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Marokko: Islamisten «reinigen» Mauer mit Pestizidsprayer nach jüdischem Gebet

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Foto Screenshot Facebook
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Ein Kurzgebet orthodoxer Juden an einer historischen Stadtmauer in Marrakesch löst in Marokko eine Welle antisemitischer Empörung aus.

Am Abend des 21. April 2026 hielt ein Bus mit streng gläubigen Juden vor dem historischen Stadtmauerabschnitt Bab Doukkala in Marrakesch. Die Gruppe stellte sich an der Mauer auf und verrichtete das jüdische Abendgebet. Danach verliessen die Männer den Ort wieder, ohne Zwischenfälle.

Laut Jacky Kadoch, dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde Marrakesch-Safi, handelte es sich um ultraorthodoxe, sogenannte Haredim aus dem Ausland, nicht um marokkanische Staatsbürger. Sie hätten an der Mauer gebetet, da die Zeit drängte und keine Synagoge rechtzeitig erreichbar gewesen sei. Hinweise auf eine politische Absicht oder eine Provokation gibt es den vorliegenden Berichten zufolge nicht.

Was folgte, wurde in Videos dokumentiert, die sich rasch in den sozialen Netzwerken verbreiteten: Mehrere Männer besprühten den Mauerabschnitt, an dem das Gebet stattgefunden hatte, mit einer Flüssigkeit aus einem Pestizidsprayer. Sie bezeichneten die Aktion offen als Tathir, was auf Arabisch Reinigung oder Säuberung bedeutet. In Begleitkommentaren war von einer Entweihung durch «Zionisten» die Rede, die durch den Akt symbolisch rückgängig gemacht werden müsse.

In einem der Videos ist ein bemerkenswertes Detail zu sehen: Der Mann, der die Mauer mit dem Sprayer behandelt, trägt ein T-Shirt mit arabischer Aufschrift. Darauf ist zu lesen: «Jugend des Flutes». Der Ausdruck spielt auf das Hamas-Massaker «Al-Aqsa-Flut» vom 7. Oktober 2023 an und bekundet damit Solidarität mit dem Massenmord an Israelis. Zudem ist auf dem T-Shirt eine Karte abgebildet, die das gesamte Gebiet zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer – also Israel, das Westjordanland und Gaza zusammen – als Palästina ausweist.

Gleichzeitig kursierten in den sozialen Medien und auf lokalen Nachrichtenportalen Videos, die das Gebet als Beweis für eine «zionistische Unterwanderung» und eine schleichende «Normalisierung im Herzen Marrakeschs» deuteten. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich der Vorfall zu einem Mobilisierungsthema im islamistischen Milieu sowie in Kreisen, die sich gegen die marokkanisch-israelische Annäherung stellen.

Islamistische Akteure verstärkten die Aufregung. Die Bewegung Tawhid wal-Islah veröffentlichte auf ihrer Plattform alislah.ma einen umfangreichen Beitrag, der das Gebet als Teil eines planvollen zionistischen Projekts in Marokko deutete.

Auch der islamistische Prediger Rachid Benkirane meldete sich zu Wort. Der dem Milieu von Tawhid wal-Islah nahestehende Scheich, den das marokkanische Habous-Ministerium 2021 wegen politischer Facebook-Posts als Freitagsprediger in Kénitra suspendiert hatte, verglich das Gebet mit den «Anfängen des Zionismus in Palästina»: Was damals als «begrenzte Präsenz» und als Ritual «im engen Rahmen» begonnen habe, sei durch «listiges Eindringen» und «organisiertes Vorrücken» schliesslich in Herrschaft umgeschlagen.

Zurückhaltender fiel die Reaktion des früheren Regierungschefs Abdelilah Benkirane aus. Er wolle sich zu dem Fall nicht äussern, sagte er in einem viral gegangenen Videoclip, und erinnerte daran, dass die Juden «bei uns sind, seit der Islam gekommen ist – er hat sie hier vorgefunden, und sie sind noch immer bei uns». Religiöse Fragen fielen in die Zuständigkeit des Habous-Ministeriums und des Königs.

Proteste und fehlende offizielle Reaktion

Polizei und lokale Verwaltung sicherten den Ort rasch ab und verhinderten nach vorliegenden Berichten eine unmittelbare gewaltsame Konfrontation. Festnahmen im Zusammenhang mit der Sprayer-Aktion oder eine offizielle politische Einordnung des Vorfalls blieben zunächst jedoch aus.

Noch am selben Abend rief die Lokale Front zur Unterstützung Palästinas und gegen Normalisierung in Marrakesch zu einer Kundgebung auf unweit von Bab Doukkala. In ihrer Ankündigung sprach die Organisation von «provokatorischen Praktiken normalisierenden Charakters» und bekräftigte ihre Solidarität mit der “palästinensischen Sache”. Offizielle Stellen hatten sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu den Umständen des Vorfalls geäussert.

Widerspruch im marokkanischen Modell

Der Vorfall beleuchtet einen strukturellen Widerspruch in der marokkanischen Politik. Das Königshaus betont das jüdische Erbe als Teil der nationalen Identität, restauriert Synagogen und jüdische Friedhöfe und verfolgt seit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Israel Ende 2020 eine klare Normalisierungspolitik. Umfragen des Arab Barometer zeigen jedoch, dass die Zustimmung zu dieser Politik in der Bevölkerung schwach ist und in den vergangenen Jahren weiter gesunken ist.

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