Start News Nobelpreis für Pillay: Applaus von der falschen Seite

Nobelpreis für Pillay: Applaus von der falschen Seite

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Leiter der "Untersuchungskommission der Uno zu Israel und den palästinensischen Gebieten", Navanethem (Navi) Pillay. Foto IMAGO / ZUMA Press
Leiter der "Untersuchungskommission der Uno zu Israel und den palästinensischen Gebieten", Navanethem (Navi) Pillay. Foto IMAGO / ZUMA Press
Lesezeit: 5 Minuten

In Südafrika wird der Friedensnobelpreis für Navi Pillay als Moment des nationalen Stolzes gefeiert. Präsident Cyril Ramaphosa hat die Auszeichnung begrüsst und eine Juristin gewürdigt, deren Laufbahn vom Kampf gegen die Apartheid bis an die Spitze der internationalen Justiz reicht. Glückwünsche kamen aber auch von der Terrororganisation Hamas, und zwar aus ganz anderen Gründen.

Die Hamas begrüsste ausdrücklich, dass Pillay die vom UNO-Menschenrechtsrat eingesetzte Untersuchungskommission geleitet hatte, die zum Schluss gekommen war, Israel habe im Gazastreifen einen Völkermord begangen. Sie forderte, dass die Ergebnisse der Kommission zu Strafverfahren führen. Für die jüdische Gemeinschaft Südafrikas wird die ohnehin umstrittene Auszeichnung durch diese Reaktion noch heikler.

Pillay ist 85 Jahre alt und blickt auf eine herausragende juristische Laufbahn zurück. Sie verteidigte Gegner der Apartheid, war Richterin am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda und wurde später UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte. Das Norwegische Nobelkomitee würdigte ihren jahrzehntelangen Einsatz für den Frieden und das Völkerrecht. Der Preis wurde nicht speziell für ihre Untersuchung zu Israel verliehen, auch wenn genau diese Untersuchung nun die Debatte beherrscht.

Im September 2025, fast zwei Jahre nach dem Massaker der Hamas in Israel vom 7. Oktober 2023, kam die von Pillay geleitete UNO-Kommission zum Schluss, dass Israel im Gazastreifen einen Völkermord begangen habe. Als Beleg für eine Völkermordabsicht nannte die Kommission das militärische Vorgehen Israels, die Bedingungen, die der palästinensischen Zivilbevölkerung auferlegt wurden, sowie Äusserungen israelischer Amtsträger. Israel wies die Ergebnisse als falsch und voreingenommen zurück und hielt daran fest, dass sich sein Militäreinsatz gegen die Hamas richtet und nicht gegen palästinensische Zivilisten. Der Bericht war das Ergebnis einer Untersuchung und kein Gerichtsurteil. Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat über die Völkermordklage Südafrikas gegen Israel noch nicht entschieden.

Israel kritisierte nicht nur den Bericht, sondern auch die Vergabe des Nobelpreises. Das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu warf dem Nobelkomitee vor, es habe «seinen moralischen Kompass verloren».

Die Reaktion Südafrikas auf den Nobelpreis wurzelt in der eigenen Geschichte des Landes. Der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) vergleicht die Sache der Palästinenser seit Langem mit dem Kampf gegen die Apartheid, ein Vergleich, den Israel zurückweist. Diese Geschichte hilft auch zu erklären, warum Südafrikas Regierung Israel vor den IGH gebracht hat und warum Pillays Auszeichnung gefeiert wird: als Anerkennung ihrer Laufbahn und zugleich des südafrikanischen Einsatzes für «internationale Gerechtigkeit».

Doch diesen nationalen Stolz teilen nicht alle in Südafrika.

«Die jüdische Gemeinschaft in Südafrika sieht diese Auszeichnung mit etwas gemischten Gefühlen», sagt Adam Charnas, Analyst beim Südafrikanischen Jüdischen Dachverband (South African Jewish Board of Deputies, SAJBD). «Als stolze Südafrikaner freut es uns, dass unser Land auf diese Weise gewürdigt wird. Unsere Gemeinschaft ist aber ebenso verärgert und bestürzt über die Wahl von Pillay.»

Michael Bagraim, ein südafrikanischer Anwalt, der sich als Aktivist lautstark für die jüdische Gemeinschaft einsetzt, äussert sich deutlicher: «Ich bin schockiert über die Vergabe des Preises an Pillay.»

