
Wer gegen Antisemitismus kämpft, kämpft auch für das westliche Erbe und Werte wie Freiheit. Das ist ein Fazit des wertvollen Buches von Giuseppe Gracia, das im Titel eine unmissverständliche Warnung trägt: «Wenn Israel fällt, fällt auch der Westen».
Dieses Buch des Schweizer Schriftstellers und Kommunikationsberaters Giuseppe Gracia führt vor Augen, dass es beim Kampf um Judenhass eben nicht nur um die Hilfe für eine Minderheit geht. Es geht um viel mehr. Denn das jüdische Erbe, das seit Jahrhunderten, ja: Jahrtausenden in Gefahr ist, geht uns alle an, die wir westliche Werte wie Frieden, Freiheit und Menschenwürde erhalten sehen wollen.
Gracia, Sohn eines Sizilianers und einer Spanierin, schreibt nicht nur Romane, sondern ist regelmässiger Autor für Zeitungen wie die «Neue Zürcher Zeitung», «Focus Online» und «Die Welt». Gracia studierte Theologie und war Kommunikationschef des Bistums Basel sowie Beauftragter für Medien und Kommunikation des Bistums Chur. Gracia trat zwar vor ein paar Jahren aus der Kirche aus, bezeichnet sich aber weiterhin als gläubigen Katholiken. In seinen Romanen befasste er sich unter anderem bereits mit den Themen Islam, Christentum und den westlichen Werten. Mit «Wenn Israel fällt, fällt auch der Westen» (erschienen vor kurzem im Fontis-Verlag) legt er nun einen hilfreichen Überblick über Israel, seine Geschichte und die des Antisemitismus vor.
Im Vorwort erinnert der bekannte Publizist Henryk M. Broder daran, dass erschreckenderweise der Antisemitismus nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wie ein Tsunami zugenommen habe. Der offene und aggressiv auftretende Antisemitismus, sei «so stark wie noch nie seit 1945», warnte der Antisemitismusbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Felix Klein, ein Jahr nach dem Angriff. Dabei schnellte der Antisemitismus in Deutschland in die Höhe, sogar noch bevor die israelische Regierung auf den Hamas-Angriff reagierte. Das zeige, dass «der Antisemitismus mit dem Verhalten von Jüdinnen und Juden und auch letztlich mit dem Verhalten von Israel nichts zu tun hat», so Broder.
«Juden bzw. aktuell Israelis, so hört und liest man es derzeit allerorten, hätten ein Recht, sich gegen terroristische Angriffe zu verteidigen, aber sie sollten es damit nicht übertreiben (…)», stellt Broder fest. Sein Fazit nach einem Schnelldurchgang durch die israelische Geschichte: «Der Kampf gegen Antisemitismus jeder Art, wie es heute heisst, ist eine Aufgabe, an der sogar Sisyphos seine Freude gehabt hätte.» Zur Frage im Buchtitel schreibt Broder: «Ein verlorener Krieg wäre nicht nur eine militärischpolitische Niederlage, es wäre ein existenzieller SuperGAU, der letzte aller Kriege, das physische Ende des ersten jüdischen Staates auf historischem Boden seit 2000 Jahren.»
Einseitige Verurteilung Israels
«Selbstverständlich» sei Kritik am israelischen Staat legitim, betont Gracia gleich zu Beginn seines Buches. «Dennoch fällt auf, wie negativ Israel gerade in Westeuropa beurteilt wird im Vergleich zu allen anderen Staaten, die in Konflikte involviert sind.» Während etwa beim Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sich der politisch-mediale Mainstream in Westeuropa einig sei, dass der Aggressor Putin nicht siegen dürfe, denke etwa bei Israel, das seit Jahrzehnten von Hamas, Hisbollah und dem Mullah-Regime bedroht wird, nicht jeder im Westen sofort an Waffenlieferungen.
In einem geschichtlichen Überblick versucht der Autor zunächst das Phänomen Antisemitismus beziehungsweise Israel-Hass zu fassen, um danach Erklärungsansätze zu finden. Kaum eine Geschichte der knapp 200 anerkannten Staaten auf der Welt sei gerecht und unblutig gewesen, doch im westlichen Establishment seien diffamierende Vorurteile gegenüber Israel verbreitet, etwa dass Israel kein legitimer Staat sei. Und das «bis in die Führung der UNO», so Gracia. Er fasst zusammen: «Der Westen erkennt nicht, dass Israel angesichts barbarischer Todfeinde nicht nur um sich selber kämpft, sondern um alles, wofür der Westen steht.»
