
Bis zum Abend des 6. Oktober 2023 sollen Doppelagenten dem israelischen Inlandgeheimdienst Schin Bet das Bild eines ruhigen Gazastreifens geliefert haben. Das zeigt eine neue Studie des Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs (JCFA), die sich auf Aussagen aus der Terrororganisation Hamas selbst stützt.
Die auf Hebräisch veröffentlichte Studie erschien am 7. Oktober 2026, dem dritten Jahrestag des Massakers, bei dem Terroristen der Hamas und verbündeter Gruppen über 1200 Menschen ermordeten und 251 Geiseln nach Gaza verschleppten. Verfasst hat sie Oberstleutnant der Reserve Jonathan Dahoah-Halevi, der am JCFA seit Jahren zu Nahost und radikalem Islam forscht. Die «Jerusalem Post» berichtete am Tag darauf ausführlich darüber.
Ein Agentennetz wird umgedreht
Nach Dahoah-Halevis Darstellung legte die Hamas-Führung den Kern ihrer Täuschung Anfang 2022 fest: Israel sollte glauben, seine Politik von «Zuckerbrot und Peitsche» wirke. Gemeint war die Drohung, führende Hamas-Kader gezielt zu töten, verbunden mit wirtschaftlichen Erleichterungen für den Gazastreifen. Ein ranghoher Vertreter des militärischen Flügels der Hamas sagte, Israels Nachrichtendienste hätten bis zum Abend des 6. Oktober den Eindruck erhalten, in Gaza herrsche Alltag. So habe die Hamas ihre Pläne verbergen, sich bewaffnen und ihre Kräfte zusammenziehen können.
Laut derselben Aussage enttarnte die Hamas 2017 ein israelisches Spionagenetz und machte einen Teil seiner Mitglieder zu Doppelagenten, die fortan in ihrem Auftrag arbeiteten. Dahoah-Halevi hatte diese Spur bereits im Mai 2025 dokumentiert. Damals stützte er sich auf ein im Februar 2025 veröffentlichtes Interview mit den Hamas-Funktionären Mahmoud Mardawi und Jasser Barghouti. Demnach verhaftete die Hamas nach der Ermordung ihres Mannes Mazen Fuqaha im Jahr 2017 insgesamt 45 Palästinenser, die sie für israelische Agenten hielt. Mardawi sagte, diese Festnahmen hätten «die Fähigkeit des Feindes gelähmt, an Informationen zu kommen». Barghouti erklärte, die Hamas habe so die Arbeitsweise der israelischen Nachrichtendienste kennengelernt und Doppelagenten eingesetzt, die als Teil des Plans «Al-Aqsa-Flut» gezielt falsche Informationen weitergaben.
Diese Angaben stammen von der Hamas selbst, die ein Interesse daran hat, ihre Schlagkraft herauszustreichen. Einzelne Behauptungen lassen sich von aussen nicht überprüfen, doch die israelischen Untersuchungen zum 7. Oktober weisen in dieselbe Richtung.
Was Israels Untersuchungen festhalten
Eine im Februar 2025 veröffentlichte Untersuchung der israelischen Armee hält fest, dass am 6. Oktober neben Hinweisen auf einen Angriff auch beruhigende Signale eingingen, ohne diese näher zu benennen. Die Armee kam zum Schluss, dass die Hamas ihre strategische Täuschung in den Jahren vor dem Angriff verstärkt hatte. Öffentlich suchte sie Ruhe, im Geheimen bereitete sie den Durchbruch durch die Gaza-Division vor. Im Monat vor dem Angriff liess sie die Proteste am Grenzzaun wieder aufleben, doch dass die 24 Stunden davor völlig ruhig blieben, hielt der Militärgeheimdienst nicht für verdächtig. Israel habe die Hamas als «pragmatische Bewegung» gesehen, «mit der man Geschäfte machen kann», heisst es im Bericht.
Der Schin Bet räumte in seiner im März 2025 veröffentlichten Zusammenfassung grosse Lücken bei der Anwerbung und Führung menschlicher Quellen in Gaza ein. Solche Quellen hatten laut der Zusammenfassung bestätigt, die Hamas arbeite wie gewohnt. Das israelische Informantennetz war geschwächt, seit die Hamas 2018 eine missglückte israelische Geheimoperation in Gaza aufgedeckt hatte.
Im Mai 2025 meldete der Journalist Ronen Bergman, die Nachrichtendienste prüften, ob ein Informant des Schin Bet in Wahrheit ein Doppelagent gewesen sei. Der Mann hatte am 7. Oktober 2023 eine Funktion auf mittlerer Ebene in der Hamas und meldete in den Stunden vor dem Angriff auf Nachfrage, es geschehe nichts. Da er vom Angriff hätte wissen müssen, lag der Verdacht nahe, dass er Teil der Täuschung war. Mitte Mai 2025 berichtete der «Jewish Chronicle», der Mann sei festgenommen worden. Laut dem israelischen Sender Kanal 12 sagte er seinem Führungsoffizier beim Schin Bet am 6. Oktober: «Es gibt keinen Angriffsaufmarsch der Hamas. Ich weiss es. Ich bin auf dem Laufenden.» In der Befragung habe er laut Kanal 12 gestanden, ein Doppelagent zu sein, während der Bericht von Ynet kein Geständnis erwähnte.
