Während die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die Muslimbruderschaft verboten und ihre Netzwerke zerschlagen haben, lässt der Westen sie in Universitäten, Parlamenten und Nichtregierungsorganisationen gewähren. Ein junger emiratischer Politanalyst erklärt im Gespräch mit Audiatur-Online, weshalb der Golf den Krieg gegen den Islamismus gewinnt – und Europa ihn gerade verliert.
In einem kürzlich in der NZZ erschienenen Essay machte die marokkanisch-amerikanische Analytikerin Zineb Riboua eine Beobachtung, die europäische Leser beunruhigen sollte: Der politische Islam verliert in der muslimischen Welt allmählich an Boden und formiert sich im Stillen in westlichen Demokratien neu, wo er vom Rand in die Mitte der Politik, der Zivilgesellschaft und der akademischen Kultur vorrückt.
Ahmed Sharif Al Ameri vertritt eine ähnliche Sicht seit Jahren. Der Unterschied: Er äussert sie aus dem Innern der muslimischen Welt heraus, als junger emiratischer Politanalyst. Er ist Muslim. Und er ist eine der klarsten arabischen Stimmen, die argumentieren, dass der Golf und insbesondere die VAE inzwischen einen anhaltenden intellektuellen und medialen Krieg gegen den Islamismus führen, den der Westen auf eigenem Boden zu führen sich weigert.
In Abu Dhabi ist die Muslimbruderschaft eine verbotene Organisation; ihre Netzwerke sind zerschlagen, ihre Prediger aus dem Äther verbannt, ihre Tarnorganisationen finanziell trockengelegt. Staatlich gestützte Institutionen – das Ministerium für Toleranz, der Muslimische Ältestenrat, das Abrahamic Family House, in dem Moschee, Kirche und Synagoge nebeneinanderstehen – treten dem islamistischen Anspruch, für den Glauben zu sprechen, aktiv entgegen. Emiratische Kommentatoren, unter ihnen Al Ameri, befassen sich tagtäglich damit, die Finanzströme der Bruderschaft offenzulegen, Tarnstrukturen aufzudecken und im Fernsehen wie in den sozialen Netzwerken für einen selbstbewussten, modernen, toleranten Islam zu werben.
Al Ameri ist überdies, offen und ohne jede Verklausulierung, ein Freund Israels. Die Abraham-Abkommen sieht er als strategische Wende in der Geschichte der Region, und er wendet sich direkt an israelische und jüdische Zuhörer, um zu erklären, weshalb die VAE dieses Wagnis eingegangen sind. Sein Blick auf Europa ist schonungslos: Ein Jude, so argumentiert er, sei in Abu Dhabi sicherer als in manchen Quartieren von London oder Paris; im Westen habe man zugelassen, dass der Antisemitismus zu einer salonfähigen Meinung werde, während er in seinem Land als das geahndet werde, was er sei – ein Verbrechen am Gesellschaftsvertrag.
Audiatur-Online wollte mehr über Al Ameri und die Position erfahren, die er vertritt. Ein Gespräch.
Audiatur-Online: Herr Al Ameri, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit nehmen. Eine naheliegende Frage zu Beginn: Was sollen israelische und jüdische Leser zuallererst über die emiratische Sicht auf diese Region verstehen?
Al Ameri: Dass die VAE unter Scheich Mohamed bin Zayed sich entschieden haben, das pulsierende Herz eines anderen Nahen Ostens zu sein – modern, stabil, wohlhabend, integriert. Unser Engagement gegenüber Israel ist weder ein Gefallen noch eine Mode. Es ist ein strategisches Bekenntnis zu einer gemeinsamen Zukunft. Ein starkes, sicheres Israel nützt der Region, die wir aufzubauen versuchen.
Sie nennen es ein Bekenntnis zu einer gemeinsamen Zukunft. Was hat die VAE konkret bewogen, die Beziehungen zu Israel zu normalisieren?
Die Abraham-Abkommen waren eine souveräne, vorausschauende Entscheidung. Sie haben eine neue Achse der Zusammenarbeit eröffnet – in Geheimdienstfragen, Technologie, Verteidigung, künstlicher Intelligenz, Wasser- und Gesundheitsversorgung. Der direkte Austausch auf hoher Ebene mit Israel sorgt für wirtschaftliche Diversifizierung, beschleunigt den Aufbau der Wissensökonomie, erweitert unsere strategische Tiefe und schafft eine Sicherheitsarchitektur für die gesamte Region. Wir haben die Gleichung verändert, sodass alle, die Palästinenser eingeschlossen, sich mit der Realität auseinandersetzen müssen statt mit Schlagworten.
Sie sprechen von Realität statt Schlagworten. Genau diese Auseinandersetzung führen Sie auch publizistisch: Ein Grossteil Ihrer Arbeit besteht in Texten und Podcasts, die die Gefahr des politischen Islam erläutern. Weshalb dieser Kampf, und weshalb gerade jetzt?
Weil es die prägende ideologische Auseinandersetzung unserer Generation ist – und weil weite Teile des Westens noch nicht bemerkt haben, dass sie stattfindet. Der Islamismus ist ein politisches Projekt des zwanzigsten Jahrhunderts, das den Glauben von 1,8 Milliarden Menschen als Deckmantel für einen Griff nach der Staatsmacht missbraucht. Am Golf bekämpfen wir ihn seit Jahrzehnten – intellektuell, juristisch, in unseren Medien, in unseren Moscheen. Wir haben so viel Boden gewonnen, dass die Bruderschaft im grössten Teil der arabischen Welt auf dem Rückzug ist. Das Problem ist, dass sie ihr Hauptquartier in Ihre Hauptstädte verlegt hat.
