Der nächste Krieg gegen Israel könnte beginnen, ohne dass eine einzige Sirene ertönt. Keine Raketen, keine Panzer, keine Kampfjets – und dennoch massive Schäden an Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Führende israelische Sicherheitsverantwortliche warnen vor einem Szenario, in dem Kriege vollständig im digitalen Raum geführt werden und innerhalb kürzester Zeit zentrale Funktionen eines Landes lahmlegen können.
An der Cybertech Global Conference 2026 in Tel Aviv sprach Yossi Karadi, Leiter der israelischen Nationalen Cyber-Direktion (INDC), von einer sich rasch nähernden «Cyberkriegs»-Realität, in der künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle spielt. Künftige Kriege, so Karadi, könnten vollständig im digitalen Bereich beginnen und enden – durch gezielte Störungen von Dienstleistungen, Entscheidungsprozessen und dem täglichen Leben. Ein Staat könne dadurch entscheidend geschwächt oder sogar besiegt werden, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert werde.
Unsichtbare Front mit realen Folgen
Karadi machte deutlich, dass diese Entwicklung keine theoretische Zukunftsvision mehr ist. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 befindet sich Israel im Krieg und die digitale Front habe sich seitdem weiter intensiviert. Cyberangriffe seien längst kein unterstützendes Element klassischer militärischer Auseinandersetzungen mehr, sondern ein eigenständiges Schlachtfeld. Viele dieser Angriffe würden so schnell verlaufen, dass sie beginnen und enden, ohne dass Menschen sie überhaupt wahrnehmen könnten, sagte Karadi laut der Times of Israel.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmass der Bedrohung: Allein im Jahr 2025 registrierte die INDC mehr als 26.000 Cyberangriffe – ein Anstieg von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Israel gehört damit zu den am stärksten angegriffenen Staaten weltweit. Nach aktuellen Daten von Microsoft richteten sich 3,5 Prozent aller globalen Cyberattacken gegen Israel. Zwar konnten die meisten dieser Angriffe abgewehrt werden, doch die schiere Menge zeigt, wie permanent und intensiv der digitale Druck ist.
Iranische Akteure und gezielte Spionage
Cyber-Sicherheitsexperten aus der israelischen Industrie bestätigen diese Einschätzung. Sergey Shykevich, Leiter der Threat-Intelligence-Abteilung bei Check Point Software Technologies, erklärte, dass der überwiegende Teil der gegen Israel gerichteten Cyberaktivitäten mit iranischen Akteuren in Verbindung stehe. Ziel dieser Angriffe sei es häufig, in Systeme einzudringen, Informationen zu stehlen und diese anschliessend öffentlich zu machen, um das Vertrauen der israelischen Bevölkerung in staatliche Institutionen zu untergraben.
Besonders alarmierend waren die Entwicklungen während des zwölftägigen militärischen Schlagabtauschs mit Iran im Juni. In diesem Zeitraum sei die gezielte Ausnutzung von Sicherheitslücken in israelischen Kamerasystemen um 1.500 Prozent gestiegen. Der Zweck dieser Angriffe lag darin, in Echtzeit zu überprüfen, ob iranische Raketen ihre Ziele erreicht hatten. Digitale Spionage wurde damit unmittelbar Teil militärischer Lagebeurteilung.
Laut Karadi konzentrierten sich Cyberangriffe im vergangenen Jahr vor allem auf drei Bereiche: den Finanzsektor, staatliche Institutionen und digitale Dienstleister. Genau dort, wo ein Ausfall unmittelbare Auswirkungen auf das Funktionieren des Landes hätte. Die Warnung ist eindeutig: Künftige Angriffe zielen nicht nur auf Daten, sondern auf die Fähigkeit eines Staates, überhaupt handlungsfähig zu bleiben.
Israels Antwort
Als Reaktion auf diese Bedrohungslage hat Israel einen mehrjährigen nationalen Cyber-Verteidigungsplan verabschiedet. Dieser basiert auf drei strategischen Säulen: Cloud-Sicherheit, Cyber-KI und Quanten-Technologien. Der umfassende Übergang staatlicher, militärischer und wirtschaftlicher Systeme in die Cloud vergrössert allerdings auch die Angriffsfläche erheblich. Genau dort sehen Experten eine zentrale Schwachstelle der kommenden Jahre.
Israel setzt deshalb verstärkt auf KI-gestützte Abwehrsysteme, die Angriffe erkennen, analysieren und abwehren sollen – in einer Geschwindigkeit, die menschliche Reaktionsfähigkeit übersteigt. Gleichzeitig bereitet sich das Land auf die sicherheitspolitischen Folgen der Quanten-Technologie vor, deren Einfluss auf die Cyberlandschaft als tiefgreifend und bislang nur teilweise verstanden gilt.
Wettlauf gegen die Zeit
Experten warnen, dass sich der Kampf im digitalen Raum zunehmend zu einem Katz-und-Maus-Spiel entwickelt, bei dem Geschwindigkeit der entscheidende Faktor ist. Autonome KI-Systeme sind immer stärker in den Alltag von Behörden, Unternehmen und Organisationen integriert – und werden damit selbst zu neuen Angriffszielen. Gelingt es den Verteidigern nicht, Schritt zu halten, drohen schwer kontrollierbare Sicherheitslücken.
