Herzi Halevi, zur Zeit des Massakers Generalstabschef der Armee, sagte im März 2025 vor Bewohnern des Kibbuz Nir Oz: «Ich habe keine andere Wahl, als die Täuschung anzuerkennen, die die Hamas mit uns betrieben hat.» Sie habe die Unruhen, ihre Bemühungen um Beruhigung und humanitäre Anliegen genutzt, «um uns einzuschläfern und ihren Angriff vorzubereiten, und ihre Täuschung hat funktioniert».
Mashal: «Wir kennen einige davon»
Die Hamas-Führung hat die Täuschung inzwischen offen eingeräumt: Khaled Mashal, einer der führenden Köpfe der Organisation im Ausland, sprach Ende 2023 in einem Interview mit dem kuwaitischen Podcaster Ammar Taqi über strategische und taktische Täuschung, zu der auch «Beruhigungsbotschaften» gehört hätten. «Es gab das allgemeine Gefühl, dass sich [Gaza] auf seine eigenen Angelegenheiten konzentrierte und eine gewisse Menge an Treibstoff, Strom und Hilfsgütern hereinbringen wollte, dass [Gaza] also wegen der Blockade seine Wunden leckte», sagte Mashal laut der englischen Übersetzung, die die «Jerusalem Post» wiedergibt.
Über die Wochen der jüdischen Herbstfeiertage 2023 sagte er: «Die Feiertage kamen vom 15. September bis zum 6. Oktober, und dann, siehe da, schickte die Führung der Bewegung dem Feind klugerweise erneut Täuschungsbotschaften. Wir kennen einige davon.» Auch die Methode beschrieb er: «Eine Botschaft muss, um ihren Zweck zu erfüllen, eine indirekte Botschaft sein, also eine Botschaft, die [vom Feind] nicht als Täuschung verstanden wird und die der Feind schluckt.»
Mashal sagte zudem, er habe sich an Ägypten orientiert, das Israel 1973 am Versöhnungstag Jom Kippur angriff. Laut Mashal hatte Kairo Soldaten angewiesen, auf Pilgerfahrt nach Mekka zu gehen, damit Israel nicht mit einem Krieg rechnete. Auch das Massaker vom 7. Oktober 2023 fiel auf einen jüdischen Feiertag, Simchat Tora.
Die Studie zeigt, dass die Hamas solche Manöver auch von der Gegenseite kannte. Der Hamas-nahe Kommentator Issam Shawar berichtete, die Hamas sei im Mai 2023 selbst überrascht worden. Einen Tag vor Beginn der israelischen Operation «Schild und Pfeil» gegen die Terrororganisation Palästinensischer Islamischer Dschihad (PIJ) habe Israel der Hamas mitgeteilt, es werde die Überweisung der katarischen Gelder für die Löhne der Angestellten des öffentlichen Dienstes in Gaza zulassen. Palästinensische Journalisten wiesen gleich nach dem Massaker auf die Täuschung hin, wie das JCFA am 8. Oktober 2023 festhielt. Fadi Ramadan nannte zwei Manöver: Israel sollte einen Angriff durch die Tunnel erwarten, während die Hamas oberirdisch einfiel, und es sollte glauben, seine Politik von Zuckerbrot und Peitsche wirke.
Der Kanal über Abu Zaida
Ausführlich befasst sich die Studie mit Sufian Abu Zaida, einem Fatah-Politiker aus dem Flüchtlingslager Jabalia, der Minister für Gefangenenfragen der Palästinensischen Autonomiebehörde war und zum Lager von Mohammed Dahlan gehört. Nach eigener Darstellung begann seine Vermittlerrolle im März 2022. Damals bat ihn das Mitglied des Hamas-Politbüros Ghazi Hamad um Hilfe bei den Gesprächen über einen Gefangenenaustausch, die seit über sieben Jahren stillstanden. Abu Zaida liess sich zuerst bestätigen, dass Yahya Sinwar, der Chef der Hamas in Gaza, einverstanden war. Es ging um die Leichen der israelischen Soldaten Hadar Goldin und Oron Shaul sowie um die beiden israelischen Zivilisten Avera Mengistu und Hisham al-Sayed, die damals in Gaza festgehalten wurden.
Im Juli 2022 traf Abu Zaida Sinwar in Gaza, wo dieser im Beisein des Hamas-Funktionärs Rawhi Mushtaha seine Prioritäten für ein Abkommen darlegte. Laut Dahoah-Halevi verstärkte dieses Treffen das israelische Interesse an einem Abkommen. Schin-Bet-Chef Ronen Bar traf Abu Zaida persönlich, um die Bedingungen der Hamas zu hören. Abu Zaida sagt, Bar habe ihn gebeten, Sinwar auszurichten, Israel sei zu weitreichenden wirtschaftlichen Schritten in Gaza bereit. Die Gespräche kamen bis zur Frage, welche Gefangenen freikommen sollten, und beide Seiten tauschten Entwürfe aus.
