Wohl noch nie hatte ein gescheiterter symbolischer Akt so schnell so gewaltigen Erfolg gehabt wie die Seereise des schwedischen Dreimasters Estelle vergangene Woche. Siebzehn Friedensaktivisten, unter ihnen fünf Parlamentarier aus Europa, waren aufgebrochen, um die laut ihrem Wortlaut „illegale und inhumane israelische Belagerung des Gazastreifens zu durchbrechen“. Ihr Schiff habe „humanitäre Güter für die notleidende Bevölkerung Gazas an Bord“, erklärten sie. Wie alle Flottillen zuvor wurde auch die Estelle von der israelischen Marine weit vor Gazas Küste abgefangen, die Aktivisten nach kurzer Zeit abgeschoben. Dennoch verkündete Ministerpräsident Ismail Haniyah, der den Gazastreifen im Namen der radikal-islamischen Hamas regiert, nur drei Tage später den totalen Sieg: Die „ungerechte Belagerung des Gazastreifen, die die Kräfte der Unterdrückung und der Dunkelheit uns auferlegten“, sei „offiziell durchbrochen“, so Haniyah. Also trotzdem voller Erfolg der Estelle?

Weit gefehlt. Die Rede Haniyahs galt nicht den Friedensaktivisten, sondern dem Emir von Katar, der dem Landstrich einen historischen Besuch abstattete. Es war das erste Mal, dass ein Staatsoberhaupt den Gazastreifen besucht seitdem die Hamas dort im Sommer 2007 mit einem blutigen Putsch die Macht an sich riss. Doch weder Scheich Hamad bin Khalifa al Thani noch die Estelle haben Gazas Belagerung beendet. Die wurde nämlich schon 2010 faktisch aufgehoben.

Die Blockade wurde ursprünglich als diplomatisches Druckmittel und militärische Vorsichtsmassnahme verhängt. Als Israels Erzfeind Hamas den Landstrich eroberte, wollte Jerusalem ein Exempel statuieren: Wenn Palästinenser sich für Islamisten entscheiden, die weder Israels Existenzrecht anerkennen, noch mit Israel verhandeln wollen und Selbstmordattentate und den Beschuss israelischer Städte als Heldentaten feiern, würde ihnen ein Preis abgefordert. Als Gegenbeispiel sollte das von der pragmatischeren Fatah kontrollierte Westjordanland aufblühen und so klarmachen: Wer mit Israel verhandelt, dem geht es gut, wer weiter kämpft, schlecht. Auch militärisch machte der Gedanke einer Einfuhrkontrolle bedingt Sinn: Die Hamas rüstet beständig auf, das wollte Israel verhindern.

Doch Israel führte die Politik ad absurdum. Bald standen auch Kinderbücher, Koriander und Musikinstrumente auf der Liste der Einfuhrbeschränkungen. Statt die Hamas zu schwächen, wurde sie durch die Blockade gestärkt. Unterhalb der Grenze mit Ägypten florierte der Schmuggel, und jeder Schmuggler entrichtet der Hamas eine Gebühr. Während legitime Händler, die Beziehungen mit Israel unterhielten, Pleite machten, florierte das Geschäft der Hamas und der Unterwelt. Gleichzeitig untergrub Israel seine eigene Strategie im Westjordanland, wo es Verhandlungen mit pragmatischen Palästinensern im Sand verlaufen liess.

Das Debakel der Mavi Marmara, bei dem israelische Kommandos ein türkisches Schiff nach Gaza stürmten, neun Aktivisten töteten und damit die Beziehungen zur Türkei in eine tiefe Krise stürzten, beendete 2010 die jeder Logik entbehrende Belagerungspolitik. Heute ist Gaza zwar nicht frei, aber definitiv nicht mehr belagert. Täglich reisen laut Statistiken der Hamas etwa 1200 Palästinenser über die Grenze mit Ägypten ein und aus. Hunderte Lastwagen liefern jeden Tag Güter aus Israel an. Deren Inhalt wird von der Hamas beschränkt, damit ihre Gewinne vom Grenzschmuggel mit Ägypten nicht zu sehr schrumpfen. Auf Gazas Märkten stapeln sich Obst und Gemüse. Das iPhone5 ist hier bereits zu haben, während man in Israel noch auf den Import des Smartphones wartet. Dieses Jahr soll Gazas Wirtschaft um 9% wachsen, die im Westjordanland nur um 5%.