Ein grosser Teil der Bedenken dreht sich um die Frage, ob Pillay Israel unvoreingenommen gegenübertrat. Im Jahr 2020, bevor sie zur Vorsitzenden der UNO-Untersuchung ernannt wurde, unterzeichnete sie eine Petition, die wegen der geplanten Annexion im Westjordanland Sanktionen gegen Israel forderte. 2022 sprach Miloon Kothari, ein anderes Mitglied der Kommission, von einer «jüdischen Lobby» und stellte Israels Platz in der UNO in Frage. Das löste Kritik von Israel und mehreren westlichen Regierungen aus. Pillay verteidigte seine Äusserungen mit dem Argument, sie seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Kothari entschuldigte sich jedoch später und räumte ein, dass der Begriff unangemessen und unsensibel gewesen sei. Charnas vergleicht die Situation mit einem Richter, der sich öffentlich gegen eine der Parteien gestellt hat, die vor seinem Gericht auftreten. Eine UNO-Kommission ist zwar kein Gericht, doch nach Charnas hängt auch ihre Glaubwürdigkeit davon ab, dass sie unparteiisch wirkt.

Menachem Rosensaft, Gastprofessor an der Cornell Law School und emeritierter Chefjurist des Jüdischen Weltkongresses, bezeichnet den Bericht vom September 2025 als «einseitiges Pamphlet». Seiner Ansicht nach schenkt der Bericht den Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober, der Geiselnahme und dem Recht Israels, darauf zu reagieren, zu wenig Beachtung. Er behauptet nicht, Israel stehe über jeder Kritik, und anerkennt sowohl das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung als auch die Möglichkeit, dass Israel gegen das Völkerrecht verstossen haben könnte. Sein Einwand lautet, dass der Bericht die Verantwortung fast vollständig Israel zuweist, ohne die Rolle der Hamas im Konflikt angemessen zu behandeln.

Uneinigkeit herrscht auch darüber, wie der Begriff Völkermord ausgelegt wird. Dr. André Thomashausen, emeritierter Professor für Völkerrecht an der University of South Africa, ist der Ansicht, dass die Definition zu breit angewendet wird, vor allem beim Nachweis der Absicht, eine geschützte Gruppe zu vernichten. Dennoch anerkennt er Pillays Beitrag zur internationalen Justiz, darunter ihre Bemühungen, die Verantwortlichen für den Völkermord in Ruanda vor Gericht zu bringen.

Diese Bedenken reichen über Südafrika hinaus. In Genf sitzen der UNO-Menschenrechtsrat, der die von Pillay geleitete Kommission eingesetzt hat, und das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte, das sie früher leitete. Rosensaft glaubt, dass jüdische Gemeinschaften in Europa und anderswo an Vertrauen in internationale Institutionen eingebüsst haben, weil prominente UNO-Vertreter, die sich mit Israel befassen, als voreingenommen wahrgenommen werden. Die Frage ist nicht, ob gegen Israel ermittelt werden soll, sondern ob die Ermittler Vertrauen beanspruchen können, wenn ihre Unparteilichkeit angezweifelt wird.

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Foto Screenshot IRNA

Die Reaktion der Hamas auf den Nobelpreis hat diese Bedenken verstärkt. In ihrer Erklärung, in der sie die Auszeichnung begrüsste, lobte die Terrororganisation Pillays Verteidigung von ANC-Aktivisten während der Apartheid und ebenso ihre Leitung der UNO-Kommission, die Israel untersuchte. Indem die Hamas beides miteinander verknüpfte, stellte sie den Preis als weitere Bestätigung ihrer Vorwürfe gegen Israel dar.

Diese Glückwünsche bedeuten aber nicht, dass Pillay die Hamas unterstützt. Der Dachverband der Juden in Südafrika ist beunruhigt darüber, wie die Organisation die Auszeichnung nutzt, um ihren Vorwürfen gegen Israel mehr Gewicht zu verleihen.

Charnas stellt nicht in Frage, dass Präsident Ramaphosa eine südafrikanische Nobelpreisträgerin feiern darf. Er findet aber, jüdische Südafrikaner müssten in dieser Sache anderer Meinung sein dürfen, ohne dass man ihren Patriotismus anzweifelt. «Dass wir Pillays Bilanz in Bezug auf Israel und den Antisemitismus hinterfragen, macht uns nicht weniger zu Südafrikanern.»

Charnas räumt zwar ein, dass Pillay nicht bestimmen kann, wer ihr gratuliert, doch die Reaktion der Hamas sollte dem Nobelkomitee seiner Meinung nach zu denken geben.

«Ein Friedenspreis sollte den Extremisten Unbehagen bereiten und ihnen keinen Grund zum Jubeln geben.»

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