von Paris begonnen. Am 17. Oktober kam es zu den schwersten Krawallen seit Jahren, und in Limoges wurde das Rathaus durch ein Feuer schwer beschädigt. Auch in Belgien, Portugal und Albanien gingen an diesem Tag Tausende auf die Strasse und es kam zu massiven Ausschreitungen.

In Italien rief die Bewegung «Italia in Piazza» zu Kundgebungen auf. Sie war erst am 4. Oktober mit einem Instagram-Konto in Erscheinung getreten. Bei der Demonstration in Mailand waren auch Palästinaflaggen und Palästinensertücher zu sehen. Vermummte warfen Pflastersteine auf die Polizei, plünderten Geschäfte rund um den Domplatz und zündeten Barrikaden an, worauf die Polizei Wasserwerfer und Tränengas einsetzte. Nach Angaben der Agentur AGI wurden an diesem Samstag in ganz Italien 28 Personen festgenommen und 141 Polizisten verletzt. Am Sonntag zogen erneut Jugendliche plündernd durch die Mailänder Innenstadt. Die Polizei hielt laut ANSA mindestens 160 Personen fest, rund 80 Prozent von ihnen waren minderjährig.

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«Fahndungsplakat» mit dem israelischen Ministerpräsident Netanjahu dargestellt als Nazi an einer Pro-Palästina Kundgebung am 10. Oktober in Mailand. Foto IMAGO / JNA Press

Turiel vergleicht die Lage mit Frankreich. «Es ist ähnlich wie in Frankreich, aber nicht genau dasselbe», sagt er. «Hier sind sie jünger als das, was ich in Paris oder in Frankreich sehe.» Das deckt sich mit den vielen Minderjährigen unter den Festgenommenen. Zugleich trennt Turiel klar zwischen diesen Krawallen und den eigentlichen Kundgebungen gegen Israel. «Letzte Woche haben in Mailand 5000 Menschen gegen Israel und den Zionismus demonstriert», sagt er. «Ich glaube nicht, dass das, was am Samstag und Sonntag in Mailand geschah, gegen Israel gerichtet war. Es gibt ganz verschiedene Gründe, vielleicht auch ein wenig gegen Israel, aber das ist nicht die Hauptsache.»

Beruhigt ist Turiel deshalb nicht. Auch bei Protesten aus lokalen Gründen zeige sich immer wieder eine bedingungslose Unterstützung der «palästinensischen Sache», und dieser Trend wachse. Eine Mitverantwortung sieht er auch bei den Medien und Politikern. Sie stellten Israel als Staat dar, der einen Völkermord begehe, und rückten dabei in den Hintergrund, dass Israel Opfer eines terroristischen Massakers wurde. Das schüre die Feindseligkeit, und diese bleibe nicht bei Kritik an der israelischen Politik stehen, sondern treffe auch die jüdischen Gemeinden. Als deutlichstes Zeichen nennt er die wachsenden Boykotte gegen israelische Produkte, gegen Touristen aus Israel und gegen die Zusammenarbeit mit israelischen Wissenschaftlern.

Turiel erwähnt auch den Angriff auf einen Rabbiner in Mailand. Am 16. September war ein 60-jähriger Rabbiner an einer Bushaltestelle im Westen der Stadt von drei jungen Männern umringt, beschimpft, geschlagen und getreten worden. Der Präsident der jüdischen Gemeinde Mailands, Walker Meghnagi, sagte, die Angreifer hätten «an seiner Kleidung erkannt, dass er Jude ist». Weil der Rabbiner die Männer auf der Flucht filmte, konnte die Polizei sie ermitteln. Gegen alle drei verhängte die Polizeibehörde ein einjähriges Rückkehrverbot für Mailand.

An den Sicherheitsvorkehrungen der Gemeinde hat sich nach Turiels Worten in den letzten Tagen nichts Wesentliches geändert. «Wir leben vorsichtig», sagt er. «Wie immer steht Polizei vor den Synagogen und der jüdischen Schule. So leben wir seit Jahren.» Auf die Frage, ob Juden in Mailand Angst hätten, auf die Strasse zu gehen, antwortet er nicht eindeutig. Eine allgemeine Angst, die den Alltag lähme, gebe es nicht, wohl aber das ständige Bewusstsein, dass es zu Konfrontationen kommen kann. In seinen Antworten fällt immer wieder das Wort «noch». Bisher sieht er keine drastische Verschlechterung der Sicherheitslage, doch was um ihn herum geschieht, nimmt er sehr genau wahr. «Das Gefühl ist, dass etwas immer mehr wächst», sagt er. «In den Zeitungen, in der Politik, auf der Strasse.»

Für Turiel geht es daher nicht nur um einzelne Gewalttaten, sondern auch um die Freiheit, offen als Jude zu leben. Dass ein Jude es vorziehen könnte, seine Kippa zu verstecken, um einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, gehört nach seinen Worten zu der Wirklichkeit, die in Europa entstanden ist.

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