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Ran Gvili – die letzte israelische Geisel ist zu Hause

Ein Oberfeldwebel, der Geschichte schreibt

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Foto דוברות המשטרה
Foto דוברות המשטרה
Lesezeit: 4 Minuten

Nach 843 Tagen Bangen und Hoffen sind die sterblichen Überreste der letzten der 255 Geiseln vom 7. Oktober 2023 zu Hause, in Israel beerdigt. Die Familie, das ganze Land hat seit dem 26. Januar 2026 einen Platz zum Trauern. Die Regierung meldet eine gnadenlose Statistik: 46 Geiseln konnten lebend gerettet werden, 209 kamen in Särgen heim.

Die nichtjüdische Welt mag rätseln, warum für den toten Oberfeldwebel Ran Gvili, der in einem arabischen Massengrab in Gaza schon zwei Jahre und drei Monate unter der Erde lag, ein derartiger Aufwand betrieben wurde. Man hätte ohne grosses Risko in Gaza das Totengebet sprechen können. Eine spannende, bewegende Geschichte auch für Atheisten, die mit der jüdischen Tora, der Bibel, nichts am Hut haben.

Auf allen TV-Kanäle und Radio-Stationen in Israel wurde zur Hauptnachrichtenzeit um 20.00 Uhr live breit und ausführlich berichtet: Ran Gvili ist zurück, begleitet von Tausenden, die ihm die letzte Ehre erweisen. Die Strassen von Gaza bis zu seinem Heimatort Meitar sind gesäumt von Mitbürgern, die die David-Fahne schwenken. Die einen schweigsam, andere singen die Nationalhymne, wieder andere sind in Gebete vertieft. Eltern, Geschwister, Freunde und Politiker nennen den Heimgekehrten einen Helden, Ministerpräsident Benyamin Netanyahu verkündet stolz: „Wir haben versprochen alle Geiseln heimzubringen. Wir haben Wort gehalten“. Vater Itzik Gvili steht erst schweigend vor dem Sarg und sagt dann mit zittriger Stimme bevor er den Sarg küsst: „Du Dummkopf, du hattest jede Chance, zu Hause zu bleiben, aber du hast gesagt: Papa, was hast du mir beigebracht? Ich werde meine Freunde nicht allein kämpfen lassen.“ Oberfeldwebel Ran Gvili hat sich in die Geschichte eingetragen: er war der erste im Kampf und der letzte, der nach Hause zurückkehrte.

Ran, den Wildfremde familiär-vertraut Rani nennen, lag am 7. Oktober nach einem Motorrad-Unfall im Krankenhaus. Obwohl er noch nicht genesen war, raffte er sich auf, zog seine Polizei-Uniform an, holte seine Waffe aus dem Schrank und fuhr in Richtung Gaza. Überlebende Mitkämpfer erzählen, wie er zuerst auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals in Re´im mehrere Terroristen tötete und danach in das angegriffene Kibbuz Alonim eilte, dort dutzende Menschen vor dem sicheren Tod bewahrte, bevor er tödlich verwundet zu Boden sank. Für die Hamas-Terroristen war Ran Gvilis Leichnam in seiner Polizei-Uniform ein wertvolles Objekt. Für ihn hätte man im Austausch viele palästinensische Gefangene in israelischem Gewahrsam befreien können. Sie verschleppten ihn nach Gaza, wo er in einem Massengrab verschwand.

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Shira Gvili umarmt den Sarg ihres Bruders Ran Gvili bei seiner Beerdigung in Meitar am 28. Januar 2026. Foto Uriel Even Sapir/Forum für Geiseln und vermisste Familien.

Es dauerte über zwei Jahre bis israelische Sicherheitskräfte – gezielt oder zufällig – einen Hamas-Terroristen festnahmen, der wusste und verriet, wo der tote israelische Polizist sein könnte. Die Information wurde mehrfach geprüft, erst dann begann die ebenso mühsame wie gefährliche Bergungsaktion. Denn das Massengrab liegt ausserhalb der „Gelben Linie“, die von Israel seit dem 13. Oktober 2025 kontrolliert wird. Die Information des Hamas-Terroristen hätte ja auch eine Falle sein können, um Soldaten in einen Hinterhalt zu locken. Das Gelände musste von der Seeseite, vom Land her und aus der Luft gesichert werden. Riesenschaufeln auf Kettenfahrzeugen wurden bewegt, die Gegend vorher auf Landminen untersucht, bis Hundertschaften von Soldaten grünes Licht für das mehrtägige Graben geben konnten. 250 Leichen wurden exhumiert, Pathologen unterstützt von 20 Zahnärzten entnahmen Proben, verglichen Gebisse. Erst nach mehreren Tagen, konnte ein Offizier der Familie Gvili die Nachricht übermitteln: wir haben Ran eindeutig identifiziert. Ein Moment der verhaltenen Freude und Genugtuung nach Monaten der Trauer und Ungewissheit. Millionen in Israel konnten die gelbe Schleife am Revers, am Auto oder abgestellt in einer Ecke zu Hause – 843 Tage ein Zeichen der Anteilnahme – in den Abfall werfen.

Rückkehr und Beerdigung Ran Gvilis in Israel fällt exakt in die Zeit, in der in allen Synagogen der Welt der Wochenabschnitt „Beschalach“ aus dem zweiten Buch Moses „Shemot“ (Exodus) gelesen wird. Dort heisst es: „Und Moses nahm die Gebeine Josefs mit sich, den schwören hatte er lassen die Söhne Jisraels also: Wahrnehmen wird Gott euer, und dann führet meine Gebeine von dannen mit euch“.

Die Rede ist hier vom Auszug der Juden aus Ägypten vor 3200 Jahren nach 210 Jahren Knechtschaft. Josef, Sohn Jakobs und Vater einer der zwölf Stämme, war der Überlieferung zufolge zu dieser Zeit bereits tot, im Nil versenkt. Die Weisen – Chasal (70 n. Chr.) und Ramban- Nachmanides (1194-1270) – erzählen von einer sagenumwobenen Bergung. Moses begleitet von 600 000 Männern (Frauen wurden nicht gezählt) nahmen Josefs sterblichen Überreste 40 Jahre lang durch die Wüste mit ins gelobte Land. Das Josef-Grab befindet sich heute in einer nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 vereinbarten israelischen Enklave am Stadtrand der heute arabisch-palästinensischen Stadt Nablus (Bibel-Hebräisch: Shchem).

Ob Atheist oder Gläubig, Philo- oder Antisemit, ob Freund oder Gegner Israels, aufhorchen lässt die Geschichte allemal. Gespannt darf man sein, ob die Massenmedien die Ohren aufstellen und recherchieren, ob die zeitliche Parallelität zwischen Ran Gvili und dem biblischen Josef ein Zufall ist. Noch ein Hinweis: Zufall heisst im Hebräischen „mikre“. Dahinter verbirgt sich die Übersetzung: „von Gott gewollt“.

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