Diese Kernthese legt Gracia in Form von vielen Beispielen genauer dar. Dabei stellt er weit verbreiteten Israel-Falschdarstellungen historische Fakten gegenüber. So betont er etwa: «Im Nahen Osten haben bereits Juden gelebt, als es noch gar keine Araber oder Christen gab.» Auch der Vorwurf, Israel sei ein rassistischer Apartheid-Staat, sei eindeutig falsch, erklärt Gracia: «In Wahrheit ist Israel der einzige Rechtsstaat im Nahen Osten, in dem Juden, Muslime, Christen und Atheisten die gleichen Rechte geniessen. Jeder zweite Einwohner ist nicht weiss, und jeder fünfte ist kein Jude.» Der Autor fügt hinzu: «Das hält die UNO nicht davon ab, Jahr für Jahr mehr Resolutionen gegen Israel als gegen alle anderen Länder der Welt zu veröffentlichen.» Israel komme in der politischen Welt durchgängig schlechter weg als alle anderen Staaten und sogar Terrororganisationen der Welt.
Ist Hass auf Juden ein Hass auf Gott?
Gracia sucht mögliche Gründe für den Jahrtausende überdauernden Antisemitismus und erläutert gängige Theorien dazu. So vermutet die «Neid-Theorie», viele Menschen sähen Juden als ausbeuterische, reiche Mitmenschen mit einem vielleicht überdurchschnittlich hohen Bildungsgrad. Allerdings wirft Gracia gleich danach ein: Erstens waren Juden nie immer nur reich und gebildet, zweitens: «Es hat in der Geschichte immer auch Antisemiten gegeben, die selber wirtschaftlich und gesellschaftlich erfolgreich waren.»
Vielleicht steckt hinter dem Judenhass auch eine höhere, spirituelle Dimension? «Der Hass auf Juden könnte etwas mit Gott zu tun haben. Genauer gesagt, könnte der Hass auf Juden darauf hinweisen, wie der Antisemit zu Gott steht.» Demzufolge wäre Antisemitismus dem Wunsch geschuldet, «Gott und seine Regeln loszuwerden», so Gracia. «Das Judentum steht für die Wahrheit, dass Gott die Regeln des Lebens setzt und die Juden, wie die Bibel sagt, zum Priestertum unter den Völkern auserkoren hat. Das ist ein Ärgernis für alle anderen Religionen.» Vor diesem Hintergrund wäre der Judenhass ein Hass gegen die «jüdisch-christliche Seele, die den Westen hervorgebracht hat und am Leben hält». Auch hier folgert Gracia: Käme der heutige Staat Israel zu Fall, wäre dies zugleich das Ende des Westens selbst.
Festzuhalten bleibt nach der Lektüre: «Wer gegen Antisemitismus kämpft, kämpft am Ende also um das Fortbestehen einer biblisch fundierten Kultur, die um die Grenzen des Menschen weiss und gerade deshalb imstande ist, die Würde des Einzelnen zu garantieren.» Spannend wäre es vielleicht gewesen, wenn der Autor – immerhin studierter Theologe und gläubiger Christ – sich noch mehr an einer biblischen Perspektive auf Israel versucht hätte. Immerhin hat die Bibel ja durchaus etwas zu sagen zur Frage: Kann, ja: wird Israel jemals fallen?
Insgesamt handelt sich um ein wertvolles Sachbuch, das Lügen und Vorurteilen Fakten entgegenstellt. Gracia kann hier vieles nur anschneiden. Über die meisten Themen wurden ja bereits viele und ausführlichere Bücher geschrieben. Aber gerade als kurz gehaltener Überblick kann das Buch eine Hilfe sein. Für bereits kundige Israel-Freunde als Auffrischung und als Argumentationshilfe im Streit um das Thema. Für Neulinge ist das 120 Seiten umfassende Buch eine gute Basis, sich vielleicht einmal detaillierter mit den Themen Israel, Naher Osten und Antisemitismus zu beschäftigen, als dies die tagesaktuelle Medienberichterstattung erlaubt. Wie bringt es Gracia selbst so schön auf den Punkt: «Man muss versuchen, die Dinge beim Namen zu nennen und Stellung zu beziehen»
Giuseppe Gracia: «Wenn Israel fällt, fällt auch der Westen», Fontis-Verlag, 120 Seiten, CHF 18.90, ISBN: 9783038482963























Allein die Rezension von Jörg Schumacher ist ein spannender Artikel und macht neugierig auf das Buch.Ich werde es mir auf jeden Fall besorgen.Danke für den Hinweis.
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