Am 14. September 2023, zwei Tage nach der grossen jährlichen Militärübung der Hamas, traf Abu Zaida Sinwar zum letzten Mal, erneut im Beisein von Mushtaha. Sinwar diktierte ihm eine Botschaft für Israel, die Wort für Wort weitergegeben werden sollte. Abu Zaida zeigte die handschriftliche Notiz in einer Dokumentation des arabischsprachigen Senders Al-Rad, die am 24. September 2026 ausgestrahlt wurde. Sie lautet: «Vor Ende September werden wir die Karten auf den Tisch legen. Es wird ein Erdbeben in Bezug auf die Verhandlungen geben, und sie sollen sich darauf vorbereiten, die Gefängnisse zu leeren.» Am folgenden Morgen trafen ihn Vertreter des Schin Bet in Aschkelon. Am 5. Oktober kehrte Abu Zaida nach Gaza zurück, wo für den 8. Oktober ein weiteres Treffen mit Sinwar angesetzt war.
Laut Dahoah-Halevi war Abu Zaida «offenbar ein Bestandteil des Täuschungsplans» der Hamas-Führung. Mit ihm habe sie Israel überzeugen wollen, dass sie einen Austausch von palästinensischen Gefangenen gegen die lebenden und toten Israelis in Gaza ernsthaft anstrebe, als Schritt zu geregelten Beziehungen auf der Grundlage wirtschaftlicher Erleichterungen. Es sei «vernünftig» anzunehmen, dass das für den 8. Oktober geplante Treffen als «Nebelwand» für die geheime Fortsetzung der Kriegsvorbereitungen diente. Die Studie legt nahe, dass auch Abu Zaida selbst getäuscht wurde.
Warnung oder Täuschung?
Im September 2026 erschienen in «Haaretz» Recherchen der Journalisten Shlomi Eldar und Ruth Yuval, die zuvor in einem Buch veröffentlicht worden waren. Sie lesen Sinwars «Erdbeben» als Warnung, die über Abu Zaida und einen Berater des emiratischen Präsidenten Mohammed bin Zayed am 15. September 2023 bis zu Ronen Bar gelangt sei. Bin Zayed habe zudem Ende September in einem Telefongespräch Premierminister Benjamin Netanyahu gewarnt. Netanyahus Büro bestreitet das und erklärt, zwischen Anfang September und dem 7. Oktober 2023 habe kein solches Gespräch stattgefunden, die Telefonprotokolle enthielten keinen Eintrag. Netanyahu hat seine Anwälte angewiesen, «Haaretz» wegen Verleumdung zu verklagen, während sich die Emirate zu dem angeblichen Gespräch nicht äussern.
Abu Zaida gab sich am 17. September 2026 als der Vermittler zu erkennen, den die Recherche «Kohleaugen» nennt. Dem israelischen Sender Kanal 12 sagte er laut i24NEWS: «Ich dachte nicht, dass das, was Sinwar mir sagte, eine Kriegswarnung war oder etwas, das dem 7. Oktober nahekam. Ich dachte, es könnte mit dem Westjordanland zu tun haben.» Der «Jerusalem Post» erklärte er Anfang Oktober, er wisse nicht, welche Karten Sinwar gemeint habe, und er wolle die Knessetwahl vom 27. Oktober nicht beeinflussen.
Verhandlungen als Waffe
Ob Netanyahu Ende September 2023 mit bin Zayed telefonierte, klärt auch diese Studie nicht. Sie macht aber deutlich, dass Sinwars Botschaft sowohl als Angebot für einen grossen Gefangenenaustausch als auch als Drohung verstanden werden konnte. Mashal hat beschrieben, dass die Hamas solche indirekten Botschaften verschickte, die der Empfänger nicht als Täuschung erkennen sollte. Die israelische Armee hielt in ihrem Bericht fest, dass Israel die Hamas als pragmatische Bewegung sah, und die Hamas hat dieses Bild bis zum Vorabend des Angriffs bewusst gepflegt.
Laut der israelischen Armee reicht der Invasionsplan bis 2017 zurück, und Ende 2022 sah sich die Hamas zu 85 Prozent einsatzbereit. Wer den 7. Oktober als Reaktion auf Blockade und Verzweiflung erklärt, übersieht diese jahrelange Planung. Arbeitsbewilligungen, Hilfsgüter, Gelder aus Katar und die Gespräche über einen Gefangenenaustausch nutzte die Hamas-Führung, um Israel in Sicherheit zu wiegen, während sie den Angriff vorbereitete.
Wer heute mit der Hamas über die Waffenruhe, den Wiederaufbau des Gazastreifens und ihre Entwaffnung verhandelt, sollte Mashals Aussage ernst nehmen, wonach die Hamas dem Gegner gezielt Botschaften schickt, die dieser «schlucken» soll.


