Palästinenser können daraus nur eine Konsequenz ziehen: Wer mit Israel verhandelt, ist selber schuld. Der Weg der Hamas ist erfolgreicher. Und so fliegen weiterhin jede Woche Raketen von Gaza aus auf israelische Städte, und rücken den Frieden noch weiter in die Ferne. Die Aktivisten auf der Estelle kümmerte das ebenso wenig wie der Umstand, dass die Bevölkerung in Gaza von ihrer eigenen Regierung nicht minder terrorisiert wird wie von den Überresten der israelischen Besatzung. Überhaupt scheint die Lage in Gaza sie weniger interessiert zu haben als die Aufmerksamkeit der Medien für ihr falsches Manöver: Die einzigen humanitären Güter, die israelische Soldaten an Bord der Estelle fanden, waren zwei Rollstühle.

© Gil Yaron

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4 KOMMENTARE

  1. „Statt die Hamas zu schwächen, wurde sie durch die Blockade gestärkt.“ 1.Es war zu keiner Zeit eine volle Blockade.2. Mit der gleichen Logik könnte man Churchill zum Vorwurf machen, dass er mit seinem Widerstand gegen Nazideutschland Hitler gestärkt hat. „Das Debakel der Mavi Marmara, bei dem israelische Kommandos ein türkisches Schiff nach Gaza stürmten, neun Aktivisten töteten und damit die Beziehungen zur Türkei in eine tiefe Krise stürzten, …“ Gil Yaron unterschlägt sowohl den Hintergrund, der u.a. HIER http://www.audiatur-online.ch/2012/06/19/ermittlungen-gegen-ihh-fuehrer/ dargestellt wird, als auch die Tatsache, dass die Beziehung zur Türkei schon vorher abgekühlt war und dass da auch mehrere israelische Soldaten schwer verletzt wurden. Irgendwie ist das so ne Art Pawlowscher Reflex: Immer wenn Gil Yaron etwas über Israel schreibt, dann muss spätestens ab dem 3. Absatz irgend ein Seitenhieb zur „bösen Besatzung“ oder zur „ Regierung“ drinstehen.( So wie SPON und SZ immer von „Siedlungen = Friedenshindernis“ Hardliner Netanjahu/ Libermann“ und der bösen IDF reden) Mit einem Studium von Fakten, wie z.B. den Osloer Verträgen scheint sich dieser wunderhübsche linke Israeli genauso wenig abzugeben wie seine deutschen Brüder im Geiste . Aber er sieht natürlich total süß aus und ist bestimmt auch sonst ganz entzückend – das spricht unbedingt für ihn. Der Rentner von der Kölner Domplatte hat nicht halb so gute Manieren. Bin gespannt, ob das für AUDIATUR auf Dauer reicht…

    • Niemand ist vor selektivem Lesen geschützt: Sie nicht und wir auch nicht. Wir haben über den 3. Satz hinausgelesen und uns auf Gil Yarons Ausführungen der wirtschaftlichen Lage in Gaza und die wahren Motive der sogenannten Friedensaktivisten konzentriert (vorletzer und letzer Absatz), etwas was man in vielen Medien nicht zu lesen bekommt. Da lassen wir uns eher von diesen Aussagen überzeugen, als von Gil Yarons Aussehen.
      Zudem wird Ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass wir Gil Yarons Beitrag mit links zu anderen Beiträgen versehen haben, die Ihrem Geschmack eventuell eher entsprechen könnten, und einen Gegenpunkt zu seinen gemachten Aussagen geben.
      Da Ihnen das Aussehen eines Autors wichtig zu sein scheint, werden wir uns bemühen, einen heissen Typen aus der rechtskonservativen Israel-Szenen aufzutreiben. Vorschläge nehmen wir gerne entgegen.

      • Meine Replik galt „pars pro toto“ – man muss keinen Ochsen verzehren, um zu wissen, wie ein Steak schmeckt. Das Aussehen eines Autors ist mir im Übrigen herzlich egal. Ob einer rechts, links, oben oder unten steht, ebenfalls – solange er nur bei den Fakten bleibt. Aber wenn jemand so schreibt, als ob er die Osloer Verträge genauso wenig zu Kenntnis genommen hat wie die anderen SACHLICHEN Grundlagen der gegenwärtigen israelischen Politik, dann kommt man schon ins Grübeln, was die Redaktion wohl bewogen haben könne…

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