Er wurde als Kind dazu erzogen, Juden zu töten. Heute ist er einer der lautstärksten Verteidiger Israels weltweit. Dor Shachar, geboren als Aiman Abu Suboh in Khan Yunis, ist eine Figur, die niemanden kaltlässt
„Er ist ein Verräter und ein Lügner. Er wird buchstäblich dafür bezahlt, so etwas zu sagen.“ So beschreibt ein palästinensischer Kommentator einen Mann, der es gewagt hat, die Seiten zu wechseln. In arabischen sozialen Medien ist der Ton noch schärfer: „Schande für seine Familie“, „Abtrünniger“, „Werkzeug der Zionisten“.
Der Mann, der diesen Hass ganz besonders auf sich zieht, heisst Dor Shachar. Sein Geburtsname: Aiman Abu Suboh. Er wurde 1977 in Khan Yunis im Gazastreifen geboren, wuchs in der Nachbarschaft der Familie Sinwar auf und lebt heute als Jude und israelischer Staatsbürger in der Nähe von Tel Aviv.
Von Khan Yunis nach Tel Aviv
Shachars Kindheit in Gaza war geprägt von systematischer Indoktrination. Sein Grossvater erklärte dem Dreijährigen, er müsse später Juden töten. In der UNRWA-Schule lehrte man die Kinder, Juden sein böse und das höchste Gebot sei, sie umzubringen. Als der kleine Aiman sich weigerte, die Hassparolen mitzusprechen, wurde er vom Lehrer geschlagen und vom Direktor gepeitscht. Zu Hause drohte sein Vater mit Erhängen und Verbrennen.
Den ersten Riss im Feindbild verursachte ein Bonbon: Ein israelischer Soldat gab es dem Sechsjährigen beim Fussballspielen. Sein Vater warnte, es könnte vergiftet sein. Die Diskrepanz zwischen dem gelernten Bild vom „jüdischen Monster“ und der erlebten Menschlichkeit wurde mit den Jahren immer grösser. Mit dreizehn floh Aiman allein nach Israel, arbeitete Jahre illegal auf Baustellen und traf dort Nissim Ozen – einen religiösen Juden, der ihn aufnahm und ihm Hebräisch beibrachte. Als Ozen ihn zum Pessach-Seder einlud und die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählte, sagte Shachar: „Ich will jüdisch werden“.
Der Weg zur Konversion dauerte Jahre und führte durch Gefängnis und Folter. Als illegaler Arbeiter wurde Shachar verhaftet und nach Gaza abgeschoben, wo die Behörden ihn sechs Monate lang folterten – kopfüber aufgehängt, mit heissem und kaltem Wasser übergossen, geschlagen und geschnitten. Seine Familie empfing ihn mit den Worten, er solle sich schämen, keinen Juden getötet zu haben. Über Ägypten und die Türkei kehrte er ein zweites Mal nach Israel zurück und schloss nach Jahren an einer Jeschiwa seine Konversion ab. Aus Aiman Abu Suboh wurde Dor Shachar.
Das Phänomen
Shachar ist nicht allein. Mosab Hassan Yousef, Sohn des Hamas-Mitbegründers, arbeitete über ein Jahrzehnt als Informant für den Shin Bet und verhinderte Dutzende Selbstmordanschläge. Auslöser war die Erfahrung, dass die Hamas ihre eigenen Leute im Gefängnis folterte. Auch Ahmed Fouad Alkhatib, ein in Gaza geborener Amerikaner wirbt für Dialog und Koexistenz – und wird dafür von der pro-palästinensischen Bewegung als Verräter gebrandmarkt.
Was diese Menschen eint, ist ein Schlüsselmoment: die Kluft zwischen dem eingetrichterten Feindbild und der erlebten Realität. Für Shachar war es das Bonbon eines Soldaten und der Pessach-Seder bei einer jüdischen Familie. Für Yousef die Folter der eigenen Leute durch die Hamas.
Was Shachar über Gaza sagt
Shachar macht Aussagen, die viele erschrecken. In der Jerusalem Post sagte er, es gebe in Gaza keine Bürger, die gegen die Hamas seien. Gegenüber Voz Media sprach er von 99 Prozent der Haushalte, die Terror unterstützten. Das sind Pauschalurteile, und man darf sie als solche diskutieren. Aber sie kommen von einem Mann, der als Kind sah, wie Opposition und Friedensaktivisten auf offener Strasse enthauptet und an Autos durch Khan Yunis geschleift wurden. Hier spricht kein kalter Ideologe, sondern jemand, der sich aus einer Todeskultur herausgekämpft hat.
Bereits 2019 warnte Shachar im israelischen Fernsehen, die Bevölkerung Gazas habe ihre Seele an die Hamas verloren. Ein ehemaliger Shin-Bet-Offizier widersprach ihm live. Nach dem 7. Oktober sagte Shachar: „Es war eine Schande, dass sie nicht auf mich gehört haben“. Im ntv-Interview nannte er den Konflikt keinen Territorialstreit mehr, sondern einen Religionskrieg gegen jüdische und christliche „Ungläubige“ weltweit.
Man muss Dor Shachars Aussagen nicht für bare Münze nehmen. Wenn er sagt, 99 Prozent der Haushalte in Gaza unterstützten den Terror, oder wenn er erklärt, es gebe dort keine Unschuldigen, dann sind das keine differenzierten Analysen – es sind die Worte eines Mannes, der alles, was er war, radikal von sich abgeschnitten hat. Shachar hat nicht nur seine Heimat verlassen, sondern seine Religion, seine Sprache, seine Familie, seinen Namen. Wer einen derart totalen Bruch vollzieht, braucht klare Linien. Die Grautöne, die in der Realität existieren, werden zum Feind, weil sie die Entscheidung verwischen, die das eigene Überleben ermöglicht hat.
Wer als Kind gefoltert wurde, weil er nicht hassen wollte, wer sah, wie Menschen auf offener Strasse enthauptet wurden, wer von der eigenen Familie verstossen wurde, weil er keinen Juden getötet hatte – der schaut nicht zurück mit Nüchternheit. Die vollständige Negierung seiner alten Identität ist sein Schutzschild. Aber sie ist auch eine Quelle von Verzerrung.
Und doch wäre es ein Fehler, seine Stimme deshalb abzutun. Denn hinter den Übertreibungen liegt ein Kern, den die internationale Gemeinschaft zu oft ignoriert: dass in grossen Teilen der palästinensischen Gesellschaft eine Erziehung zum Hass stattfindet, die systematisch, institutionell und generationenübergreifend ist.
Seit dem 7. Oktober reist Shachar durch die USA, Europa und Israel, um seine Geschichte zu erzählen – die er in seinem Buch From Gaza to Tel Aviv festgehalten hat, das auf Hebräisch, Englisch und Spanisch erhältlich ist. Der Hass, den er aus der arabischen Welt dafür erntet „Verräter“, „Schande“, „Werkzeug der Zionisten“ schüchtert ihn nicht ein. Er hat Schlimmeres erlebt.
























Vielen Dank für diesen Bericht. Sein Gott, der auch der meine ist, segne und behüte ihn!
Wow.