Premierminister Benjamin Netanyahu an der Grenze des Gazastreifens. Foto Haim Zach / GPO
Premierminister Benjamin Netanyahu an der Grenze des Gazastreifens. Foto Haim Zach / GPO

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um darüber zu reflektieren, wie schwierig es sein muss, diese Woche Benjamin Netanjahu zu sein. Oder vielleicht doch nicht. Er ist ein sehr mächtiger Mann und verdient keine unserer emotionalen Unterstützung. Dennoch ist die Position, in der er sich befindet, sehr lehrreich – weit über die Auswirkungen des gegenwärtigen Nachrichtenzyklus hinaus.

 

von Yaacov Lozowick

Als Führer der Opposition hatte Netanyahu regelmässig die Regierung verspottet, indem er versprach, nach seiner Rückkehr an die Macht entschlossen und effektiv gegen die palästinensische Gewalt vorzugehen. Die israelischen sozialen Medien sind voll von seinen früheren Plänen für Hamas in Gaza, die er ein für alle Mal zu besiegen versprach.

Doch hier ist er nun, und autorisiert zu Beginn dieser Woche die Überweisung von Millionen Dollar aus Katar, um die Herrschaft der Hamas in Gaza zu verstärken. Dann schickt er die israelische Luftwaffe, um eine Reihe von vorgezeichneten Zielen in Gaza sorgfältig zu bombardieren, und akzeptiert dann einen Waffenstillstand mit der Hamas. Nur um danach beobachten zu müssen, wie seine Koalition zerbröckelt. Seine politischen Verbündeten und Rivalen werden all dies nutzen, um ihn wegen seiner Unentschlossenheit anzugreifen.

Ein Teil davon kommt daher, dass Netanyahu einen tiefen Widerwillen empfindet, Soldaten in den Tod zu schicken. Ich habe das einmal hautnah gesehen und hier darüber geschrieben. Es gibt jedoch eine wichtige strukturelle Erklärung, die geklärt werden muss, und dies ist die dunklere Seite der gerühmten Politik des Konfliktmanagements, die oftmals übersehen wird.

Wohl war diese Politik das Kernelement des Verhaltens Israels seit dem Scheitern des Oslo-Prozesses.

Wenn man davon ausgeht, dass das meiste, was Israel den Palästinensern anbieten kann, wesentlich weniger ist als das Mindestmass, das die Palästinenser fordern, um den Konflikt zu beenden – oder umgekehrt – dass das meiste, was die Palästinenser Israel anbieten können, weniger ist als die Forderungen der Israelis, damit diese bereit sind, die volle Kontrolle an einen souveränen palästinensischen Staat zu übergeben – dann gibt es keine Chance auf Frieden. Oder zumindest besteht solange keine Chance, bis eine der Seiten ihre grundlegende Position ändert.Das Ziel besteht dann darin, den Konflikt mit einem Minimum an Gewalt zu leiten – aber nicht, ihn zu beenden. Die meisten Israelis, mit Ausnahme der politischen Extreme, würden irgend einer Version dieser Politik beipflichten. Es mag gut sein, dass eine Mehrheit der Palästinenser diese Politik auch akzeptiert, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass Israel eines Tages ermüdet und schwanken wird. Wohlmeinende Ausländer wie Barack Obama und John Kerry hoffen weiterhin, dieses Modell zu brechen, nur um immer wieder zu scheitern.

Aber es gibt einen Haken: Einen Konflikt „leiten“ bedeutet, dass man nicht einem Frieden entgegen strebt, der unerreichbar ist. Es bedeutet aber auch, dass man den Feind niemals vollständig besiegt.Die „Leitung“ eines Konflikts hängt von der Beständigkeit des Feindes ab: Es wird unmöglich eine Einigung zu erzielen, durch welche die Feindschaft verschwindet, aber ebenso können keine militärischen Massnahmen ergriffen werden, um den Feind zu entfernen. Wie Netanyahu weiss, könnte die IDF Gaza erobern und die meisten Anführer der Hamas töten. Doch dann was? Würde die Ideologie der Hamas, Israel solange anzugreifen, bis der Staat eines Tages zusammenbricht, auch verschwinden? Dies würde sie nicht. Würde ein neues Kapitel der israelischen Herrschaft in Gaza irgendjemandem gut tun? Ganz bestimmt nicht.

Und so tut der Premierminister Netanyahu das Gegenteil von dem, was der Oppositionsführer Netanyahu versprochen hatte. Er versucht die Hamas einzudämmen und deren Schaden zu begrenzen, während er gleichzeitig die Hamas stärkt, damit sie die Verantwortung für Gaza trägt : besser sie als wir. Er setzt darauf, dass die meisten Israelis verstehen, was er tut, und ihm widerwillig zustimmen. Und ihm irgendwann im Jahr 2019 einen weiteren Wahlsieg bescheren werden.

Der Historiker Dr. Yaacov Lozowick ist Dozent an der Abteilung für Informationswissenschaften an der Bar Ilan Universität. Von 2011-2018 war er israelischer Staatsarchivar und von 1993 bis 2007 Direktor des Archivs in Yad Vashem. Übersetzung Audiatur-Online.

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