Bleiben wir bei diesem Hauptquartier. Weshalb betrachten die VAE die Muslimbruderschaft als derart ernsthafte Bedrohung – ernster offenbar, als Europa es tut?
Weil sie transnational, diszipliniert und geduldig agiert. Ihr Ziel ist nicht Reform, sondern die Ablösung des modernen Staates durch ihr eigenes Projekt. In den siebziger und achtziger Jahren versuchte sie, die VAE über Al-Islah zu unterwandern. Der Arabische Frühling hat der Welt vor Augen geführt, was geschieht, wenn sie an die Hebel der Macht gelangt. Wir haben ihre Netzwerke im Inland zerschlagen, und wir behalten sie im Ausland im Auge. Wie Scheich Abdullah bin Zayed (Aussenminister) bereits vor Jahren warnte: Europa werde aufgrund seiner politischen Korrektheit und seiner Annahme, den Islam und den Nahen Osten besser zu verstehen als wir, weit mehr radikale Extremisten hervorbringen. Das war keine Prognose. Das war eine Diagnose.
Zineb Riboua hat kürzlich in der NZZ geschrieben, der Islamismus verliere in der muslimischen Welt an Boden, gewinne ihn aber im Westen. Erkennen Sie dieses Bild wieder?
Al Ameri: Vollständig. Genau so sieht die Lage aus. Gehen Sie durch Abu Dhabi oder Rabat – die Bruderschaft ist in der Defensive. Ihre Prediger treten nicht mehr im Staatsfernsehen auf. Ihre Tarnorganisationen sind geschlossen. Die Rekrutierung Jugendlicher bricht ein, weil junge Araber Dubai sehen, den Golf sehen, sehen, wie ein selbstbewusstes, modernes muslimisches Land aussieht – und genau dieses Leben wollen sie. Schauen Sie nun nach London, Paris, Berlin, Brüssel, auf amerikanische Universitätscampus. Dieselben Netzwerke, die wir verboten haben, betreiben dort Nichtregierungsorganisationen, finanzieren Lehrstühle, kandidieren für Stadträte, übernehmen Studierendenvertretungen und prägen den Diskurs über Israel und über Juden. Auf der arabischen Strasse haben sie verloren. Auf der westlichen sind sie dabei, zu siegen. Und der Westen hilft ihnen dabei – im Namen der Toleranz.
Kehren wir kurz zurück in die arabische Welt. Weshalb werfen dort viele den VAE wegen dieses Kampfes nach wie vor vor, sie seien islamfeindlich?
Al Ameri: Weil die Bruderschaft fünfzig Jahre lang gewöhnliche Muslime davon überzeugt hat, dass, wer sich ihnen widersetze, sich dem Glauben widersetze. Es ist der älteste Trick im Repertoire des politischen Islamismus. Die Antwort ergibt sich aus dem, was die VAE tatsächlich tun: Sie zählen zu den grössten Geldgebern für islamische Entwicklungs- und humanitäre Arbeit weltweit, sie haben das Abrahamic Family House errichtet, sie beherbergen den Muslimischen Ältestenrat. Wir verteidigen den Glauben gegen jene, die ihn instrumentalisieren wollen.
Wie beurteilen Sie westliche Universitäten und den öffentlichen Diskurs zu Israel und Antisemitismus?
Selektiv und zutiefst verworren. Nach dem 7. Oktober haben Elite-Universitäten offene Gewaltaufrufe gegen Juden geduldet, während sie zugleich Israels Recht auf Selbstverteidigung verurteilten. Das ist keine Wissenschaft, das ist ideologische Vereinnahmung – und wer da vereinnahmt, sind eben jene islamistischen Netzwerke, die ich beschrieben habe. Sie haben gelernt, dass sie im Westen das Argument gar nicht gewinnen müssen. Es genügt, das Argument unaussprechlich zu machen. Ich werde etwas sagen, was für europäische Leser unbequem ist: Ein Jude ist sicherer, wenn er durch Abu Dhabi geht, als in vielen Quartieren von London oder Paris. Im Westen ist Antisemitismus zu einer akzeptablen Meinung geworden. In meinem Land wird er als das behandelt, was er ist: ein Verbrechen.
Das grösste islamistische Regime der Welt steht heute in Teheran. Ist das der Grund, weshalb Iran am Golf als so unmittelbare Bedrohung wahrgenommen wird?
Al Ameri: Das iranische Regime exportiert eine revolutionäre Ideologie – mit Raketen, Drohnen und Milizen. Teheran strebt Einfluss auf die regionalen Dynamiken und auf die Energierouten an und verfolgt dieses Ziel auf Kosten der eigenen Bevölkerung. Die VAE setzen dem Diplomatie, Stärke und Partnerschaften entgegen, die der Stabilität dienen statt der Eskalation.
Die VAE haben am eigenen Leib erfahren, was iranische Aggression bedeutet. Trotz massiver Angriffe konnte das Land seine Sicherheit und Souveränität behaupten. Sollte der Krieg gegen Iran fortgeführt werden, bis das Regime fällt?
Ich befürworte maximalen Druck, Abschreckung und gezielte Massnahmen, die das Regime zu verantwortungsvollem Verhalten zwingen. Ein umfassender Krieg zum erzwungenen Regimewechsel birgt jedoch erhebliche Risiken. Ich plädiere für Eindämmung, verbunden mit der Unterstützung jener iranischen Stimmen im Innern, die Veränderung fordern. Das beste Ergebnis wäre ein iranisches Regime, das pragmatisch genug ist, sich am Aufbau des neuen Nahen Ostens zu beteiligen, statt ihn zu bekämpfen. Die Iraner sind ein begabtes Volk; in einem anderen Szenario wären sie Partner bei dem, was wir aufbauen.





















